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Eiskunstlauf

„Das ist völlig neues Eiskunstlaufen“

Ex-Läufer Daniel Weiss spricht mit der MZ über den Unterschied von Shows und Meisterschaften – und was sich ändern muss.

Die Welt des Daniel Weiss ist das Eis: Der ehemalige Läufer moderiert Eisshows, am Sonntag wieder in der Donau-Arena.
Die Welt des Daniel Weiss ist das Eis: Der ehemalige Läufer moderiert Eisshows, am Sonntag wieder in der Donau-Arena. Foto: Cornejo

Regensburg.Am Sonntag ist die Charivari-Eisgala in der Donau-Arena in Regensburg. Wo sehen Sie den größten Unterschied zwischen Eis-Shows dieser Art und den sportlichen Meisterschaften im Eiskunstlaufen?

Daniel Weiss: Es geht in erster Linie darum, pures Entertainment herüberzubringen. Wobei wir bei unseren Shows schon immer, seit 20 Jahren, Wert auf die sportliche Komponente legen. Wir versuchen immer die Amateursportler einzubinden. Die wollen sich vor Publikum ausprobieren und sportliche Leistung zeigen.

In Regensburg ist es eine Plattform für die Talente des EC Regensburg.

Richtig. Zuletzt bei unserer Show in meiner Heimatstadt Ingolstadt haben drei Jungs den dreifachen Axel, einen der Topsprünge, gezeigt – und das waren keine Olympischen Spiele. Und wir hatten eine Zwölfjährige, die habe ich als Jahrhunderttalent benannt und die auch in Regensburg läuft: Was wir da erleben werden, ist von einem anderen Stern.

Ist Eiskunstlauf heute anders?

Wird die Anstrengung unterschätzt, die so ein Programm abfordert?

Das ist unfassbar. Kein Läufer, der vor zehn, 15 Jahren gelaufen ist, könnte ein Programm von heute mit der Fitness von damals durchstehen. Ich habe noch nie bei einer olympischen Männer-Entscheidung wie in Sotschi so kaputte, völlig fertige Sportler vom Eis kriechen sehen wie da. Das geht weit über die Grenzen hinaus. Und das ist der Punkt, nach dem Sie gefragt haben: Das müssen die bei solchen Schaulaufen schon antesten.

Die hohe Kunst bei Shows ist, dass die höchsten Schwierigkeiten mit spielerischer Leichtigkeit dargeboten werden.

Ich sage immer, dass selbst ein erstmaliger Besucher sagt: Wow, der kann sich toll bewegen, dann sind das diejenigen, die das von Natur aus drauf haben. Was man im Eiskunstlauf, glaube ich, nicht kann, ist das Charisma zu erlernen. Da kann man noch so hart trainieren. Man hat es oder hat es nicht.

Sie haben den Vergleich zu früher angesprochen. Werden heute weniger Geschichten erzählt, dadurch, dass man so sein Programm abspulen muss und ist das schade?

Definitiv ja. Es wurde im Eiskunstlaufen Anfang der 2000er, als das Wertungssystem wegen des Betrugsskandals im Paarlaufen bei Olympia in Salt Lake City umgestellt wurde auf das neue Punktesystem, ein komplett neues Eiskunstlaufen kreiert. Das liefert Gesprächsstoff: Es hat sich von der 6,0 zur heutigen Bewertung völlig verändert. Das hat mit der Norbert-Schramm-Ära, mit Torville/Dean, mit der Katarina-Witt-Ära überhaupt nichts mehr zu tun.

Ist das gut oder schlecht? Lässt sich das schwarz-weiß bewerten?

Es ist beides. Ich arbeite mit Katarina (Witt, d. Red.) bei der ARD sehr eng zusammen und wir waren beide der gleichen Meinung: Die Leistungen, die heute gebracht werden, sind phänomenal. Wir wissen nicht, wie Menschen so etwas in eine viereinhalbminütige Kür quetschen können. Aber wir haben die Emotionalität verloren. Das ist mein größter Kritikpunkt.

Warum?

Wenn wir den Vergleich zum Fußball ziehen dürfen: Warum war ein Günter Netzer immer gegen den Videobeweis. Weil er gesagt hat, dann fehlen die Diskussionen, die Emotionalität. Das Gleiche gilt für das Eiskunstlaufen. Seit wir dieses Punktesystem haben, denkt man zwar, dass es gerechter geworden ist, aber die Emotionalität ist verloren gegangen. Nicht umsonst haben wir im nordamerikanischen Bereich, auch in Europa, Millionen von Zuschauern verloren. Es ist zu technisch und vorhersehbar geworden. Es schaffen nur wenige Eiskunstläufer, diesen Zauber des Geschichtenerzählens mit dem neuen Wertungssystem zu verbinden.

Also braucht es eine Reform der Reform?

