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Marathon

Der extrem lange Weg zu zwei Olympiasiegen

250 000 Kilometer, zwei Goldmedaillen: Waldemar Cierpinski berichtet in Regensburg, wie das geht.
von wolfgang endlein, mz

Das Rennen, das den sportlichen Ruhm Waldemar Cierpinskis (rechts, neben dem US-Amerikaner Frank Shorter, Olympiasiger von 1972) begründete: der Olympia-Marathon 1976 in Montreal Foto: dpa

Regensburg.7000 Läufer gehen am 16. Mai in den unterschiedlichen Wettbewerben des Regensburger Marathons an den Start – und kein einziger Waldemar findet sich darunter. Sie fragen sich, was daran so besonders sein soll? Ein gewisser Herr Cierpinski aus Halle, der auch an der Strecke durch die Domstadt sein wird, ist des Rätsels Lösung.

Geschichten über Herrn Cierpinski beginnen seit 1980 zwangsläufig mit seinem Vornamen. Der ist Waldemar und seit dem Marathon der Olympischen Spiele von Moskau auf ewig in den Geschichtsbüchern des Sports vermerkt.

„Liebe junge Väter, haben Sie Mut. Nennen Sie ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar. Waldemar ist da...“, jubelte der bekannte DDR-Sportreporter Heinz-Florian Oertel ins Mikrofon als sich damals Cierpinski der Ziellinie näherte und sein olympisches Gold von Montreal verteidigte. Gemessen an der Regensburger Startliste, scheint der euphorische Aufruf wirkungslos geblieben zu sein.

Viel Zeit ist seit dem historischen Erfolg von Moskau vergangen. Marathon hat sich inzwischen von einer etwas angestaubten olympischen Kernsportart zu einem Trendsport für die breite Masse entwickelt. Über 15 Millionen Deutsche gehen regelmäßig laufen, behaupten Statistiken. Überall in Deutschlands Städten sind in den vergangenen Jahren Marathon-Veranstaltungen wie Pilze aus dem Boden geschossen.

Cierpinski ist auf den Zug aufgesprungen. Drei Sportgeschäfte nennt er inzwischen sein Eigen. Zudem organisiert er mit dem Mitteldeutschen Marathon und dem Goitzsche-Marathon zwei Rennen in seiner Heimat Sachsen-Anhalt. Doch was ist der Grund für die gestiegene Begeisterung?

„Der Stress steigt in unserer Gesellschaft. Für viele ist das Laufen daher ein Ausgleich – und zwar nicht nur für den Körper, sondern auch für die Seele“, sagt Cierpinski, der auch noch mit fast 60 Jahren regelmäßig laufen geht. „Der Körper ist die Belastung gewohnt“, erklärt der Dauerläufer seine, auch nach 250 000 gelaufenen Kilometern, ungebrochene Begeisterung.

Wer in seinem Leben mehr als sechsmal um die Erde gelaufen ist, der kann sich mit Recht einen Experten für extreme Herausforderungen nennen. In dieser Funktion kommt Cierpinski nach Regensburg und hält im Rahmenprogramm des Marathons einen Vortrag mit dem Titel „250 000 Kilometer rund um den Erdball“. Darin legt er Möglichkeiten dar, wie man extreme Herausforderungen meistern kann.

Wie Cierpinski selbst die extremen Herausforderungen meisterte, ist bis heute Anlass zu Verdächtigungen. Zumal vor dem Hintergrund des staatlich organisierten Dopings im DDR-Leistungssport. Cierpinski bestritt stets diese Vorwürfe. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ beschuldigte ihn zudem, als Spitzel für die Stasi gearbeitet zu haben. Seit 1976 sei der Olympiaheld als IM „Willi“ tätig gewesen, schrieb das Magazin 1993.

Trotz der Verdächtigungen ist Cierpinski in der Läufer-Szene nach wie vor populär. „Ich werde immer noch erkannt“, freut er sich. Viele deutsche Marathon-Läufer können das nicht von sich behaupten. „Es mangelt an Vorbildern“, klagt auch Cierpinski. Gegen die afrikanische Übermacht auf den Langdistanzen scheint kein europäisches Kraut gewachsen zu sein. Zu groß ist die Motivation der Afrikaner, sich Wohlstand zu erlaufen.

„Es wird aber wieder einen Wechsel geben. Davon bin ich überzeugt“, glaubt Cierpinski. Auch in Afrika veränderten sich die wirtschaftlichen Bedingungen langsam, will er beobachtet haben. Vorerst bleibt den Deutschen aber wohl nur eins: trainieren, trainieren und nochmals trainieren. „Talente gibt es in Deutschland viele“, behauptet Cierpinski. Einen zweiten Waldemar sucht man aber bisher vergeblich.

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