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„Pokerspieler müssen ihre Gier im Griff haben“

MZ-Interview Teamweltmeister Hans Martin Vogl spricht mit Birgit Pinzer über seine Passion. Er sagt: „Ich betreibe einen Denksport.“

Hat schon oft eine glückliches Händchen bewiesen: Hans Martin VoglFoto: Betfair

Herr Vogl, darf ich offen sein?

Hans Martin Vogl: Ja, klar.

Vor sechs, sieben Jahren hätte ich mit Ihnen kein einziges Wort gewechselt.

Warum das?

Ich hätte Pokerspieler jetzt vielleicht nicht bei Mädchenhändlern angesiedelt, aber irgendwo zwischen Rotlichtmilieu und…

…und Waffenschmuggel. (Vogl lacht)

Nicht ganz so krass. Aber kennen Sie diese Vorurteile?

Freilich. Als Kartenspieler warst du nicht immer wohlgelitten. Leute dachten an verrauchte Hinterzimmer und so. Aber es hat sich in den vergangenen Jahren ein Wandel in Deutschland vollzogen. Besonders durch den Einstieg des Fernsehens hat Pokern eine breite Akzeptanz bekommen. Man kann es fast schon als Lifestyle bezeichnen. Es pokern mittlerweile wahnsinnig viele, auch Prominente. Pokern hat sich von dem einst schlechten Image entfernt.

Trotz allem: Wie reagieren die Leute, wenn Sie sagen, Sie pokern?

Im Unterbewusstsein schwingt eine gewisse Skepsis nach wie vor mit. Ich werde gefragt, wie das funktioniert, wie viel man da gewinnen kann, ob es riskant ist. Aber ich erzähle den Leuten dann von den Turnieren, dass beispielsweise über den Tischen Kameras installiert sind, um Betrug vorzubeugen, und dass es eben überhaupt nicht so ist, dass man die Knarre unterm Tisch hat, dazu ein Geldköfferchen und am besten noch eine dicke Zigarre im Gesicht.

Was kann man denn beim Pokern so gewinnen? Was war Ihr höchster Gewinn?

400000 australische Dollar (zirka 240 000 Eur0, d. Red.) 2007 beim Turnier Aussie Millions. Die Spanne ist groß. Pius Heinz hat ja bei den World Poker Series zuletzt achteinhalb Millionen Dollar gewonnen...

...und in Deutschland für viel Aufsehen gesorgt. Ich muss zugeben, als die Sportsender vor einigen Jahren mit den regelmäßigen Übertragungen begannen, habe ich mich anfangs ziemlich geärgert. Ich dachte mir: „Haben die nichts Besseres zu zeigen als diesen Schmarrn?“

Aha.

Keine Angst, ich habe mich schon wieder beruhigt. Mir ist klar, dass Poker-Übertragungen bei manchen Sendern eine erhebliche Rolle bei der Budgetplanung spielen. Aber wie sehen Sie das? Ist Pokern Sport?

Auf jeden Fall. Es ist ein Denksport. Wir haben im Dezember in London die Pokerweltmeisterschaft mit dem Team Deutschland gewonnen. Das Turnier wurde von der International Mind Sports Association (IMSA) ausgerichtet. Unter dem Dach des Verbandes finden sich beispielsweise auch Schach, Bridge, Go, etc. Und bei Schach sagt ja auch jeder: Das ist Sport.

Allerdings kann beim Schach jeder auf das Brett schauen. Beim Poker sehe ich die Karten der Gegner nicht.

Klar, aber Sie wissen ja auch beim Schach nicht, welchen Zug Ihr Gegner macht. Die Unbekannte bleibt. Oder lassen Sie es uns mit Fußball vergleichen: Geht der Gegner rechts oder links vorbei? Spielt er zurück, schießt er, was macht er? Pokern ist nicht anders. Ich habe meine Karten, ich sehe, wie der Gegner reagiert, und ich versuche, daraus Schlüsse zu ziehen und die Gewinnwahrscheinlichkeiten meiner Hand auszurechnen.

Das Gedächtnis eines Pokerspielers muss offensichtlich sehr gut sein.

Ja, aber Menschenkenntnis und Gespür gehören dazu. Pokern kann man bis zu einem bestimmten Punkt lernen, aber man braucht eben Gespür, um die Momente zu erkennen, wo man vielleicht auch mit einem schlechten Blatt attackieren kann. Du spielst ja ganz selten dein Blatt, sondern deinen Gegner. Es gibt aggressive Spieler, die ein breiteres Spektrum an Händen spielen, es gibt vorsichtigere Zeitgenossen, die nur Betonhände, also sehr sichere Hände spielen.

