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Der Riese im Dunkeln

Die LG Domspitzmilch Regensburg ist eines der guten Beispiele, wie man aus wenig Mitteln etwas macht – und viele Ideen aufgreift.

Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

REGENSBURG. Es gibt Momente, da fühlt sich Kurt Ring (58) wie der Mann von La Mancha: Die Zeiten, da „seine“ Leichathletik blühte, sind vorbei. Die Mühen, die jemand aufwenden muss, der erfolgreich läuft, springt oder wirft, scheinen im Vergleich zum Ertrag sinnlos. Doch die Bilanz des sportlichen Leiters der LG Domspitzmilch Regensburg sieht anders aus als bei Don Quichotte. Der Zusammenschluss aus 20 Vereinen der Region hat sich einen Stellenwert erarbeitet, der beeindruckend ist – und zwar deutschlandweit. Das Verrückte dabei: So richtig bemerkt werden die hiesigen Leichtathleten nicht einmal direkt vor Ort. Die LG Domspitzmilch ist in Relation zu den großen Sportarten gesehen so etwas wie ein Riese, den keiner wahrnimmt.

Kurt Ring, ein streitbarer Mensch, der oft auch mal aneckt, ist sich dessen voll bewusst. Dennoch ist verzweifeln oder aufgeben verboten. Immer weiter, immer vorwärts, immer kämpfen: Das ist die persönliche Bibel für den Mann, der seine eigene PR-Abteilung ist und selbst zur Feder greift, um die Veranstaltungsberichte für Zeitung und Internet zu fabrizieren. Es ist, als hätte sich ein Baumarkt seinen Werbeslogan bei ihm abgekupfert: „Geht nicht, gibt’s nicht? Ja genau, das trifft es voll und ganz. Alles das, bei dem andere sagen, das geht nicht, das reizt mich“, sagt Ring und weiß, dass er damit auch den Neidfaktor weckt. Immer und immer wieder versucht er neue Ideen für den Verein heranzukarren. „Modern und zukunftsträchtig“, sind Schlagwörter, die er nennt. Die Zukunft hat er immer im Blick. „Von einer unwahrscheinlichen Verjüngung“ berichtet er und nennt die Macher des Internet-Auftritts (2006 eine Million Mal angeklickt), Oliver Köhler und Lukas Ziegler, als Beispiel. „Die sind 23 und 16 Jahre alt.“ Oder den umtriebigen Jochen Schweitzer (24), der „für die Organisation gewählt worden ist.“ Beim Spross des einstigen Bayerischen Präsidenten Hartmut Schweitzer liegt das Leichtathletik-Gen in der Familie. Andererseits spielt Alter keine Rolle. „Geschickte Vernetzung“, nennt Kurt Ring die Integration von Qualitätskräften. „Der ehemalige Geschäftsführer von Domspitzmilch arbeitet jetzt ehrenamtlich für den Verein.“

„Wir wollen immer etwas verändern.“ Noch so ein Ring-Satz: Fünf Worte und so viel Inhalt, von dem die wenigsten wissen. „Wir haben an unseren Kerntrainingstagen Montag, Mittwoch, Freitag fünf ausgebildete Sportlehrer zur Verfügung. Da, wo andere mit Übungsleitern arbeiten.“ Kurt Ring berichtet davon, man habe den Leistungssport bündeln können. Selbstverständlich folgen die Beispiele dafür auf dem Fuß: „Wir haben eine Mehrkampf-Truppe in München, eine Kleingruppe Mittelstreckler in Würzburg sitzen.“ Eine ganze Menge hat sich entwickelt, auch und gerade in der Nachwuchsarbeit: „Wir haben alle Nachwuchspreise gewonnen“, erklärt Ring. „Und zwar alle in den vergangenen fünf Jahren.“ Gesprochen wird von einer „anderen Philosophie. Unsere Trainingsgruppen sind inhaltsbezogen, nicht personenbezogen. Das hat Aufsehen erregt bei den Insidern“, erklärt Ring.

