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Rollstuhlrugby

Die Paralympics sind Altmanns Traum

Thorsten Altmann aus Schwarzenfeld fährt als einziger Spieler aus Süddeutschland zur EM. Im Team erhält er eine neue Rolle.
Von Alex Huber

Thorsten Altmann tritt mit Deutschlands Rollstuhlrugby-Nationalteam bei der EM in Dänemark an. Foto: Alex Huber
Thorsten Altmann tritt mit Deutschlands Rollstuhlrugby-Nationalteam bei der EM in Dänemark an. Foto: Alex Huber

Schwandorf.Für Thorsten Altmann geht es am 4. August zu seiner mittlerweile dritten Europameisterschaft. Im dänischen Vejle trifft der 29-jährige Schwarzenfelder mit Deutschlands Rollstuhlrugby-Nationalteam auf Frankreich, Englang und die Niederlande. Trotz der enorm schweren Gruppe will Altmann ins Halbfinale einziehen – und somit die Chance auf seinen großen Traum von den Paralympics 2020 in Tokio wahren.

Thorsten, du stehst vor deiner dritten EM-Teilnahme. Wie und wann hast du von deiner Nominierung erfahren?

Das war im Trainingslager Anfang Juni. Am letzten Tag standen Einzelgespräche mit dem Trainer auf dem Programm. Da wurde den Spielern gesagt, ob sie mit nach Dänemark dürfen oder eben nicht. Da war der Stolz natürlich groß. Uns wurde auch gesagt, welche Rolle wir in der Kaderplanung spielen und wie viel Zeit wir uns auf dem Feld ausrechnen dürfen.

Und was hat der Bundestrainer bei der EM genau mit dir vor?

Wie viel Spielzeit ich bekommen werde, konnte er mir noch nicht genau sagen. Wir stehen aber gerade vor einem wirklich großen Umbruch. Ich glaube, dass ich noch nie mit einem so jungen Team bei einem großen Turnier war. Ich gehöre nach drei Europameisterschaften und einer Weltmeisterschaft ja mittlerweile doch zu den erfahrenen Spielern. Demnach soll ich vor allem auch die jüngeren Mannschaftskollegen ein wenig führen und nicht nur griesgrämig auf der Bank sitzen, wenn ich mal nicht spiele.

Hattest du auch die Befürchtung, dass du vielleicht gar nicht nominiert wirst?

Ich habe ehrlich gesagt schon ein wenig daran gezweifelt, ob ich wirklich wieder mit darf. Umso größer war danach natürlich die Freude, weil die ganze Arbeit und der hohe Trainingsaufwand nicht umsonst waren. Ich bin der einzige Spieler aus Süddeutschland, der es in den Kader geschafft hat. Das macht mich schon stolz.

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Wem hast du die Nachricht von deiner Nominierung zuerst erzählt?

Meinem Vater, weil er als Mechaniker auch des Öfteren mal bei unseren Trainingslagern dabei ist und so ja einen engen Kontakt zu den ganzen Leuten in der Mannschaft hat. Er und meine Mutter waren da natürlich stolz, weil auch sie gesehen haben, wie hart ich dafür geackert habe. Das ist ja nicht nur rein das Rugby. Ich bin auch viel im Kraftraum oder beim Handbiken, wenn ich gerade nicht spiele.

Die EM findet vom 4. bis 11. August statt – ihr habt also innerhalb von nur einer Woche fünf Spiele. Wie hoch ist da die Belastung?

Das ist schon enorm. Das hast du natürlich noch Tage danach in den Knochen. Aber auch die Zeit davor ist anspruchsvoll. Der Fokus liegt ja schon seit November voll und ganz auf der Europameisterschaft. Da wirst du ständig vom Bundestrainer oder von seinem Co beobachtet und musst liefern. Man hat also immer Druck, den man aber so gut es geht ausblenden muss.

Der Nationalspieler

  • Vita:

    Thorsten Altmann ist bei der Schwere seiner Behinderung auf einer Punkteskala von 0,5 bis 3,5 mit 1,5 klassifiziert. Er schaffte den Einstieg in den Behindertensport über das Rollstuhlbasketball, wo er auch nach dem Wechsel an eine Realschule in München im Alter von 14 Jahren in der Landeshauptstadt aktiv war. Später wechselte er zum Rugby – und machte sich dort schnell einen Namen. Seit 2014 spielt der 29-jährige Schwarzenfelder in der Nationalmannschaft.

  • Turniere:

    Seine erste Weltmeisterschaft spielte Altmann in Dänemark. Allerdings wurde Deutschland dabei nur Vorletzter. Bei der EM 2015 in Finnland landete er mit seinen Mannschaftskollegen dann auf dem vierten Platz, womit Altmann auch das Ticket für die Paralympics-Qualifikation in der Tasche hatte. Gegen die USA und Frankreich reichte es am Ende aber nicht.

Wie schätzt du die Erfolgschancen der Nationalmannschaft ein?

Wir haben eine unglaublich junge und wahnsinnig fitte Mannschaft. Das einzige Manko könnte die vielleicht fehlende Erfahrung im Team sein. Wenn wir nicht unter die ersten Zwei in unserer Gruppe kommen, wäre das schon der Worst Case.

Welche Nationen stellen für dich in Dänemark die stärksten Konkurrenten dar?

