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Weltranglisten-Erster ist ein Morgenmuffel

Andrija Zlatic, die Nummer eins der Welt mit der Luftpistole, schießt für Kelheim-Gmünd. Gelassenheit ist seine große Stärke.
von martin Rutrecht, mz

Andrija Zlatic aus Serbien beginnt sein Tagwerk nicht vor 9Uhr. Foto: mar

kelheim. Frühestens um 9 Uhr darf Andrija Zlatic gestört werden. „Davor brauche ich meinen Schlaf“, sagt der Schütze des Bundesliga-Klubs SV Kelheim-Gmünd. Mitunter hat man den Eindruck, dass der 33-jährige Serbe auch danach noch nicht ganz munter ist. Aber ausgeschlafen muss er sein, der Mann: Er ist die Nummer eins in der Weltrangliste der Luftpistolen-Akteure und die Nummer zwei mit der Freien Pistole.

Mit seiner nächtlichen Ruhe nimmt es Zlatic sehr genau. „Ich lehne Einladungen des serbischen Fernsehens für Morgenprogramme ab. Das ist nicht meine Zeit“, sagt das neue Gmünder Aushängeschild leise schmunzelnd. In seinem Heimatland ist der Weltranglisten-Erste ein Sportstar – „aber nichts im Vergleich zu Jasna Sekaric“. Seine Landsfrau, die ebenfalls für den SV schießt, „kennt in Serbien jedes Kind. Jasna tritt in Abendshows auf.“

Ein solcher Rummel ist nichts für den ruhigen Südosteuropäer, der in seiner Geburtsstadt Uzice auch seinen Lebensmittelpunkt fand. „Ich will schießen, Leistung bringen und mich dazwischen entspannen. Alles andere interessiert mich nicht“, so der 33-Jährige. Schon von Kindesbeinen an war der Serbe mit dem Schützensport verbunden. „Als Sechs-, Siebenjähriger bin ich mit meinem Vater mit auf den Schießstand. Ich wollte auch schießen, aber das Gewehr war größer als ich.“

Endlich, mit zehn Jahren durfte Andrija anlegen, sein Bruder hatte auch diese Leidenschaft für sich entdeckt. Mit zwölf Jahren stieg Zlatic auf die Luftpistole um. „Mir hat diese Waffe besser gefallen. In meinem Vater hatte ich jemanden, der mir die Techniken zeigen konnte.“ Zlatic sen. bevorzugte auch die Pistolengattungen. Mit 14 gewann der Gmünder Athlet seine erste Medaille bei serbischen Titelkämpfen. Drei Jahre später war er mit der Freien Pistole Dritter bei den Balkan-Meisterschaften, ein Jahr darauf gewann er bei den Junioren-Europameisterschaften in Sofia mit derselben Waffe die Silbermedaille.

Von da an gab es keinen Zweifel mehr, für welchen Job der junge Mann aus Uzice infrage kam: „Berufsschütze“ nennt er sich. Und tatsächlich kann er in Serbien aufgrund staatlicher Unterstützung von dieser Profession leben. „Wenn man bestimmte Erfolge errungen hat, erhält man ein lebenslanges Gehalt.“ An solchen Meriten mangelt es Zlatic wahrlich nicht.

Bei den Junioren-Europameisterschaften 1998 heimste er zweimal Gold ein. Im selben Jahr wurde er auch Weltmeister. Bei den Herren gewann er heuer seinen zweiten Europameister-Titel, dazu kommen zwei Silbermedaillen bei Weltmeisterschaften. 2011 war ein klasse Jahr für ihn: Neben EM-Gold schoss er bei Weltcup-Einsätzen mehrere Podestplätze ab, darunter den Sieg beim Weltcup-Finale der besten Schützen.

In der Bundesliga hat der Serbe bei seinen bisherigen zwei Einsätzen für Gmünd mit 389 und 392 Ringen auf 40 Schuss sein Spitzenniveau bewiesen. Diese Ringzahlen schafft niemand sonst in der Liga, bestätigen die SV-Betreuer Thomas Karsch und Rudi Rauch. International werden 60 Schuss abgegeben, weshalb Vergleiche zu Zlatic Auftritten in der Weltelite nur bedingt möglich sind. Er selbst schwärmt von einem Wettkampf, als ihm 590 Zähler gelangen. Mit den ersten vier Serien wies er dabei 396 Ringe aus: 99, 100, 100, 97. „Ab der zweiten Serie landete ich 27 Zehner am Stück. Leider waren die letzten drei Schüsse drei Neuner.“

Die Erklärung für diese Ausnahmeleistungen hört sich aus dem Mund des Serben simpel an: „Ich trainiere und entspanne – das ist mein Leben.“ Wenn es der 33-Jährige aus dem Bett geschafft hat, genehmigt er sich ein ausgedehntes Frühstück und bewegt sich danach langsam in Richtung Trainingshalle bei seinem Heimatverein in Uzice. Die zwei, drei Stunden am Stand verbringt Zlatic in höchster Konzentration. „Bei mir gibt es keine lockeren Einheiten. Ich exerziere die Wettkampfabläufe durch, wieder und wieder.“ Hat er das Training hinter sich, geht er ins Café oder ins Kino, erzählt der Weltranglisten-Erste. Gegen 23Uhr trollt er sich ins Bett.

Tag um Tag läuft es bei Zlatic so ab. Wenn er hört, dass andere Schützen joggen oder sich im Fitnessstudio schinden, lächelt der Serbe milde. „Warum sollte ich das tun? Die Resultate stimmen. Wenn ich leistungsmäßig abbaue, muss ich mir Gedanken über mein Training machen, vorher nicht.“ Seine größte Stärke ist eine unheimliche Gelassenheit. „Für mich sind Wettkampf und Training eins. Ich weiß nicht, weshalb ich aufgeregt sein sollte.“

Nationalkader- und SV-Kollegin Jasna Sekaric brachte ihren Landsmann in die Bundesliga. „Sie sagte, ich sollte mal die Erfahrung machen. Und ja, warum nicht, es ist etwas anderes und bereitet mir großen Spaß.“ In der entscheidenden Phase der Liga wird Kelheim-Gmünd aber wohl auf seinen neuen Spitzenmann verzichten müssen. „Ab Januar geht’s für mich los Richtung Olympische Spiele. Bei mir ist alles auf eine Medaille in London ausgerichtet.“

Spitzenschütze, Kelheim-Gmünd Porträt

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