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Interview

„Ohne Judo wäre ich vielleicht schon tot“

Drei Judo-Nationaltrainer sprechen mit MZ-Redakteur Benjamin Neumaier über Volkshelden, Weißbier und wie Sport ihr Leben verändert hat.
Von Benjamin Neumaier, MZ

Aleksei Budolin, Dimitri Mozorov und Valery Makarov (von links) fachsimpeln mit Otto Kneitinger und haben dabei viel Spaß. Foto: Neumaier

Abensberg/Bad Gögging. Die russische Judo-Nationalmannschaft war gerade zur Vorbereitung auf die Europameisterschaft und auf den Grand Prix in Tyumen in Russland in Abensberg. An die mit fünf Medaillen bei den Olympischen Spielen in London stärkste Judo-Nation hängen sich kleinere Judo-Nationen wie Österreich oder Estland, die im Training von der Klasse der Russen profitieren wollen. Die MZ sprach mit den russischen Trainern Vitaly Makarov, Dimitri Morozov, dem estnischen Trainer und ehemaligen Bundesliga-Judoka des TSV Abensberg Aleksei Budolin sowie Otto Kneitinger vom TSV Abensberg über Trainingsmethoden, Vladimir Putin und Abensberger Weißbier.

Herr Makarov, Herr Morozov, warum machen sie die finale Wettkampfvorbereitung für die Europameisterschaft gerade in Abensberg?

Makarov: Wir sind auf einem Trainings-Marathon, waren in Spanien oder auch Österreich. Ortswechsel tun gut, so vermeiden wir einen Lagerkoller. Aber besonders hier haben unsere Athleten alles was sie brauchen.

Morozov: Natürlich machen wir uns im Vorfeld Gedanken: wo in Europa habe ich kurze Wege vom Hotel zum Training, wo passt das Essen, wo haben wir schnelles Internet, wo haben wir gute Erfahrungen gemacht – und in Abensberg passt alles. Außerdem haben wir durch Otto Kneitinger sehr gute Verbindungen nach Abensberg. Er hilft uns nicht das erste Mal.

Kneitinger: Dabei lief die Organisation nicht optimal, denn die deutschen Judoka sind alle in Berlin versammelt und trainieren dort. Deshalb habe ich andere Nationalteams als Randori-Partner eingeladen – wie die Esten mit Aleksei.

Budolin: Und ich habe sofort zugesagt. Ich habe sieben Jahre für Abensberg gekämpft. Wenn Otto mich anruft oder mir eine Mail schreibt, dann komme ich – egal ob Trainingslager oder Urlaub. Außerdem ist es für meine Jungs ein gutes Training. Und der Verband hat Geld zur Verfügung gestellt – das ist für die Russen normal, für uns nicht.

Wie trainieren sie?

Makarov: Bei uns sind die Trainingspläne zweigeteilt. Es gibt einen für die EM- und einen für die Grand-Prix-Starter.

Morozov: Es ist alles drin – kämpfen, Krafttraining und Regeneration.

Budolin: Ich will meine Jungs auf ein höheres Level führen – dafür brauchen sie die besten Trainingspartner.

Abensberg ist das Judo-Mekka Deutschlands – wie bekannt ist der deutsche Rekordmeister in ihren Heimatländern?

Budolin: Obwohl mit Indrek Pertelson und mir zwei Esten beim TSV gekämpft haben, kennen den Verein in Estland nur Wenige.

Morozov: Das ist in Russland ein bisschen anders. Natürlich kennt nicht jedes Kind den TSV, aber Judo hat an Stellenwert gewonnen – und Abensberg ist durch seine Erfolge im Europacup gut bekannt.

Was verbindet sie persönlich mit Abensberg?

Morozov: Ich habe Kämpfe gegen Daniel Lascau und Marko Spittka im Kopf. Mit meinem Verein Frankfurt/Oder war ich öfter bei Bundesliga- und Europacup-Kämpfen hier.

Makarov: Einer meiner großen Rivalen Jimmy Pedro kämpfte für Abensberg. Das waren harte Fights.

Budolin: Für mich ist Abensberg meine zweite Heimat, schließlich war ich sieben Jahre hier. Als ich vergangene Woche ankam, war mein erster Eindruck, dass sich nichts verändert hat – und das ist gut so. Die Menschen, die Stadt – alles ist perfekt.

Morozov: Außerdem haben wir nach den Kämpfen hier die Nacht zum Tag gemacht. Das hat schon mit dem Weißbier-Ex-Trinken nach dem Kampf angefangen.

Kneitinger: Und du warst gar nicht mal schlecht.

Morozov: Ich hab alles gegeben, auch wenn ich lieber Pils trinke.

Makarov: Das Weizen-Exen kenne ich auch. Ich habe zwar nicht in Abensberg, aber zumindest in Bayern mein erstes Bier getrunken. Ich mochte es vorher nicht. Doch dann wurde ich kurz darauf Weltmeister – seitdem schmeckt’s mir.

Auch Vladimir Putin ist bekennender Biertrinker und Judokämpfer.

Makarov: Ja er liebt Judo. Ich habe ihn einmal in einem Trainingslager kennenlernen dürfen. Er ist sehr beschäftigt, doch wenn er Zeit hat, steht er auf der Matte.

