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Leichtathletik

Berlin lockt die Telis-Läufer

Der Abschlusstag bei der Leichtathletik-EM am 12. August wird zum Regensburg-Tag. Ein Trio hat noch Hoffnung.
Von Claus-Dieter Wotruba

Philipp Pflieger (hier beim Marathon 2015) hat an Berlin diverse gute Erinnerungen. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Philipp Pflieger (hier beim Marathon 2015) hat an Berlin diverse gute Erinnerungen. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Regensburg.Alle haben sich inzwischen daran gewöhnt: Wenn die Leichtathleten Europameisterschaften haben, ist Regensburg kräftig vertreten. Das war 2012 in Helsinki mit vier Startern der LG Telis Finanz so, 2014 mit zwei Teilnehmern wieder und 2016 in Amsterdam sogar mit deren sechs. Der Reiz 2018 aber ist ein ganz besonderer: Es ruft eine Heim-EM in Berlin – und vier Regensburger sind bereits sicher qualifiziert. Anja Scherl (32) und Philipp Pflieger (30) aus der Fraktion „Erfahrung“ sind als deutsche Jahresbeste im Marathon genauso dabei wie die Youngster Franziska Reng (22) und Jonas Koller (25).

Das muss nicht das Ende sein. „Wir haben noch drei in der Schleife“, sagt Telis-Teamchef Kurt Ring. Langstrecken-Sternchen Miriam Dattke hält sich schüchtern noch von allen Fotos mit EM-Fahrern fern („Ich bin ja noch nicht nominiert“), hat aber allerbeste Chancen. Der vom Regensburger Team selbst organisierte 10 000-Meter-Lauf spätabends am 23. Juni auf der RT-Bahn hat sich zu einer EM-Ausscheidung entwickelt. Dort wird die Entscheidung fallen. „Dass für mich Berlin überhaupt zur Debatte steht“, wertet Dattke schon jetzt für sich als Erfolg. Kurt Ring drängt nicht: „Von uns bekommt sie vor allem eines – Zeit.“

Vier EM-Fahrer der LG Telis Finanz sind sicher. Anja Scherl, Jonas Koller, Philipp Pflieger und Franziska Reng 8von links) stehen in Berlin im Marathon an der Startlinie. Foto: Wotruba
Vier EM-Fahrer der LG Telis Finanz sind sicher. Anja Scherl, Jonas Koller, Philipp Pflieger und Franziska Reng 8von links) stehen in Berlin im Marathon an der Startlinie. Foto: Wotruba

Über 800 Meter versucht der deutsche Meister Benedikt Huber nach einem von einer Verletzung geprägten Winter rechtzeitig die Kurve zu kriegen. Und dann ist da noch Florian Orth, der Dauerbrenner und einstige 1500-Meter-Läufer, der die letzten drei Europameisterschaften allesamt bestritt, und dem Kurt Ring auch diesmal zutraut, dass er es über 5000 Meter „auch noch packt“.

Vier schnuppern Höhenluft

Längst haben sie sich in Regensburg ihr eigenes System geschaffen und lamentieren nicht, dass die Unterstützung nicht übermäßig groß ist. „Wir sind einigermaßen autark“, sagt Kurt Ring. „Die Lücken, die der Verband aufreißt, versuchen wir individuell zu stopfen.“ Zuvorderst hilft Namensgeber Telis. „Wir Telisianer sind stolz darauf, unterstützen zu dürfen“, sagt Dr. Martin Pöll, der Vorstandsvorsitzende, bei der Pressekonferenz der EM-Fahrer. „Das Streben nach Erfolg verbindet uns. Und durch die wirtschaftliche Tragfähigkeit unserer Firma sind wir zur Unterstützung in der Lage, auch nach der Karriere“ erklärte Pöll mit Blick auf Corinna Harrer, die gerade dem Laufen adieu sagte und nun beim Telis-Konzern angestellt ist.

Auch die EM-Vorbereitung stricken die Regensburger selbst. Unmittelbar im Anschluss an jenen 10 000er am 23. Juni in Regensburg macht sich das Marathon-Quartett auf ins dreiwöchige Höhentraining nach St. Moritz. „Trainer und Physio werden von uns übernommen“, sagt Kurt Ring. Anja Scherl ist froh um den Verdienstausfall, den sie von der Deutschen Sporthilfe bekommt.

Philipp Pflieger hat die Höhenluft in der Schweiz öfter schon alleine genossen. „Mir hat das immer sehr gutgetan“, sagt der Vorzeigeläufer, der mit seiner beredten Art in der Laufszene als Adidas-Repräsentant längst sein Auskommen und eine Form der Unabhängigkeit als Laufprofi gefunden hat. Für die Zeit nach der Europameisterschaft hat Philipp Pflieger zwar noch keine konkreten Pläne geschmiedet, sich aber durchaus noch mit ein paar Marathon-Träumen wie einem Auftritt in Boston beschäftigt.

In Berlin – das weiß er nur zu gut – wird weniger die Zeit zählen, und viel mehr der Platz. Aber kaum ein Metier ist unberechenbarer als der Marathonlauf. Wind, Wetter, Tagesform: Einen Deutschen sieht da keiner in den Top Ten, schon gar nicht noch weiter vorne. „Ich weiß auf Anhieb locker zehn Läufer, die eine 2:10 schaffen können“, sagt Pflieger. „Aber immer wieder gibt es auch jemanden, den niemand auf der Rechnung hat. Bei uns ist das Überraschungspotenzial höher.“

Noch schwerer kann Anja Scherl eine Vorhersage treffen. Sie, die Vollzeit-Angestellte erlebte 2016 höchst unverhofft den rasanten Aufstieg zur EM- und Olympiafahrerin. Eine Verletzung an der Plantarsehne zwang sie heuer zu zehn Wochen Laufpause und alternativem Training. Frohen Mutes ist Scherl nach wie vor trotzdem. „Das hat vergangenes Jahr trotzdem auch schon mal geklappt“, setzt die Langstrecklerin, die in Bayreuth wohnt, in Nürnberg arbeitet und für Regensburg startet, auf Erfahrungswerte aus der Vergangenheit. „Für mich wird St. Moritz deswegen ein wichtiger Schritt sein.“

Rechtzeitig zur EM präsentieren die Telis-Leichtathleten eine eigens für sie kreierte Linie der Vereinskleidung. Auch ein zweiter Vereinsbus ist neu gebrandet unterwegs. Foto: Wotruba
Rechtzeitig zur EM präsentieren die Telis-Leichtathleten eine eigens für sie kreierte Linie der Vereinskleidung. Auch ein zweiter Vereinsbus ist neu gebrandet unterwegs. Foto: Wotruba

Berlin ist für eine Anja Scherl Neuland. Vergangenes Jahr machte ihr die Verletzung den Strich durch die Rechnung, dort Marathon zu laufen. Für Philipp Pflieger ist Berlin dagegen eine zweite Laufheimat: Die ersten erfolgreichen Marathon-Schritte machte er hier genauso wie die schmerzhafte Aufgabe auf Bestzeitkurs.

Das Ziel: Vierter Sieg am Stück

Eine Halbmarathon-Bestzeit stellte er erst heuer wieder auf. Und auch die City-Nacht am 28. Juli in Berlin über zehn Kilometer ist als letzter Formtest vor der EM dick angestrichen in Pfliegers Terminkalender. „Sportlich ist das vielleicht nicht so wertvoll. Aber ich will das vierte Mal in Folge gewinnen.“

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