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Wegen einer sportlichen „Schmach“ brachen ihm Husseins Schergen den Arm

Munir Mubdir Jassem vom TSV Siegenburg war irakischer Nationalspieler. Bei Siegen wurde er gefeiert, für Niederlagen musste er büßen.

siegenburg.Über die Vergangenheit möchte Munir Mubdir Jassem am liebsten nicht mehr reden. Sein Körper erinnert den Tischtennis-Bayernligaspieler vom TSV Siegenburg aber tagtäglich an sein Leben im Irak, genauer gesagt an den Februar 2000. Heute noch trägt der 46-Jährige eine Metallplatte ihm linken Oberarm. Schergen des Regimes hatte ihm seine Spielhand gebrochen, weil das Land nach Meinung von Udai Hussein, Sohn des Diktators Saddam Hussein und damals Vorsitzender des Nationalen Olympischen Komitees, eine sportliche „Schmach“ hinnehmen musste.

„Ich war 37 Jahre alt und sollte für den Irak in Katar noch einmal zur Qualifikation für die Asienspiele antreten. Ich habe zu verstehen gegeben, dass es sportlich keinen Sinn mehr mache, und schlug zwei andere Tischtennis-Spieler vor. Sie belegten die Ränge neun und elf und verpassten die Qualifikation“, erzählt der frühere Nationalspieler. Büßen musste Jassem: „Drei Männer lauerten mir am Sitz des Olympischen Komitees in Bagdad auf und brachen mir den Arm.“ Dass Udai Hussein den Auftrag gab, wurde für den einst gefeierten Nationalspieler auch an einer späteren Begegnung mit dem Diktator-Sohn ersichtlich. „Er fragte süffisant: ,Wie geht’s Ihrem Arm?‘“

Die Unberechenbarkeit des Regimes zeigte sich zwei Jahre später, als man den geschmähten Jassem zum Tischtennis-Nationaltrainer machen wollte. Da hatte der Sportler schon Fluchtpläne im Kopf. Über Kurdistan floh er Anfang 2003 Richtung Europa und kam am 10. Februar in Deutschland an. „Ich wollte eigentlich nach England, aber mein Fluchthelfer sagte: ,Hierher und nicht weiter.‘“ 5000 Dollar hatte Jassem gezahlt. „Ich hatte keinen Cent mehr in der Tasche.“ Das neue Leben begann in einem Asylbewerberheim in Germering.

Fast sieben Jahre später blickt der heute 46-Jährige zufrieden auf sein Leben in Bayern. „Ich habe meine Freiheit und erfahre Respekt. Ich bin sehr stolz auf das, was ich in Deutschland erreicht habe.“ Jassem hat es sich hart erarbeitet. Noch im Asylheim lebend, klopfte er beim TSV Unterpfaffenhofen-Germering an, wo man das Tischtennis-Ass – er war 1989 arabischer Meister – mit Freude aufnahm. Vereine in Gilching und Schwabhausen waren weitere Stationen. Am 1. April 2004 konnte er eine kleine Wohnung beziehen. „Ich wollte damals von keinem Verein Geld, sondern nur, dass man mir ein Zimmer vermittelt.“

Heute betreibt Jassem eine Tischtennis-Schule, ist im Bayerischen Verband Referent für Trainer-Fortbildungen – und spielt für den TSV Siegenburg. „Bei einem Lehrgang habe ich einige Spieler aus Siegenburg kennengelernt. Verein und Umfeld gefielen mir und deshalb habe ich zugesagt.“ Mit dem Teamgefüge und den Leistungen ist der TSV-Spielertrainer „sehr zufrieden“.

Schwierige Phasen in Jassems Leben waren nicht nur die Zeiten um die Jahrtausendwende im Irak – damals waren auch seine Eltern und eine Schwester innerhalb von vier Jahren gestorben – und die Anfänge in Deutschland. Er kam schon mit einem Handicap zur Welt. Sein rechter Arm hing wegen einer Verwachsung schlaff herunter.

Seine Kindheit spiegelt die widersprüchliche Welt im Irak wieder. „Einerseits waren es schöne Jahre.“ Auf der anderen Seite kenne „ich unser Land, seit ich denken kann, nur im Kriegszustand“. Sport war für den irakischen Jungen die Möglichkeit, die Lebensumstände zu vergessen. „Ein deutscher Freund unserer Familie hat mir dann die ersten Techniken im Tischtennis beigebracht.“ Der junge Munir Mubdir zeigte Talent. Er gewann Turniere und wurde in die Schüler A-Nationalmannschaft aufgenommen. Mit 15 war er irakischer Meister in der Jugend. In den 80er-Jahren wurden er und seine Nationalkader-Kollegen als „goldenes Team“ gefeiert, wie der 46-Jährige erzählt.

Die Erfolge wurden belohnt. „Wir bekamen Autos und Geld.“ Niederlagen aber verzieh das Regime nicht. 1988 wurden Jassem & Co. hinter Ägypten „nur“ Zweiter bei den arabischen Titelkämpfen. „Udai Hussein hat daraufhin drei Tage Arrest verfügt. Ich war etwa 20 Stunden in einem 1,20 Meter hohen Loch eingesperrt. Dann ließ man mich gehen, wortlos.“ Offenbar sollte diese Warnung genügen.

Im Golf-Krieg nach dem irakischen Angriff auf Kuwait war an eine weitere sportliche Laufbahn nicht zu denken. Von 1991 bis 1999 konnte Jassem kein einziges offizielles Spiel absolvieren. Er verdingte sich mit Trainerstunden in Jordanien. 1999 durfte der Irak nach Jahren des Boykotts wieder an den arabischen Meisterschaften teilnehmen. Der mittlerweile 36-Jährige wurde als ältester Spieler Dritter. „Für mich war es das letzte Turnier.“ Dass Husseins Handlanger für das Karriereende im Nationalteam mitverantwortlich sein würden, konnte Jassem nicht ahnen.

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