Na ja, man ist da dran. Man hat ehemalige Läufer mit eingebunden, unter anderem war auch ich in einer Kommission vor zwei Jahren. Man versucht Verbesserungen: Kein Mensch versteht, wie die Läufer bewertet werden, selbst ich habe lange gebraucht. Wenn man es mal versteht, ist es sensationell, weil es echt gerechter ist. Etwas zu schieben, ist nur noch in einem geringen Prozentbereich möglich. Aber es versteht halt draußen keiner. Künftig wird das Livescoring der Punkte im Programm zu sehen sein. So hat man Vergleiche zu anderen Sportlern. Das 6,0-System hat jede Oma der Welt verstanden. Wenn ich Ihnen heute sage, was sind 180 Punkte in der Kür, da können auch Sie als Sportreporter wenig damit anfangen.

Was kritisieren Sie noch?

Was ich nicht verstehen kann, dass ein junges Paar mit 18, 19 und sportlich unfassbar gut, zu einer Musik von vor hundert Jahren läuft: Zu Liszts „Liebestraum“. Das kann ich nicht nachvollziehen. Ein junger Mensch kann mit der Musik nichts anfangen. Auch da ist eine Reform im Gange, es verbessert sich: Seit 1. Juni dürfen alle Disziplinen gesungene, also modernere Musik verwenden. Es tut sich was.

Gibt’s noch ein Indiz?

Die Prominenten-Shows gibt es fast in jedem Land. Die haben in manchen Ländern einen höheren Marktanteil als Eiskunstlaufen an sich: Da muss man sich Dinge abgucken. Klar muss man die olympische Charta einhalten. Aber im Eiskunstlauf dauert es auch deswegen so lange, weil es nur alle vier Jahre einen Kongress gibt, der Veränderungen beschließen kann. Da sitzen alte Menschen, die das entscheiden müssen und sich schwertun. Was in den vergangenen zwei Jahren passiert ist, ist schon eine Revolution, aber da muss noch mehr kommen.

Es wird Zeit, oder?

Eiskunstlaufen ist für mich immer noch eine der schönsten Sportarten, wenn man Sportliches mit Musikalischem verbinden möchte. Momentan überzeugen wir zu wenig junge Menschen, weil es zu altbacken rüberkommt. Dabei kann Eiskunstlaufen so schön und modern sein.

Ihnen muss das Herz wehtun, wie es derzeit um das Eiskunstlaufen in Deutschland bestellt ist.

Ja, schon, wobei ich zuletzt gar nicht so schlechten Mutes war. Es tut natürlich weh, dass Aljona und Robin (die fünffachen Paarlauf-Weltmeister Savchenko/Szolkowy) aufgehört haben. Aljonas neuer Partner Bruno Massot sollte übrigens in Regensburg an den Start gehen. Aber der französische Präsident, ein ehemaliger Trainer von mir, bockt und will ihm keine Startfreigabe geben, weil er sauer ist, dass er nicht für Frankreich starten wird. Die beiden holen für mich in Pyeongchang ganz klar eine Medaille für Deutschland. Ich war auch überzeugt von Peter Liebers, und Nathalie Weinzierl hat sich in Sotschi auch ganz gut geschlagen. Das Problem ist, wir haben diese drei und dahinter kommt nichts. Und jetzt haben sich auch noch Prölß/Blommaert getrennt.

Annabelle Prölß kommt aus Regensburg.

Denen würde ich dermaßen den Kopf waschen. Ich würde die zusammenholen und sagen: Streitet euch, geht eine Woche getrennte Wege und dann Mund abputzen und weiter. Dass die ihr Talent so in den Müll schmeißen, hat mich zutiefst schockiert.

Wo liegen in Deutschland die Probleme?

Ich kann nicht so tief blicken in den Verband und kein ganz eigenes Urteil abgeben. Dass etwas nachkommt, ist aber die erste Aufgabe des Verbandes. Das ist eine Niederlage, dass wir da so wenige Talente haben. Ich habe in den vergangenen 20 Jahren aber nie erlebt, dass eine Katarina Witt, ein Norbert Schramm, Rudi Cerne oder ich mal an einen Tisch geholt und nach Rat gefragt wurden.

Noch ein anderes Thema im Nachwuchs. Jungs sind Mangelware. Dabei sammelt man schnell Erfolge, weil die Quantität nicht groß ist. Das war ja schon bei Ihnen so. Ist das bei Eiskunstlauf wie beim Ballett: Das macht ein Junge einfach nicht?

Ich lebe mein Leben lang damit, dass gesagt wird: Du bist bestimmt schwul. Damit konnte ich schon immer gut umgehen, weil ich selbstsicher bin. Spätestens bei der Bundeswehr in der Sportförderkompanie haben die anderen gemerkt, dass ich immer die Mädels abgeschleppt habe und sie nicht. Eiskunstlaufen wird immer als Mädchensport abgetan. Dabei ist es heute unglaublich maskulin und athletisch. In Deutschland gibt es noch genügend Jungs im Durchschnitt. Da kann man schnell seinen Weg machen, nur international wird die Luft schnell dünn.

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