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Rollstuhlbasketball

Rollactiv Baskets: Meister der Inklusion

In Schwandorf spielen Rollstuhlfahrer und Fußgänger Seite an Seite Basketball – mit großem Erfolg. Es geht um mehr als Sport.
Von Alex Huber

Ludwig Wolf zählt zu den Stammspielern der Baskets. Foto: M. Troppmann
Ludwig Wolf zählt zu den Stammspielern der Baskets. Foto: M. Troppmann

Schwandorf.Stefan Kesslers Blick wandert hin und her. Seine Augen beobachten genau, was auf dem Spielfeld passiert. Er sitzt an der Seitenlinie, brüllt, lobt, schimpft. Den Glauben an das Leben hat er nie verloren – trotz des schweren Autounfalls 1982. Ein enger Freund saß am Steuer und verunglückte tödlich. Auch Kesslers Leben sollte sich schlagartig verändern.

Mit nur 17 Jahren war er plötzlich an den Rollstuhl gebunden. Was folgte, war eine tiefe psychische Krise. Halt fand Kessler im Sport. Ebenso wie viele seiner Spieler es auch heute tun. Für den Trainer der rollactiv Baskets ist Rollstuhlbasketball mehr als nur ein Spiel. In seinem Team agieren Rollstuhlfahrer Seite an Seite mit den von ihnen sogenannten Fußgängern – sobald alle im Rollstuhl auf dem Feld sind, gibt es keinerlei Unterschied.

Coach Stefan Kessler gab der Sport halt. Sich selbst bezeichnet er durchaus als strengen Trainer. Foto: Alex Huber
Coach Stefan Kessler gab der Sport halt. Sich selbst bezeichnet er durchaus als strengen Trainer. Foto: Alex Huber

Die Idee für die rollactivs gab es bereits seit Langem, im Mai 2016 wurde sie dann schließlich umgesetzt: Unter der gemeinsamen Regie von Kessler und Thomas Mückl schlossen sich die gesamten Rollstuhlbasketballgruppen der Oberpfalz zu einem gemeinsamen Team zusammen. „Ich habe gesehen, dass es in vielen Vereinen Leute gibt, die gerne in der Liga spielen würden. In den einzelnen Vereinen war das aber nicht möglich, weil es einfach nicht genügend Spieler gab“, erklärt Kessler. Letztendlich habe es nur ein passendes Konzept gebraucht. Kessler stellte ein solches auf die Beine, und zwar mit durchschlagendem Erfolg: Sein Team liegt schon vor dem letzten Heimspieltag am kommenden Samstag uneinholbar an der Spitze des Bayernliga-Tableaus und hat die Meisterschaft bereits frühzeitig inne. In der neuen Saison geht es für die Oberpfälzer, die in der Schwandorfer Oberpfalzhalle einmal im Monat für ihr Teamtraining aus dem gesamten Regierungsbezirk zusammenkommen, in die Oberliga.

Andreas Betzlbacher ist Teamcaptain und spielt seit über einem Jahrzehnt als Fußgänger Rollstuhlbasketball. Foto: M. Troppmann
Andreas Betzlbacher ist Teamcaptain und spielt seit über einem Jahrzehnt als Fußgänger Rollstuhlbasketball. Foto: M. Troppmann

Andreas Betzlbacher ist ein der Spieler, die einen großen Anteil am Erfolg von Kesslers Truppe haben. Der Teamcaptain der rollactiv Baskets ist im Gegensatz zu vielen seiner Mannschaftskollegen in keiner Weise eingeschränkt, läuft in seiner Freizeit sogar Ultramarathons. Nichtsdestotrotz ist Betzlbacher leidenschaftlicher und vor allem ambitionierter Rollstuhlbasketballer – auch wenn ihm aus seinem Umfeld anfänglich nur wenig Verständnis für seine Faszination entgegengebracht wurde. „Zwischen den Spielern gibt es keinen Unterschied. Es ist ein knallharter Sport, vor allem musst du dabei beides können: Rollstuhlfahren und Basketball spielen“, erklärt der Schwandorfer.

