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Herrlich zieht beim Jahn die Zügel an

Im Interview erklärt der Coach, wie er den Abwärtstrend stoppen will und dafür auch mal zu ungewöhnlicheren Mitteln greift.

Will mit seiner Mannschaft endlich wieder in die Erfolgsspur zurückkehren: Jahn-Trainer Heiko Herrlich
Will mit seiner Mannschaft endlich wieder in die Erfolgsspur zurückkehren: Jahn-Trainer Heiko Herrlich Foto: Eibner

Regensburg.Herr Herrlich, Sie haben zuletzt Klartext geredet und kritisiert, dass sie beim SSV Jahn die absolute Gier nach Erfolg vermissen. Das müssen Sie uns nochmal näher erläutern.

Heiko Herrlich: Wenn man die jüngere Vergangenheit und insbesondere auch die abgelaufene Saison nimmt, erkennt man ein Muster: Auf Erfolg folgte Zufriedenheit und damit ein Einbruch. Das Problem ist erkannt. Die letzten drei, vier Prozent, die richtige Gier, fehlten einfach zuletzt. Christoph Daum hat einst mal gesagt, eigentlich sei es sein Job, die Spieler jeden Tag aus ihrer Komfortzone rauszuholen. Da ist was wahres dran.

Die Formkurve des SSV Jahn gleicht in der aktuellen Spielzeit einer Achterbahnfahrt. Ihre Mannschaft durchlebt derzeit bereits die zweite Ergebniskrise. Aus den letzten vier Spielen steht lediglich ein Pünktchen zu Buche. Wie wollen Sie den Abwärtstrend wieder stoppen?

Das ist eine Situation, die gefährlich werden kann. „The trend is my friend.“ Und der Trend ist gerade negativ. Ein zweites Problem ist, dass die Mannschaft in Spielen, in denen es nichts zu verlieren gibt, befreiter aufspielt als unter Druck. Wir müssen aber immer alles raushauen und immer gierig sein. Man darf dabei aber nie vergessen, wo wir herkommen. Unser Ziel ist und bleibt ausschließlich der Klassenerhalt.

Ich habe den Spielern gesagt, dass nach vier Spielen ohne Sieg der Bonus, den sich viele erspielt haben, jetzt aufgebraucht ist. Jetzt zählt ausschließlich die Tagesform.

Die Länderspielpause haben Sie jetzt dafür genutzt, um die Gründe für die mageren Resultate der vergangenen Wochen intern aufzuarbeiten. Mit welchem Ergebnis?

Ich habe den Spielern gesagt, dass nach vier Spielen ohne Sieg der Bonus, den sich viele erspielt haben, jetzt aufgebraucht ist. Jetzt zählt ausschließlich die Tagesform. Einige Spieler wie beispielsweise André Luge scharren mit den Hufen. Er hat aktuell die Gier, sich zurückzukämpfen. Es ist sehr gut möglich, dass zwei oder drei Neue in der Anfangsformation stehen werden gegen Wiesbaden.

Neben der Konkurrenzsituation haben Sie aber auch noch ein anderes Druckmittel in der Hand, um die Gier bei ihren Spielern wieder voll zu entfachen....

Meine Trainingspläne sind immer mit dem Hinweis versehen: „Änderungen vorbehalten“. Nach dem Testspiel gegen Würzburg (3:1-Sieg; Anm. d. Red.) hatten die Spieler auf ein freies Wochenende gehofft. Sie hatten sich voll reingehängt und gut gespielt. Für den nächsten Vormittag habe ich dennoch eine Einheit angesetzt und den Spielern gesagt: „Wenn es eine Verlässlichkeit gibt für eure Leistungsbereitschaft, für die Gier, dann gibt es auch wieder verlässliche Trainingspläne.“

Ein probates Mittel, das auch bei Ihnen früher als Ex-Profi funktionierte...

Ich weiß es noch selber als Spieler: Die größte Währung, die man mir stehlen konnte, war die Freizeit. Das war die bitterste Strafe für mich. Ich mache immer langfristige Trainingspläne. Das habe ich selbst schon als Profi unter Ottmar Hitzfeld geschätzt. Matthias Sammer war dagegen das genaue Gegenteil, da wusste ich selbst nach dem Training nicht, wann die nächste Einheit ansteht.

Sie sind ja ein gläubiger Mensch und machen da auch kein Geheimnis draus. Ihren Spielern haben Sie ja schon das eine oder andere Mal aus der Bibel vorgelesen. Haben Sie sich schon weitere Zitate zurechtgelegt für weitere Ernstfälle?

Meine Aufgabe ist vorrangig Punkte zu holen, aber manchmal gibt es Situationen, wenn einer vom Team kritisiert und in die Ecke gestellt wird, da habe ich dann auch schon mal aus dem Johannes-Evangelium vorgelesen: Jesus und die Ehebrecherin. Manchmal muss man solche Mittel in Anspruch nehmen, um die Gruppe wieder zu balancieren. Meinen missionarischen Auftrag als Christ lebe ich jetzt aber nicht permanent in der Mannschaft aus. (lacht)

Einen kleinen Puffer auf die Abstiegsplätze hat der SSV Jahn noch:

Am Samstag kommt Tabellennachbar Wiesbaden nach Regensburg. Obwohl der Terminus Tabellennachbar in dieser engen 3. Liga ja von sehr überschaubarer Haltbarkeitsdauer ist.

Jeder kann jeden schlagen. Das macht die Liga ja so interessant.
Bisher hätten wir gegen jede Mannschaft gewinnen können – aber auch verlieren können. Die Liga ist sehr homogen. Es sind Nuancen, die jeweils entscheidend waren. Auch zuletzt war nicht alles schlecht. Selbst in Bremen, wo wir ingesamt ein schwaches Spiel gemacht haben.

Während beim Blick auf die Verletztenmisere in den vergangenen Monaten ihre Improvisationskünste gefordert waren, stehen Ihnen nun wieder Alternativen zur Verfügung. Sehen wir bald ein neues Innenverteidiger-Paar?

Die Diskussion, ob die Innenverteidiger die richtigen sind, würde es gar nicht geben, wenn wir unsere zahlreichen Torchancen genutzt hätten.

Gibt es also in der Offensive Handlungsbedarf? Marco Grüttner wartet ja bereits seit fünf Spielen auf seinen dritten Saisontreffer.

Marco Grüttner war an vielen wichtigen Punktgewinnen beteiligt. Wir können froh sein, dass wir ihn geholt haben. Vergangene Woche haben wir ihm wegen Beschwerden am Schambein mal eine Pause gegönnt. Aber auch da gilt, es gibt keinen Bonus mehr, es entscheidet die Tagesform.

Noch fünf Spiele, dann ist Winterpause: Da bleibt Sportchef Christian Keller und Ihnen doch Zeit, um vielleicht auch mal über die Verlängerung Ihres am Saisonende auslaufenden Arbeitsvertrages zu sprechen…

Der Verein will auf Kontinuität setzen, auch ich habe bereits gesagt, dass ich gerne längerfristig hier arbeiten würde. Aber jetzt stehen erstmal die sportlichen Dinge im Vordergrund.

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