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Corinna Harrer: Bis Olympia Profi sein

Vor der Team-Europameisterschaft erzählt die Regensburgerin im MZ-Samstagsinterview von harten Zeiten und Zukunftsplänen.

Vor zwei Wochen waren Corinna Harrer (links) und Maren Kock gefragte Interview-Partner bei der Sparkassen-Gala in Regensburg, am Wochenende laufen sie gemeinsam für Deutschland bei der Team-EM.
Vor zwei Wochen waren Corinna Harrer (links) und Maren Kock gefragte Interview-Partner bei der Sparkassen-Gala in Regensburg, am Wochenende laufen sie gemeinsam für Deutschland bei der Team-EM. Foto: Brüssel

Regensburg.Mit der Team-Europameisterschaft in Tscheboksary steht wieder mal ein Wettkampf an, in dem die Individual-Sportart Leichtathletik zur Mannschaftserfahrung wird. Da geht es nicht um Medaillen oder Normen für Corinna Harrer, sondern um Punkte für Deutschland. Ist genau das der Reiz, weil es etwas Anderes als sonst ist?

Corinna Harrer: Es steht schon die Mannschaft im Vordergrund, klar. Zumal wir ja den Titel vom vergangenen Jahr daheim (in Braunschweig, d. Red.) zu verteidigen haben, was in Russland sicher schwer wird und wir ein paar Ausfälle haben. Für mich ist der Stellenwert aktuell noch höher, nach zwei Sommern ohne internationalen Einsatz. Deswegen freue ich mich, mal wieder ins Nationaltrikot schlüpfen zu können. Das war im Schrank schon sehr weit nach hinten gerutscht.

So ganz klar war der Start ja nicht.

Es gab ein bisschen Diskussionen, da Maren (Teamkollegin Kock, d. Red.) nach Regensburg die knapp bessere Zeit hatte. Aber weil ich in Huelva ja auch jemanden wie die Olympiadritte Jamal geschlagen habe, haben sie sich für mich entschieden, was mich gefreut hat und Maren weniger. Das kann ich auch verstehen. Aber das ist jetzt die geschickteste Variante: Maren ist erfahrener auf den längeren Strecken und ich bin auch international einige 1500-Meter-Rennen gelaufen.

Bereitet man sich auf ein Rennen bei einer Team-EM anders vor?

Nein. Eigentlich liegt es nur zu einem blöden Zeitpunkt mit Blick auf die WM in Peking, besonders, wenn man noch ohne Norm ist wie ich. Eine Norm wird bei so einem Rennen sicher nicht gelaufen.

Gibt es ein Ziel für Tscheboksary?

Ich habe noch gar nicht groß aufs Feld geguckt und will es auch erst vor Ort tun, weil ich weiß, dass ich viel drauf habe. In Huelva wusste ich bei Windböen von bis zu fünf Metern, dass es mit der Norm nichts wird. Das war vielleicht gut, denn so bin ich nicht der Norm hinterhergelaufen, sondern nur ein Rennen gelaufen, was sich Kurt (Trainer Ring, d. Red.) ja immer wünscht. Das ist bei der Team-EM auch so. Ich glaube, dass ich weit vorne landen kann: Top drei wäre cool.

Der Sieg in Spanien war gut für den Kopf.

So ein Erfolg wie gegen Jamal gelingt nicht jeden Tag. Im Olympia-Vorlauf hatte ich 2012 etwas härteren Körperkontakt mit ihr. Da gibt es dieses schöne Bild, wo wir uns mehr oder weniger die Hand halten und sie versucht, mich aus der Bahn zu schieben. Sie lebt ja mittlerweile auch in Deutschland und ist mit Homiyu Tesfaye (der deutsche 1500-Meter-Spitzenläufer, d. Red.) verlobt. Der Sieg war gut fürs Ego, zu sehen, dass man wieder gewinnen kann.

Wenn man Sie so erzählen hört, spürt man, wie hart die Zeit davor für Sie war. Da spielt man oft das Mädchen, das gut drauf ist, obwohl es einem nach zwei verlorenen Jahren gar nicht so gut geht.

Mancher denkt vielleicht: „Ooh, die Harrer rennt immer noch erst 4:10“, aber das Training ist gut und ich spüre, ich kann’s immer noch. Es gibt Momente, wo ich denke: 2012 ging alles so leicht. Da habe ich mich hingestellt und bin 4:04 gelaufen.

Die jugendliche Unbeschwertheit ist weg. Hat die Zeit Ihre Einstellung verändert?