Weder Scheu noch Mitleid

Betzlbacher hatte bereits früh Kontakt zum Rollstuhl. „Ich war schon als Kind immer in unserem Sanitätshaus. Mein Bruder und ich haben uns da oft einfach in den Rollstuhl gesetzt und sind rumgefahren.“ Scheu oder Mitleid habe Betzlbacher auch deshalb schon lange nicht mehr. „Viele meiner engsten Freunde sind Rollstuhlfahrer. In der Kabine ist es völlig normal, dass zusammen geduscht wird und dass sich die Rollstuhlfahrer auch mal einen Katheter legen. Ja und? Das ist halt so.“

Die rollactiv Baskets

  • Letzter Spieltag:

    Am kommenden Samstag bestreiten die rollactiv Baskets ihren letzten Spieltag. Um 14 Uhr tritt Kesslers Team in der Schwandorfer Oberpfalzhalle gegen den USC München an. Der Eintritt ist frei.

  • Meisterschaftsfeier:

    Im Anschluss an das Spiel steigt die interne Aufstiegsparty im Kreis der Mannschaft der rollactiv Baskets.

Anders als sein Teamcaptain hätten es die meisten Fußgänger beim Rollstuhlrugby anfangs meist sehr schwer, wie Kessler erklärt. „Wenn du zuvor schon Basketball gespielt hast, dann kannst du zumindest werfen. Wenn du aber weder spielen noch Rollstuhlfahren kannst, dann hast du ein Problem, dann bist du erstmal für nichts gut.“ Durch entsprechendes Training ließe sich dieses Problem – wenn auch nicht von heute auf morgen – aber lösen.

Die rollactiv Baskets liegen schon vor dem letzten Spieltag uneinholbar an der Tabellenspitze. Foto: M. Troppmann
Die rollactiv Baskets liegen schon vor dem letzten Spieltag uneinholbar an der Tabellenspitze. Foto: M. Troppmann

Zurück zu Kesslers schwerem Unfall: Nach dem tragischen Unglück verbrachte der Nordoberpfälzer fünf Monate durchgehend im Krankenhaus, stets mit dem Wissen, nie wieder laufen zu können. „Natürlich sagst du dir da nicht: geil, jetzt sitze ich im Rollstuhl. Du fällst in ein tiefes Loch“, sagt Kessler. Entscheidend sei in einer solchen Situation vor allem eines: der Charakter. „Du musst einfach nach einer Lösung suchen. Wenn du wie ich Glück hast, dann hast du Familie und Freunde, die dir beistehen.“

Nach dem fünfmonatigen Klinikaufenthalt stand für Kessler der Neuanfang an. „Wenn du aus dem Krankenhaus kommst, wirst du sozusagen wieder rausgeschmissen ins normale Leben. Als Rollstuhlfahrer war es in der Gesellschaft schon hart. Heute ist es Gott sei Dank nicht mehr so, aber damals war ich bei mir im Ort schon immer ein bisschen der Sonderling – auch wenn immer alle gesagt haben: schau, der arme Kerl.“

Trotz des schon fixen Aufstiegs hatte Stefan Kessler im letzten Training auch Grund zur Kritik. Foto: Alex Huber
Trotz des schon fixen Aufstiegs hatte Stefan Kessler im letzten Training auch Grund zur Kritik. Foto: Alex Huber

Weil er schon immer eine sportliche Grundeinstellung gehabt habe, versuchte sich Kessler schnell im Rollstuhlbasketball, später spielte er sogar in der 2. Bundesliga. „Im Sport habe ich nicht nur Menschen mit den gleichen Problemen getroffen, sondern auch Vorbilder gefunden. Das hilft dir in deiner eigenen Entwicklung und raus aus der Krise. Die Rollstuhlfahrer, die rausgehen und Sport treiben, haben ihr Leben im Griff. Die, die nur zu Hause sitzen, haben es oft nicht.“

Technik, Schnelligkeit und Taktik

Nach dem Aufstieg in die Oberliga wollen die rollactiv Baskets in der neuen auch eine zweite Mannschaft stellen. „Damit auch die, die aktuell nicht so viel zum Zug kommen, mehr Spielpraxis bekommen“, sagt Kessler. Schließlich steigt in der Oberliga nicht nur der Aufwand, sondern auch das Niveau. Dann kommt es für die rollactiv Baskets noch mehr auf Technik, Schnelligkeit und Taktik an.

Die rollactiv-Baskets sind Bayernligameister

Im Abschlusstraining vor dem letzten Spieltag in der Bayernliga lassen es Kessler und sein Team aber ruhiger angehen. Ausnahmsweise gibt es unter dem Coach, der sich selbst durchaus als strengen Trainer bezeichnet, eine lockere Einheit. „Wir wollen das genießen. Wir haben eine dermaßen gute Saison gespielt – und auf die Fotzn werden wir auch früh genug wieder kriegen.“

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