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Fussball

Der Schiedsrichter-Job als Lebenselixier

Die Referees Walter Ketzler und Martin Speckner erklären die Faszination einer vom Aussterben bedrohten Spezies.
von Felix Kronawitter, MZ

Walter Ketzler hat noch lange nicht genug. Der Schiedsrichter pfeift auch mit 81 Jahren noch bis zu drei Fußballspiele in der Woche.
Walter Ketzler hat noch lange nicht genug. Der Schiedsrichter pfeift auch mit 81 Jahren noch bis zu drei Fußballspiele in der Woche. Foto: Franz Guttenberger (1)/FuPa (2)

Regensburg.Wenn sich der Schnee langsam verabschiedet und die Fußballplätze in der Region wieder in sattem Grün erstrahlen, steigt bei Walter „Kuli“ Ketzler allmählich die Vorfreude. Denn dann ist nicht mehr lange hin, bis er endlich wieder seine Tasche packt, sich auf zum Sportplatz macht, um sich seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Schiedsrichterei.

Und da macht ihm keiner was vor: Heuer geht der 81-Jährige in sein 62. Jahr als Unparteiischer. Spiel Nummer 2548 steht bald auf dem Programm. Und Ketzler hat noch lange nicht genug. „Ich pfeife noch so lange, wie ich laufen kann“, sagt der schlanke Mann aus Berching im Landkreis Neumarkt. Ketzler, einer der ältesten aktiven Unparteiischen in der Oberpfalz, und seine erfahreren Kollegen sind gefragter denn je. Denn wenn sich der Trend fortsetzt, gehen dem Amateurfußball bald die Schiedsrichter aus – trotz jährlicher Neulingslehrgänge.

Bezirksschiedsrichterobmann Andreas Allacher zieht den Hut vor Männern wie Ketzler, die auch im hohen Alter noch mit vollem Herzblut dabei sind und sich Woche für Woche ihre Schiedsrichter-Kluft überstreifen. Denn in den Fußballkreisen im Bezirk Oberpfalz wird die Einteilung an den Spielwochenenden immer mehr zu einer Herkulesaufgabe. „Vor allem im Bereich zwischen 25 und 40 Jahren klafft eine große Lücke“, sagt Allacher, der hofft, dass sich zu den alten Haudegen wie Walter Ketzler und den jungen Referees, mit deren Zulauf der Bayerische Fußball-Verband (BFV) durchaus zufrieden ist, auch wieder mehr Fußballbegeisterte mittleren Alters gesellen. Im Gegensatz zu früher sei es heutzutage so, dass Spieler auch im höheren Alter – bedingt durch den demografischen Wandel – in den Mannschaften vieler Vereine noch gebraucht werden, erklärt Allacher.

Auf Ketzler ist jedoch weiter Verlass. Wenn es bald langsam wieder rund geht im Amateurfussball, wird der Referee, der 1945 aus Breslau nach Bayern flüchtete, schon bald wieder bis zu drei Mal in der Woche als Schiedsrichter aktiv sein.

„Ich pfeife noch so lange, wie ich laufen kann.“

Walter Ketzler

Klischees, die seiner großen Passion anhaften, verweist Ketzler ins Reich der Fabeln. „Als Schiedsrichter ist ja man ja immer der Buhmann“, lautet eine These im Volksmund, die potentielle Anwärter oftmals abschreckt. „Ein absoluter Schmarrn. „Da lernt man fürs Leben“, meint Ketzler, der, wenn er über seinen Schiedsrichter-Job spricht, nicht mehr aus dem Schwärmen herauskommt.

Herren, Damen, Junioren: Alle tanzen nach der Pfeife Ketzlers. Fast alle: 605 Hinausstellungen hat er bisher schon ausgesprochen, gibt Ketzler, der jeden Einsatz fein säuberlich in einem Heft festhält, Einblick in seine hauseigene Statistik. Bei dem Berchinger gibt es keine Spieler, die eine Sonderbehandlung erfahren. Sein Bruder kann ein Lied davon singen. Denn sogar den schickte er einst schon vorzeitig zum Duschen, erzählt er – was für reichlich Ärger im Hause Ketzlers gesorgt habe. Die Mutter habe ihn eine Zeitlang keines Blickes mehr gewürdigt, der Bruder sei dagegen einsichtig gewesen.

Ganz in seinem Element

Auf dem Platz ist Ketzler, vierfacher Vater und stolz auf seine fünf Enkel, ganz in seinem Element. Den Mann mit dem dickem grauen Haar und fester Stimme bringt so schnell nichts aus der Ruhe – außer wenn er bei Ju-
niorenspielen mal wieder seine erzieherische Maßnahmen nicht nur bei den Nachwuchsfußballern, sondern vor allem bei deren Erziehungsberechtigten anwenden muss. „Die Eltern sind schlimmer als die Spieler“, sagt Ketzler und schüttelt mit dem Kopf.

„Die Eltern sind schlimmer als die Spieler.“

Walter Ketzler

Während sich die Fußballer fit machen für den Start, sitzt auch Ketzler, der sich auf jedes Spiel „wie ein kleiner Junger freut“, nicht untätig zu Hause. Jeden Tag geht er gut eine Stunde lang laufen – im lockeren Trab. „Keine Zigaretten, Alkohol nur in Maßen sowie reichlich Bewegung“, das sei sein Erfolgsgeheimnis erklärt der Referee vom BSV Erasbach, der als LKW-Fahrer viel herumgekommen ist in Europa. 2,5 Millionen Kilometer habe er dabei heruntergespult, erzählt er.