Der Weg bis hierher war nicht leicht. „Ich habe kämpfen müssen, um die Konservativen überzeugen zu können“, sagt Kurt Ring und blickt auf die Strukturen, die eine gegründete GmbH und ein Förderverein manifestieren. Zumindest bei den Stadtoberen in Regensburg aber sind die leichtathletischen Arbeiten des Klubs, der sich 1970 als LG Regensburg auf den Weg machte und im Mai 1998 den Hauptsponsor Domspitzmilch mit in den Vereinsnamen integrierte, angekommen. „OB Hans Schaidinger hat uns seine vollste Unterstützung zugesichert. Das ist bemerkenswert für eine Randsportart“, findet Kurt Ring und ergänzt: „Wir haben bei unserem Gespräch eine Freundlichkeit gespürt wie noch nie bei der Stadt.“ Auch hier könnte es bald greifbare Ergebnisse geben: Für Ende März ist ein Gipfel angesetzt – mit Schaidinger, Dr. Clemens Prokop, dem Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, „und allen LG-Trainern“. Worum es geht? „Es wird nachgedacht, die RT-Halle am Oberen Wöhrd zu einer akzeptablen Leichtathletik-Halle umzubauen. Dann könnte man einen Landesstützpunkt machen“, erklärt Kurt Ring das Projekt und fügt strahlend an: „Es tut sich was.“

Immer wieder tut sich was – auch in der Personalpolitik, die auch so ein Thema ist, das Widerstände und bisweilen Widerspruch bei Altvorderen herausfordert. Da läuft ein Neuseeländer (Jason Stewart) für die LG Domspitzmilch, da werden für eine für Frankreich startende Deutsche wie Hochspringerin Melanie Skotnik Paragrafen ausgegraben, um ihr den Weg im Domspitzmilch-Trikot freizumachen, da wird eine Ortsfremde wie Mehrkämpferin Karin Ertl (unser Archiv-Bild) verpflichtet. Kurt Ring kennt auch dieses Thema bestens und erklärt: „Das ist eben so, weil die Szene bei uns konservativ ist. Eine Ertl oder ein Stewart sind an uns herangetreten. Es geht nicht um Geld, sondern oft um Infrastruktur. Bei Karin Ertl ist es zum Beispiel unser Physiotherapeut in München.“

Das Angebot der LG Domspitzmilch scheint zu stimmen: „Vielleicht glauben das viele nicht. Aber wir sind heuer an keinen Athleten angegangen und hatten trotzdem 15 Neuzugänge.“ Gute Arbeit spricht sich herum und gute Athleten und seine „Stars“ haben für Kurt Ring einen hohen Stellenwert: „Die Nachwuchsarbeit ist ja gut und schön, aber das Renommee in Deutschland geben uns eben Ertl, Stewart, Skotnik, Susi Lutz oder Florian Schönbeck.“ Zehnkämpfer Schönbeck schaffte es 2004 zu den Olympischen Spielen nach Athen, Läuferin Lutz ist eine der Nachwuchshoffnungen, die sich zuletzt auf der Hindernisstrecke für die Junioren-WM qualifizierte und nun als nächstes Ziel den Weg zur U23-Europameisterschaft anstrebt. „Das wird noch schwieriger werden“, spricht aus Ring sofort wieder der Trainer.

Susi Lutz, die momentan ihre soziales Jahr bei der LG Domspitzmilch absolviert, steht auch für das neueste Vorhaben, das „Kids for Olympia“ heißt. Der Ring-Schützling geht dabei für die Leichtathletik an Schulen hausieren. „Das ist ein Quantensprung für uns. Wenn jetzt jemand mit 14 als Talent kommt, haben wir alle vernünftigen Voraussetzungen, um bis nach ganz oben durchzuziehen: Internat, dazu überlegen wir gerade, eine Wohnung anzumieten, es gibt Absprachen mit der Uni.“

Geht nicht, gibt’s nicht – geht das also bis zum Olympiasieger? „Das kann man sich nicht erarbeiten, das ist ein Glücksfall. Wir wollen dem Nachwuchs klarmachen, dass sich plagen nicht heißt, dreimal ins Training zu gehen, sondern sich ein Ziel zu setzen und es über Jahre zu verfolgen.“ Der Aufwand, um weit zu kommen, ist allerdings alles andere als klein in der Leichtathletik: „National zehn Mal, landesweit sechsmal“, nennt Kurt Ring die Zahl der nötigen Trainingseinheiten pro Woche. „Und die, die international mitmischen, die werden geboren: Sonst hätten wir in der Oberpfalz 15 Claudia Gesells oder 15 Schönbecks.“

Wohin der Weg der LG Domspitzmilch noch führen soll? „Mein Gott, man bräuchte zwei Leben“, seufzt Kurt Ring. „In Deutschland unter den Top 10 mitmischen“, wäre ein Wunsch. „Aber das dauert noch zehn Jahre.“ Kurzfristig stehen die Senioren-Europameisterschaften im Straßenlauf, Crosslauf und Gehen (18. bis 20. Mai) an. „Und Leute international durchbringen.“ Damit der Riese aus dem Dunkeln vielleicht doch irgendwann ein Riese im Licht wird.

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