Wie schätzen Sie sich ein?

Mittendrin. Weder zu aggressiv noch zu vorsichtig. Wer zu sehr in das eine oder andere Extrem ausschlägt, ist oft ein leichtes Opfer, wird leicht ausrechenbar. Noch ein Beispiel: Maik Franz (Fußballprofi, Hertha BSC, d. Red.) hat das Image, immer aggressiv ranzugehen. Und so weiß jeder schon: Wenn der kommt, lass’ ich mich eventuell eher hinfallen, und vielleicht wird dann zu meinen Gunsten gepfiffen. Wenn stattdessen Philipp Lahm (FC Bayern, d. Red.) mal jemandem eine mitgibt, lässt man ihm das vielleicht durchgehen, weil er nicht mit diesem Image behaftet ist.

Wie sind Sie zum Pokern gekommen?

Karten gespielt habe ich schon von klein auf. 2004 war ich mit einem guten Schulfreund in der Karibik. Dann wollten wir zurückfliegen, doch der Flug hatte sechs Stunden Verspätung. Wir saßen im Hotel fest, sahen Fernsehen, und es lief eine Aufzeichnung von der Weltpoker-Tour. Am Bildschirmrand wurde eingeblendet, wie sich die Gewinnwahrscheinlichkeiten prozentual veränderten. Und wir dachten: „Wow, cool – das kann man gut einschätzen und sich mit Sicherheit einen Vorteil erspielen.“

Muss ein Pokerspieler ein guter Mathematiker sein?

Man muss kein Professor sein oder Mathe studiert haben, um Poker zu schlagen. Aber natürlich sind mathematische Elemente dabei: Statistik, Prozentrechnen, Stochastik sollten einem nicht ganz fremd sein. Definitiv ausrechnen kann man es nie, ein Glücksmoment ist immer dabei, aber man kann die 1326 Starthände, die es bei Texas Hold’em gibt, eingrenzen. Aber ich kenne auch Leute, die die Mathematik vollkommen ignorieren und Erfolg haben. Ich würde es nicht tun.

Können Sie sich noch an Ihr erstes internationales Turnier erinnern?

Das war in Bregenz. Das Startgeld betrug damals 1000 Euro. Ich bin mit Freunden hingefahren. Ich war noch so grün hinter den Ohren...

Nervös gewesen?

Wie die Sau! Das Turnier ist wie im Eilzugtempo an mir vorbeigelaufen, und ich habe schnell gemerkt: Ich bin zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Gegner waren mir einfach über.

Und wie ging’s aus?

Natürlich bin ich rausgeflogen. Da hatte ich auch Pech, doch das habe ich damals gar nicht gemerkt bzw. einschätzen können. Ich war nur traurig, dass ich draußen war.

Die 1000 Euro waren weg.

Die waren weg.

Das ist nicht wenig Geld. Andere hätten gesagt, ich höre jetzt auf.

Freilich war es teuer, wir hätten mit etwas Günstigerem auch starten können. Aber wie heißt es so schön bei Lotto: „Nur wer mitspielt, kann gewinnen.“ Und ich dachte mir, da muss ich dran bleiben und mein Spiel weiter verbessern.

Und was sagten die Eltern dazu, dass der Sohn schnell mal nach Bregenz düst und 1000 Euro in den Wind schießt?

Natürlich haben sie das nicht gern gesehen. Keine Mutter will mitbekommen, dass der Sohn, der sein Abitur hat, der eine abgeschlossene Berufsausbildung als Steuerfachmann hat, der gerade studiert, dass der um Geld pokert. Aber in einem gewissen Alter muss man auch das machen, wozu man Lust hat. Man hört es sich an, was die Eltern sagen – und ignoriert es. (Vogl lacht)

Und wie ist es jetzt?

Meine Eltern sehen, dass ich daran Freude habe, dass ich Erfolge habe und dass ich mich auch nicht großartig verändert habe. Sie akzeptieren es, und sie sind stolz. Wenn ich unterwegs bin, fiebern sie jetzt oft im Internet mit, wie es bei meinen Turnieren läuft. Und meine Mutter ist mein größter Fan.

Ich kann die Sorge Ihrer Eltern gut nachvollziehen. Pokern gilt in Deutschland als Glücksspiel. Und da hat man natürlich Angst, dass das Kind spielsüchtig wird.