Schon. Man spürt, wie wichtig einem der Sport doch ist. Ich versuche immer noch, alles nach dem Sport auszurichten. Aber man merkt, dass Ruhetage auch mal schön sind. 2012 war das eine Bestrafung. Wenn der Trainer jetzt einen Ruhetag aufschreibt, nehme ich den auch. Ich spüre, dass der Körper das braucht. Ich mache jetzt 15 Jahre Leistungssport, acht, neun jahre auf hohem Niveau – das merke ich schon. Ich habe immer noch Motivation, es brennt immer noch in mir.

Mit der bald endenden Ausbildung bei der Sparkasse ist jetzt auch eine berufliche Absicherung vorhanden. Es folgt wegen Olympia 2016 noch einmal ein Profijahr?

Genau. Ich möchte mich ein Jahr noch einmal voll auf den Sport konzentrieren und nur mit Training und Schlafen beschäftigen. Darauf freue ich mich. Und bei der Ausbildung hatte ich tolle Bedingungen, die Sparkasse kam mir furchtbar entgegen und auch die Kollegschaft stand hinter mir. Es gab immer Verständnis. Ich wäre jetzt auch gerne geblieben, aber es musste jetzt sein. Die letzten eineinhalb Jahre musste der Sport manchmal zurückstehen.

Gibt es schon Pläne, wie es nach 2016 weitergehen soll? Sie haben ja auch schon gesagt: „Wer weiß, viellicht ist das meine letzte Olympia-Chance.“

So ist es. Nächstes Jahr werde ich 25. Das ist langsam Hochleistungsalter. Und es richtet sich alles an den Olympischen Spielen aus in meinem Leben. 2012 war es eher so: Ich schaue mal, ob ich hinkomme. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre es schade, aber nicht so schlimm gewesen. Das ist jetzt eine andere Situation. 2018 Heim-EM in Berlin wäre auch ein cooles Erlebnis. Da würde ich gerne dabeisein. Aber wenn noch zwei Jahre Verletzung folgen sollten oder die Leistung nicht entsprechend ist, dann muss man realistisch sein. Ich will aufhören, bevor es den Bach runtergeht.

So viele Teilnahmen an Welt- und Europameisterschaften stehen nicht in der Vita.

Eine EM draußen, eine in der Halle, WM noch gar keine. Es ist komisch: Dieser WM-Fluch haftet ein bisschen an mir.

Es gibt also noch Ziele.

Die gibt es ein Leben lang. Mit Carsten Schlangen, der aufgehört hat, bin ich ja befreundet. Ihn habe ich in Dessau getroffen. Er hat auch erzählt, dass du im ersten Moment in ein Loch fällst. Aber dann suchst du dir die komischsten Hobbys. Er hat jetzt einen Schrebergarten. Es gibt ein Leben danach. Auch das ist spannend. Aktuell will ich es immer noch wissen. 2018 würde ich gerne miteinbeziehen und wenn es super läuft auch 2020. Dann bin ich aber auch schon Ende 20.

Streckentechnisch gibt es ja Möglichkeiten.

Die 5000, von denen ich dachte, das könnte meine Strecke werden, war vergangenes Jahr ein Griff ins Klo. Aktuell will ich das gar nicht mehr probieren. Erstmal will ich noch meine 1500-Meter-Ziele erreichen. Da bin ich noch nicht ausgeschöpft. Wenn ich das mal merke, werde ich die 5000 überspringen und gleich die 10 000 nehmen. Die gingen immer erstaunlich gut für das, was ich an Training reingesteckt habe. Als ich verletzt war, haben mir manche geraten, auf die Straße zu wechseln, wenn es nichts mehr wird. Es kommt ja viel von den den Fuß belastenden Spikes. Da kannst du zwar Geld verdienen, aber mein Kopf hängt immer noch an den dreidreiviertel Runden.

Aber die Normenhatz nervt doch. Sie wachen mit der für Peking geforderten 4:06 auf und gehen mit ihr am Abend schlafen.

Es dreht sich im Training alles darum. Und man läuft nur noch gemachte Rennen. Dabei gibt es kaum internationale Rennen für solche Zeiten. Und dafür habe ich aktuell zu wenig vorzuweisen von der Zeit her. Das ist echt blöd. Mittlerweile sage ich mir, wenn es sein soll, dann soll es sein. Ich habe doch einen langen Ausfall hinter mir und habe lange gebraucht, wieder reinzukommen. Jetzt brauche ich noch ein paar gute Rennen, dann bin ich hoffentlich wieder die Alte.

Und doch ein bisschen anders.

Ich bin ja froh, dass ich nicht mehr bin wie mit 17 oder 18 (lacht). Da will man mit dem Kopf durch die Wand. Einen guten Athleten macht aber auch Vernunft und Realismus aus. Und ich glaube immer noch: Ich hab’s drauf! Interview: Claus Wotruba, MZ

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