England ist als amtierender Europameister ganz klar einer der Favoriten. Auch Frankreich als EM-Dritter und England als Vizeeuropameister sind starke Mannschaften. Gegen diese beiden spielen wir auch schon in der Gruppenphase. Wir haben auch noch die Niederlande bei uns dabei. Die haben, was ich bislang sehen habe, wirklich saugute Spieler. Auch taktisch haben sie einen wahnsinnigen Sprung gemacht.

Und wie sieht es mit eurer Zielsetzung bei der EM aus?

Wir wollen auf jeden Fall ins Halbfinale. Wenn wir es so weit schaffen, wären wir berechtigt, am Qualifikationsturnier für die Paralympics 2020 in Tokio teilzunehmen. Das ist das große Ziel dieser EM. Wir wollen da unbedingt mitspielen. Der Europameister und der Vizeeuropameister qualifizieren sich direkt für Olympia. Wenn wir uns also Hoffnungen auf Tokio machen wollen, müssen wir uns in unserer Gruppe durchsetzen. Das wird knackig.

Thorsten Altmann gehört im Team mittlerweile zu den Routiniers. In seiner Heimat Schwarzenfeld wird er gefeiert. Foto: Alex Huber
Thorsten Altmann gehört im Team mittlerweile zu den Routiniers. In seiner Heimat Schwarzenfeld wird er gefeiert. Foto: Alex Huber

Auf was freust du dich in Dänemark am meisten?

Auf das ganze Drumherum. Eine Europameisterschaft ist immer etwas ganz besonderes. Jedes Mal wenn du das Trikot der Nationalmannschaft an hast, ist das eine riesige Ehre. Natürlich schafft man es beim Rollstuhlrugby leichter in die Nationalmannschaft als beispielsweise beim Fußball, weil das einfach nicht so viele Leute spielen. Aber auch da musst du dich durchsetzen. Ich darf jetzt gegen die besten Teams Europas spielen. Das bestätigt einfach meine ganze Arbeit.

Wirst du von jemandem aus deiner Familie oder aus deinem Freundeskreis nach Dänemark begleitet?

Nein. Meine Eltern wollten zwar eigentlich schon mit nach Vejle, aber bei meinem Vater kam jetzt aus gesundheitlichen Gründen etwas dazwischen. Das macht aber nichts. Die komplette Europameisterschaft wird ja im Internet per Livestream übertragen. Meine Familie und meine Freunde können die Begegnungen also auch von zu Hause verfolgen.

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Gibt es Spieler aus anderen Nationen, gegen die du besonders gerne antrittst?

Einzelne Überflieger wie beim Fußball gibt es bei uns eigentlich nicht. Natürlich haben aber die meisten Mannschaften einen Spieler in ihren Reihen, auf den man ein besonderes Augenmerk legen muss. Und ich habe mir bei der Gruppenauslosung bei manchen Spielern schon auch gedacht: Geil, jetzt stehst du mal wieder gegen den auf dem Feld.

Wie sieht eure Vorbereitung in den verbleibenden Wochen vor dem Turnier aus?

Wir waren jetzt von Donnerstag bis Sonntag erst wieder in einem Trainingslager in Großwallstadt. Wir haben dort gemeinsam mit dem Nationalteam aus Polen trainiert. Hintergrund war der, dass wir einfach nochmal gegen ein in etwa gleichstarkes Team testen können. Polen spielt zwar auch bei der Europameisterschaft, aber nicht in unserer Gruppe. Wir konnten also viele taktische Dinge ausprobieren. Wir haben die Spiele auch immer gefilmt, um im Nachgang Videoanalysen machen zu können.

„Ich will nicht irgendwann gegangen werden, weil ich nicht mehr gut genug bin.“

Thorsten Altmann

Mit 29 Jahren zählst du ja mittlerweile zu den ältesten Spielern in der Nationalmannschaft – gerade jetzt, wo ihr euch ja enorm verjüngt habt. Hast du dir deshalb auch schon mal Gedanken über dein Karriereende gemacht?

Ja. Für mich selbst habe ich schon das eine oder andere mal durchdacht, wie lange ich das noch machen will. Ich habe mir persönlich ein Limit gesetzt, aber ich habe auch noch mit niemandem außer meinen Eltern darüber gesprochen. Mir ist dabei vor allem wichtig, dass ich entscheide, wann Schluss ist. Ich will nicht irgendwann gegangen werden, weil ich nicht mehr gut genug bin, sondern selbst den richtigen Zeitpunkt wählen. Außerdem habe ich nach wie vor den großen Traum von den Paralympics. Das war schon damals, als ich mit dem Rollstuhlrugby angefangen habe, immer mein Ziel. Deutschland war das letzte Mal 2008 in Peking vertreten. Tokio wäre also auch für mich das erste Mal bei Olympia.

Was macht für dich persönlich dabei den Reiz aus?

Rollstuhlrugby ist ja nach wie vor eine absolute Randsportart. Als wir unser Testspiel in meiner Heimat Schwarzenfeld ausgetragen haben, kamen etwa 600 Leute. Die Kulisse war völlig irre, das war für unsere Verhältnisse eine wahnsinnige Atmosphäre. Selbst bei der Europameisterschaft werden wahrscheinlich nicht so viele Zuschauer da sein und so für Stimmung sorgen, wie in Schwarzenfeld. Aber bei den Paralympics müssen die Hallen angeblich proppevoll sein, da wird von ein paar tausend Leuten gesprochen. Das ist natürlich schon nochmal ein Anreiz. Mein Hauptziel ist, den Sport einfach bekannter zu machen.

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