Morozov: Seitdem er Präsident ist, ist Judo in Russland populärer geworden.

In Deutschland ist es eine Randsportart.

Morozov: Ehrlich? In Russland machen viele Menschen und besonders Kinder Judo. Das liegt auch daran, dass wir im Trainer- und Vorstandsbereich eine Wachablösung hatten. Das System war stark veraltet. Aber neuerdings kommt Mixed-Martial Arts stark auf. Das nimmt uns viele Talente weg.

Was ist mit Fußball?

Makarov: Die russischen Fußballer verdienen viel Geld, liefern aber keine Resultate.

Mozorov: Die Nummer eins ist ganz klar Eishockey. Aber gerade durch die guten Ergebnisse hat unser Sport einen Schub bekommen.

Auch in Deutschland haben wir mit Ole Bischof einen Judo-Olympiasieger und Silbermedaillengewinner. Er ist aber kaum bekannt. Welt- oder Europameister im Judo kennt niemand. Wie ist das in Russland oder Estland?

Makarov: Unsere Goldmedaillengewinner sind Volkshelden und landesweit bekannt. Zumindest in den ersten paar Monaten. Jetzt ebbt es schon wieder ab.

Morozov: Es gibt aber auch in Russland den Unterschied zwischen WM und EM im Gegensatz zu Olympia. Weltmeister zu sein ist eine tolle Leistung und wird auch wahrgenommen, aber ein Olympiasieg ist eine andere Welt. Das Besondere an den olympischen Judo-Medaillen ist, dass sie mit die ersten sind, die vergeben werden. Am Ende der Spiele waren es aber so viele Medaillen für das gesamte russische Team – die genaue Zahl weiß ich nicht mehr –, dass die Judoka schon wieder etwas untergehen.

Budolin: Es waren 28 Medaillen.

Morozov: Sehen Sie, dafür brauchen wir einen Esten.

Budolin: Ich verfolge halt unseren großen Nachbarn. Im Gegensatz zu ihnen holen wir bei Olympia vielleicht eine Medaille. Aber wir sind auch ein kleiner Staat, haben gerade mal 1,3 Millionen Einwohner.

Werden Judoka durch solche Erfolge in Russland und Estland zu reichen Männern? In Georgien gibt es für eine Goldmedaille 1000 000 Euro.

Budolin: Kleines Land, kleines Geld. Für einen Olympiasieg gibt es in Estland 100000 Euro.

Makarov: Die gibt es auch in Russland. Dazu kam nach London ein Audi A8. Teilweise steuern die Heimatregionen dann noch ein paar Euro bei.

Morozov: Es ist gutes Geld, aber etwa in der Mongolei gibt es wie in Georgien eine Million Euro, ein Haus und dazu für jedes Familienmitglied ein Auto sowie weitere Geschenke.

Können auch Judoka ohne solche Erfolge von ihrem Sport leben?

Budolin: In Estland nicht, da gibt es ja nicht einmal eine Liga. Da kommt es schon auf die olympischen Erfolge an.

Makarov: Es ist relativ professionell. Viele studieren nebenbei. Aber nach der Karriere hat keiner ausgesorgt. Nicht wie die Fußballer. Die mag ich nicht.

Schlechte Erfahrungen?

Makarov: Wir, drei Welt- oder Europameister, saßen einmal in einer Hotellobby in Moskau und warteten schon Stunden auf ein Zimmer. Alles war belegt. Da kommt so ein zehnjähriger Fußballer aus einem Jugendteam eines Profiklubs, wirft den Schlüssel hinter die Rezeption und verlangt ein anderes Zimmer – weil seines keinen Fernseher hat. Das ist kein Benehmen.

Kneitinger: Das Benehmen der russischen Mannschaft hat sich aber auch gebessert. Ihr wart schon teilweise gefürchtet.

Morozov: Da magst Du recht haben, aber das hat auch mit dem Wandel der Welt zu tun. Früher hieß es, wir lachen nie – dabei haben Russen viel Humor. Nur früher sprach niemand aus dem Team Englisch, nicht mal die Trainer – wir haben nicht gelacht, weil wir niemanden verstanden haben. (schmunzelt) Außerdem ist Judo eine gute Schule für das Leben – da kommt es auch oft hart. Die Jungs lernen, dass sie sich Erfolg hart erarbeiten müssen.

Hat Judo auch ihr Leben verändert.

Budolin: Klar. Ich mache den Sport seit ich acht Jahre alt bin. Jetzt bin ich 37 und noch lange nicht am Ende. Ich habe mich schon oft gefragt, was aus mir ohne Judo geworden wäre.

Makarov: Ich wäre vielleicht schon tot.

Tot?

Makarov: Das hätte passieren können. Als mein Bruder 2003 ermordet wurde, sann ich auf Rache. Ich wollte den Verantwortlichen finden. Doch die WM in Tokyo stand vor der Tür. Mein Team war schon nach Japan geflogen, ich ging auf die Beerdigung, dann wurde ich nachgeholt. Das Team hat mich aufgefangen, ich habe meine Aggressivität in den Sport gelegt. Wer weiß, was mit mir passiert wäre, wenn ich auf die Suche nach dem Mörder gegangen wäre. Judo hat mich gerettet.

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