Seine Frau Barbara attestiert ihrem Gatten, dass er süchtig sei nach der Schiedsrichterei. „Wenn er heimkommt, sagt er oft: Jetzt könnte ich gleich nochmal eins pfeifen“, erzählt die rüstige 81-Jährige, die ihren Mann auch heute noch öfter zu seinen Einsätzen begleitet, mit einem Lachen im Gesicht.

Ihr Mann ist ein Mann des Ehrenamts. Schiedsrichterei, langjähriger Pfarrgemeinderatsvorsitzender und KEB-Vorsitzender: Nicht nur seinem großen Hobby verschrieb sich Ketzler.

Die Besten in der Oberpfalz

  • Eduard Beitinger:

    An der Seitenlinie in der 1. Bundesliga ist der Mann von der DJK Regensburg 06 inzwischen eine feste Größe. Neben seinen Einsätzen im deutschen Fußball-Oberhaus pfeift der 32-jährige Referee noch Spiele bis zur Regionalliga (4. Liga).

  • Florian Fleischmann:

    Auch der Schiedsrichter vom SC Kreith/Pittersberg (Fußballkreis Cham/ Schwandorf) fungiert als Unparteiischer in der Regionalliga Bayern. Der 30-jährige Burglengenfelder ist zudem Obmann der Schiedsrichtergruppe Schwandorf.

  • Jonas Schieder:

    Neben Beitinger und Fleischmann ist mit Jonas Schieder ein dritter Mann aus dem Bezirk Oberpfalz in der Regionalliga aktiv. Der Weidener Schieder ist als Assistent in der 3. Liga der zweite Repräsentant der Oberpfalz im Profifußball.

In der Oberpfalz gibt es mittlerweile wahrscheinlich keinen Fußballplatz mehr, auf dem Ketzler, der als Linienrichter bis hoch zur Landesliga mitmischte, noch nicht aktiv war.

Da kann Martin Speckner nicht mithalten. Aber der 21-Jährige hat deutlich mehr Gemeinsamkeiten mit dem 60 Jahre älteren Ketzler, als es auf den ersten Blick scheint. „Das sind die Leute, die das Schiedsrichterwesen ausmachen“, sagt der junge Mann aus Runding im Landkreis Cham über seinen Kollegen. Speckner fungiert zwar erst seit acht Jahren als Unparteiischer, geht aber mit derselben Leidenschaft wie Ketzler ans Werk. „Wenn ich mich nicht dazu entschieden hätte, Schiedsrichter zu werden, wäre ich jetzt ein anderer Mensch“, erzählt der junge Mann. Durch seine Auftritte auf den Plätzen in der Region habe er sich in seiner Persönlichkeit extrem weiterentwickelt und gelernt, mit Kritik umzugehen.

Dabei hätte der Rundinger, der für die SG Schloßberg pfeift, fast schon wieder aufgehört, bevor er überhaupt richtig angefangen hatte. Als 13-Jähriger habe ihn die heftige Kritik „von alten B-Klasen-Hasen“ emotional so sehr aufgewühlt, dass er schon alles hinschmeißen wollte. Doch mit größerem Selbstvertrauen hat es Speckner, der in Regensburg „die etwas ungewöhnliche Kombination aus Physik und Politikwissenschaft studiert“, allen gezeigt. Vier Jahre später tanzten schon Landesliga-Fußballer nach seiner Pfeife. Da hätten die Spieler geschaut, als ihn sein Vater – mangels eigenem Führerschein – zur Partie chauffierte. Doch den nötigen Respekt habe er sich schnell erarbeitet, erzählt der junge Schiedsrichter.

Regionalliga im Visier

In der Bayernliga soll für Martin Speckner noch nicht Schluss sein.
In der Bayernliga soll für Martin Speckner noch nicht Schluss sein.

Heute leitet der 1,91 Meter-Mann mit seiner ruhigen Art Spiele in der Bayernliga und bei den potenziellen Stars von morgen – in der B-Jugend-Bundesliga. Auch in der fünfthöchsten bayerischen Spielklasse soll noch nicht Schluss sein. Speckner hat die Regionalliga im Visier.

„Als Fußballer hätte ich es jedenfalls nie in die Bayernliga geschafft“, sagt Speckner, der in der B-Jugend die Fußballschuhe an den Nagel hängte. Dem 21-Jährigen liegt es am Herzen, „dass sich hoffentlich bald wieder viel mehr Gleichgesinnte finden, die den Fußball mal von einer anderen Seite sehen wollen“. „Wir sitzen alle in einem Boot“, holt Speckner aus zu einem flammenden Appell. Es gelte, die Fußball-Familie zusammenzuführen. Vereine, Spieler, Schiedsrichter: Alle müssten an einem Strang ziehen, damit sich der Referee-Job auch wieder größerer Beliebtheit erfreut. Denn Speckner will in 60 Jahren nicht noch pfeifen müssen.

Jetzt freut er sich aber erst Mal ähnlich sehnsüchtig wie sein Referee-Kollege Walter Ketzler auf das Ende der Winterpause: „Das Kribbeln ist jetzt wieder da.“

Alle Infos rund um den Amateurfußball in der Region finden Sie auf FuPa Oberpfalz

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