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SSV Jahn

Herrlich: Die Augen immer fest am Ball

Heiko Herrlich will mit dem Jahn in die 3. Liga zurückkehren. Fußball ist sein Leben – eines, das fast zu Ende gewesen wäre.
Von Heike Sigel

Im Interview mit der Mittelbayerischen Sonntagszeitung schwärmte Heiko Herrlich von der Continental Arena und den „Zweitliga-Bedingungen“ in Regensburg.
Im Interview mit der Mittelbayerischen Sonntagszeitung schwärmte Heiko Herrlich von der Continental Arena und den „Zweitliga-Bedingungen“ in Regensburg. Fotos (2): altrofoto.de

Regensburg.Sobald der Ball im Spiel ist, erinnert Heiko Herrlich an einen Raubvogel, der seine Beute ins Visier nimmt. In seinem schwarzen Trainingsanzug steht der 1,89-Meter-Mann fast unbeweglich am Spielfeldrand. Vier gegen vier. Die Spieler schlagen schnelle Pässe. Ballannahme, Pass, Ballannahme, Pass – und das Ganze im Sekundentakt. Herrlich ist dermaßen fokussiert, dass er sogar das Blinzeln zu vergessen scheint.

Nachmittagstraining des SSV Jahn auf dem Kunstrasenplatz am Kaulbachweg. Den Spielern steckt da schon eine Trainingseinheit in den Knochen, außerdem eine detaillierte Videoanalyse des letzten Heimspiels. Heiko Herrlich hat das Filmmaterial frühmorgens noch einmal gesichtet, analysiert und für seine Spieler aufbereitet. Mittags geht es mit seinem Team gemeinsam zum Italiener um die Ecke. „Nur nach einem Sieg zahle ich gerne. Das ist der Deal mit der Mannschaft“, sagt er. Dabei schleicht sich ein Lächeln auf sein sonst so ernstes Gesicht. Die Mannschaft ist sein Star. Das hat er schon als Profispieler in der Bundesliga bei Leverkusen, Mönchengladbach und Dortmund so gehalten, diese Einstellung will er auch seinen Spielern mit auf´s Feld geben.

Die Mannschaft ist der Star

„Bewegung“, „Freilaufen“, „Zeig Dich“. Herrlichs Anweisungen auf dem Platz kommen eher sporadisch, sind aber immer motivierend. Keiner entgeht seinem Blick. Seit 20. Dezember letzten Jahres ist Heiko Herrlich Cheftrainer beim Jahn, binnen kürzester Zeit hat er sich ein Bild von seinen Spielern gemacht. Man nimmt es dem Champions-League-Sieger von 1997 ab, wenn er sagt, dass er sich bei der Mannschaftsaufstellung gerade auch über diejenigen Gedanken macht, die auf der Bank Platz nehmen müssen: „Manchmal kann ich jemanden nicht berücksichtigen, obwohl er die ganze Woche im Training Gas gegeben hat. Das ist aber keine Entscheidung gegen den jeweiligen Spieler. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie man sich in so einer Situation fühlt. Dann rede ich mit den Jungs und versuche alle ins Boot zu holen.“ Heiko Herrlich weiß in der Tat, wovon er spricht. Seine eigene Karriere verlief nicht immer nur steil nach oben. Das macht ihn glaubwürdig, obwohl ihm nichts ferner liegt, als seine Jungs „mit Geschichten von früher zu langweilen“.

Fußball ist sein Leben: Heiko Herrlich (hinten, Zweiter von rechts) als U13-Spieler mit seiner Mannschaft.
Fußball ist sein Leben: Heiko Herrlich (hinten, Zweiter von rechts) als U13-Spieler mit seiner Mannschaft.Foto: privat

Trotzdem: Herrlichs sportliche Vita ist beeindruckend. In der Saison 1994/95 war der heute 44-Jährige mit nur 23 Jahren der jüngste Torschützenkönig der Bundesliga, 1995 wurde er Spieler der deutschen Nationalmannschaft und 1997 dann mit Borussia Dortmund Champions-League-Sieger. Mit erst 17 Jahren startete der damalige U-18-Nationalspieler 1989 seine Profikarriere bei Bayer 04 Leverkusen. Kein Geringerer als Reiner Calmund stand damals bei Herrlichs Eltern – beide Lehrer und keinesfalls auf eine Profikarriere ihres Ältesten erpicht – im Wohnzimmer, um sein sprichwörtliches Gewicht für den jungen Heiko in die Waagschale zu werfen. „Er hat meiner Mutter sogar einen Blumenstrauß mitgebracht“, erinnert sich Herrlich schmunzelnd, „und meine Eltern dann überzeugt, dass es das Beste für mich ist, nach Leverkusen zu gehen.“

Die Anfangszeit in Leverkusen sei für ihn, den Teenager aus dem Schwarzwald, „ein Kulturschock“ gewesen. Plötzlich selbstständig, plötzlich Profifußballer. „Ich habe eine eigene Wohnung gehabt und mir jeden Morgen aus der Spüle einen Löffel und ein Messer rausgefischt und die dann schnell sauber gemacht. Ich hatte Heimweh und habe oft geheult. Diese Zeit war wirklich eine Schule für`s Leben.“

