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Opa Meyer ist der König von Franken

Zurückhaltung pur statt Triumphgeheul: Für den Pokalsieg war’s „höchste Zeit“

Von Heinz Gläser, MZ

BERLIN. Es war ein Moment, in dem die meisten darauf bedacht wären, eine besonders gute Figur zu machen. Aber Hans Meyer pfeift nun mal auf Konventionen. Im Bewusstsein, dass alle Kameras im Olympiastadion auf ihn gerichtet waren, streifte sich der Trainer des 1. FC Nürnberg das rote Sporthemd vom Leib und das schwarze Pokalsieger-Shirt über. Der Klamottenwechsel offenbarte ein veritables Gewichtsproblem beim 64-Jährigen. Man könnte auch ganz uncharmant von einer gepflegten Wampe sprechen, die da kurz zum Vorschein kam.

Opa Meyer wirkte am späten Samstagabend im Berliner Tollhaus nach dem 3:2 (2:2, 1:1)-Sieg nach Verlängerung seines Clubs gegen den frisch gebackenen deutschen Meister VfB Stuttgart fast ein wenig deplatziert. Er eilte zu seinen Enkeln („Da habe ich ja eine ganze Menge“), die den ersten Nürnberger Titelgewinn seit 39 Jahren auf der Tribüne mitverfolgt hatten, und holte sich ein paar Küsschen ab. Anschließend hielt der neue König von Franken Hof, wie es im elektronischen Zeitalter üblich ist: Er studierte die einlaufenden Glückwunsch-SMS auf seinem Handy.

Den Ball flach halten, alles tiefer hängen: Hans Meyer ist zu lange im Fußball-Geschäft, als dass er nicht um die Vergänglichkeit des Ruhms wüsste. Vielleicht ließ er aber auch den beschwerlichen Weg Revue passieren, den er, der „Ossi“, nach der Wende zurückzulegen hatte, bis er in der Fußball-Bundesliga Fuß fassen konnte. Ein Umweg über die holländische Ehrendivision beim FC Twente Enschede zählte dazu. Meriten wie drei DDR-Pokalsiege (1972, 1974, 1980) oder die Final-Teilnahme im Europapokal der Pokalsieger 1981 mit Carl Zeiss Jena waren zunächst keine Empfehlung für einen Job im Westen gewesen. Nun hat Meyer Geschichte geschrieben. Als erster ehemaliger DDR-Coach hat er einen gesamtdeutschen Titel errungen. „Wurde auch höchste Zeit, denn es sind nicht mehr viele in der Lage dazu. Wir sterben langsam aus“, kommentierte er seinen Coup lakonisch.

Kein Triumphgeheul also, stattdessen kühle Analyse: „Das könnte heute auch noch Zufall gewesen sein“, sinnierte Meyer in den Katakomben des Stadions nach dem jederzeit rasanten, dramatischen und phasenweise hochklassigen Final-Krimi. Er erinnerte an vergangene („Da waren wechselhafte und dubiose Leistungen in den letzten Jahrzehnten“) und aktuelle Probleme („Unser Team läuft seit Wochen auf dem Zahnfleisch“) des Nürnberger Traditionsvereins, den er nun zum vierten Pokalsieg nach 1935, 1939 und 1962 und in den Uefa-Pokal geführt hat. „Richtig Asche“, sprich Glück, habe man in den ersten Runden des Wettbewerbs gehabt, gab der 64-Jährige zu. Und er deutete dies als gutes Omen: „Irgendwo hat man schon auf der Strecke mitbekommen, dass der liebe Gott mit uns etwas vorhat.“

Sofern dieser göttliche Plan tatsächlich existierte, half der strenggläubige Stuttgarter Cacau bei der Ausführung mit. Nach einer Provokation schlug der offensichtlich übermotivierte Brasilianer und Ex-Nürnberger mit der Faust nach Andreas Wolf. Schiedsrichter Michael Weiner quittierte die dumme Aktion in der 31. Minute mit Rot, die Schwaben standen fortan zu zehnt auf dem Rasen. Ebenjener Cacau hatte Stuttgart 1:0 in Führung gebracht (20.), die intensiv geführte Auseinandersetzung auf hohem Niveau mündete vor 74220 Zuschauern nach Club-Treffern durch Marek Mintal (27.) und den starken Marco Engelhardt (47.) doch in die Verlängerung, weil VfB-Mexikaner Pavel Pardo per Foulelfmeter (80.) noch ausglich.

Dem entscheidenden 3:2 durch einen Sonntagsschuss von Jan Kristiansen (109.) attestierte Meyer absoluten Seltenheitswert: „Der hat bisher nur in Dänemark getroffen.“ Die Tor-Premiere im Club-Trikot zahlt sich für den 25-Jährigen direkt aus. Zuvor schon als Abgang nach der Saison gehandelt, soll Kristiansen nun nach Aussage von FCN-Sportdirektor Martin Bader seinen Vertrag bis 2008 in Franken doch erfüllen.

Cacaus Blackout war übrigens nicht der einzige in Reihen der Stuttgarter. VfB-Kapitän Fernando Meira leistete sich einen „schlimmeren Ausraster“ (Meyer), als er Mintal brutal von den Beinen holte. Der Slowake, ohnehin der Club-Dauerpatient der vergangenen Spielzeiten, wurde in der 35. Minute vom Platz getragen. Diagnose: Innenbandabriss im rechten Knie. Einen optimalen Heilungsverlauf vorausgesetzt, könnte der 29-Jährige zur Vorbereitung auf die Saison wieder fit sein. Weiner ließ es im Fall Meira mit der Gelben Karte bewenden – der Referee ließ Gnade walten, wo diese nicht angezeigt war.

„Wir können erhobenen Hauptes hier rausgehen“, bilanzierte derweil Armin Veh das verpasste Double. Seine Mannschaft habe in Unterzahl „super gefightet“, lobte der VfB-Coach. Selbst auf Sünder Cacau ließ Veh nichts kommen: „Ich werde ihm sicher nicht den Kopf abreißen.“

„Stellen Sie sich mal vor, der Armin hätte heute auch noch den Pokal geholt – was hätte er dann noch für eine Motivation gehabt?“, fragte Hans Meyer scherzhaft in die Runde. Es war einer der seltenen Momente, in denen am Samstag seine gewohnte Rolle als Fußball-Weiser mit Sinn für Hintergründiges aufblitzte. Ansonsten gab er sich angesichts der gewaltigen fränkischen Euphorie betont zurückhaltend, ja fast schon demütig. Das galt auch für das mitternächtliche Gala-Buffet im Hotel Ritz Carlton am Potsdamer Platz. „Vor Freude zu tanzen, das habe ich schon als junger Mann nicht getan“, verkündete Meyer. Nein, in der Öffentlichkeit eine gute Figur zu machen, war ihm wohl noch nie sonderlich wichtig. Selbst zu Zeiten, als er noch ein paar Kilo weniger auf den Rippen hatte.

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