Ganz klar, Pokern kann auch süchtig machen, wie viele Dinge im Leben. Die einen sind süchtig aufs Fernsehschauen, die anderen rauchen, andere traben jede Woche wie die Lemminge zur Lotto-Annahmestelle. Nur: Das ist gesellschaftlich akzeptiert. Meiner Meinung nach ist das Suchtpotenzial beim Pokern niedrig.

Wieso sollte das so sein?

Erstmal ist der soziale Druck größer. Wenn man im Kasino mit acht, neun Leuten am Tisch sitzt, ist man nicht anonym. Du bist mit den Menschen in Interaktion. Die Dynamik ist nicht so hoch wie beispielsweise an den Spielautomaten. Vor denen sitzt du alleine, wirst ständig berieselt, sei es durch Musiktöne oder blinkende Lichter, und du wirfst ein, wirfst ein, wirfst ein und hast eigentlich keine Chance zu gewinnen. Das halte ich für viel gefährlicher. Und vor allem kriegt beim Poker jeder sofort mit, wenn du verlierst. Je einfacher die Spiele sind, umso größer ist das Suchtpotenzial, das ist meine Meinung. Um gut zu pokern musst du viel lernen, das wollen manche Leute gar nicht. Und wenn jemand regelmäßig schafkopft, sagt ja auch niemand, der ist spielsüchtig. Sondern da heißt es: Das gehört in Bayern zur Tradition. Pokern ist eine amerikanische Tradition, aber eben eine, die es geschafft hat, weltweit bekannt zu werden.

Wenn Sie große Turniere spielen, sind Sie dann noch immer nervös?

Nervös nicht mehr, aber angespannt. Wenn du gut spielst, am Final Table sitzt, spürst du das Adrenalin in deinem Körper, du merkst, wie du „on fire“ bist. Das ist, wie wenn du bei einer Fußball-WM das Finale erreichst, dann werden die letzten Reserven mobilisiert. Das kann zwar auch hemmend wirken, aber ich bin dann so fokussiert, dass ich oft nicht mehr mitbekomme, was die Zuschauer tun.

Wie sieht Ihr Leben aus?

Ich komme viel rum. Im nächsten halben Jahr bin ich auf Turnieren in Berlin, in London, in Salzburg, in der Dominikanischen Republik, in Prag, in Las Vegas und in Wien. Wenn ich daheim bin, analysiere ich die Hände, die ich gespielt habe, die Gegner, lese und trainiere.

Was haben Sie sich von Ihrem größten Gewinn, den 400000 Dollar, gekauft?

Nichts. Ich wollte auch nichts.

Gar nichts? Kein Auto, keine Uhr oder so?

Nein. Ich fahre einen 20 Jahren alten Mercedes, der vorher meinem Vater gehört hat. Ach ja, abgesehen von Poker-relevanten-Sachen habe ich mir einen Fernseher gekauft und letztes Jahr eine Uhr. Das war’s dann auch.

Aber das Geld gehört doch zur Faszination von Pokern! Gerade heutzutage, wo Glück sehr oft mit Geld verwechselt wird.

Gut, was ich mir gönne, sind viele Reisen. Darauf habe ich Lust. Aber ich bin jetzt nicht der Typ für einen Ferrari oder Nerzmantel.

Und was ist dann für Sie Luxus?

Freiheit. Das tun zu können, auf was ich Lust habe. Zeit für mich zu haben und für meine Freunde, mit coolen Leuten zusammen zu sein, mich nicht verstellen zu müssen. Ich muss keine Güter anhäufen – oder wie es so schön heißt: besitzbelastet sein.

Was macht einen guten Pokerspieler aus?

Er darf nicht leicht die Nerven verlieren, er darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, er muss rational an die Sache rangehen – und ganz wichtig: er muss seine Gier im Griff haben. Man darf nicht zu gierig werden und nichts erzwingen wollen. Das ist das größte Übel. Und er muss sich immer verbessern wollen. Stillstand ist der Tod.

Hat Ihnen schon mal jemand Leid getan?

Wenn jetzt einer kommt und man merkt, der hat überhaupt keine Ahnung, dann sagt man schon mal: Es ist vielleicht besser, du hörst jetzt auf. Denn es macht überhaupt keinen Spaß, gegen so jemanden zu gewinnen. Aber gerade beim Pokern weiß eigentlich jeder von vorneherein, auf was er sich einlässt. Wenn du dich hinsetzt, weißt du, dass deine Gegner dein Geld wollen – und sie wissen, dass du dein Geld verteidigen willst und ihr Geld gewinnen. Deswegen sage ich: Pokern ist die ehrlichste Sache der Welt.

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