Inzwischen hat Heiko Herrlich ein Appartement in Regensburg bezogen. Er schwärmt von der Continental Arena und den „Zweitliga-Bedingungen“ in der Stadt: „Mittelfristig und langfristig muss das Ziel des SSV Jahn, unabhängig von der Person des Trainers, mit so einem phantastischen Stadion natürlich die 3. Liga und mehr sein. Das ist fast schon ein Muss. Vor allem mit diesem sportbegeisterten Publikum, das sich danach sehnt.“ Im Moment geht es für Herrlich und seine Mannschaft erst einmal um den ersten Platz in der Regionalliga Bayern und um den Wiederaufstieg in die dritte Liga. Eine enge Kiste, ein enormer Druck. „Ich empfinde diesen Druck als positiv. Schließlich hat mir ja niemand die Pistole an die Schläfe gehalten und mich zu diesem Job gezwungen.“

„Unendlich dankbar“

Der dreifache Familienvater ist komplett auf das Ziel Wiederaufstieg fokussiert. Nicht immer einfach, wenn man daneben auch noch ein enges Verhältnis zu den Kindern pflegen will. Heiko Herrlich ist seit einem Jahr geschieden. Mit seiner Ex-Frau hat er eine 14-jährige Tochter und einen zwölfjährigen Sohn. Zwanzig Jahre lang hielt die Ehe. Bei der Hochzeit waren Heiko Herrlich und seine Frau 21, beziehungsweise 19 Jahre alt. „Die Trennung war für mich schlimmer, als mein Gehirntumor damals. Ich empfand die Tatsache, dass du deine Kinder nicht mehr jeden Tag siehst, als existentieller“, sagt Herrlich entwaffnend offen. Die beiden älteren Kinder leben in Dortmund und sehen ihren Vater so oft es geht. Mit seiner neuen Lebensgefährtin hat Heiko Herrlich vor neun Monaten eine Tochter bekommen. Die beiden wohnen noch in München.

Heiko Herrlich ist für seine drei gesunden Kinder „unendlich dankbar“. Im Jahr 2000 war seine Ex-Frau gerade im dritten Monat schwanger, als den Dortmund-Star eine niederschmetternde Diagnose erreichte: lebensgefährlicher Gehirntumor. Nach einer Strahlentherapie sei der Tumor „zum Glück geschmolzen wie Butter“, erzählt der Jahn-Cheftrainer inzwischen relativ nüchtern. Damals hat ihm der Krebs aber heftig zugesetzt, physisch wie psychisch. Grau im Gesicht, ohne Haare und mit eingefallenen Wangen stellte er sich am 14. März 2001 sichtlich gezeichnet bei einer extra einberufenen Pressekonferenz den Fans und der Öffentlichkeit. Sechs Monate später stand Herrlich wieder für Dortmund auf dem Platz. 2004 musste er seine Profikarriere nach einer schweren Gesichtsfraktur beenden. Der Körper konnte und der Kopf wollte nicht mehr.

Dankbare Haltung seit der Krebserkrankung

Heiko Herrlich mit seinem Vater (rechts) an der Amalfiküste. Die beiden unternehmen regelmäßig gemeinsame Motorradtouren.
Heiko Herrlich mit seinem Vater (rechts) an der Amalfiküste. Die beiden unternehmen regelmäßig gemeinsame Motorradtouren. Foto: privat

Seit der Erkrankung hat sich Heiko Herrlichs Sicht auf die Dinge komplett geändert. „Ich war schon vor meiner Krankheit gläubiger Christ, habe dem Leben gegenüber aber noch einmal eine dankbarere Haltung angenommen“, sagt er. Beim Kinder-ins-Bett-Bringen hat er in den zurückliegenden Jahren bewusst darauf geachtet, dass seine zwei immer mit schönen Gedanken im Kopf einschlafen. „Nenne mir drei schöne Sachen, die dir heute passiert sind“, so lautete sein Standardsatz beim gemeinsamen Einschlafritual. Mit seinen liebsten Menschen wertvolle Zeit zu verbringen, ist Heiko Herrlich wichtig. Im letzten Jahr zum Beispiel reiste er mit seinen großen Kindern in die USA, um mit seinem Sohn, einem leidenschaftlichen Basketballspieler, einige NBA-Spiele anzuschauen. Mit der Tochter war dann Shoppen in New York angesagt.

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Fast euphorisch erzählt Heiko Herrlich von den Motorradtouren mit seinem über 70-jährigen Vater durch Italien oder Südafrika. „Dabei haben wir uns oft gestritten und auch Vieles aufgearbeitet, aber eben auch viel gemeinsame Zeit nachgeholt.“ Als er Fotos von sich und und seinem Vater neben zwei Harleys zeigt, muss Heiko Herrlich lachen. „Bei unseren Touren fühlen wir uns wie Feierabend-Rocker.“ Kürzlich saß Herrlichs Vater beim Heimspiel in Regensburg auf der Tribüne. Sein Sohn stand am Spielfeldrand: ernst, fokussiert und absolut im Hier und Jetzt.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische am Wochenende erstmals exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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