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Fussball

Denkwürdiges Drama in Kölner Südstadt

Beim 2:2 des Jahn gegen die Fortuna überschlagen sich in der Nachspielzeit die Ereignisse. Markus Ziereis fällt lange aus.
Von Heinz Gläser, MZ

Der schmerzhafte Knackpunkt im Spiel: Jahn-Stürmer Markus Ziereis hat sich den linken Ellenbogen ausgerenkt und muss minutenlang auf dem Platz behandelt werden.
Der schmerzhafte Knackpunkt im Spiel: Jahn-Stürmer Markus Ziereis hat sich den linken Ellenbogen ausgerenkt und muss minutenlang auf dem Platz behandelt werden. Foto: Eibner

Köln.Marco Grüttner stand noch ganz unter dem Eindruck der Geschehnisse. „Das ist sehr, sehr bitter“, stöhnte der Torjäger nach dem Auslaufen und fügte hinzu: „Für uns ist das im Nachhinein ein gebrauchter Tag.“ Versteinerte Mienen auch bei den Verantwortlichen des SSV Jahn wenige Meter weiter im Kabinentrakt des Kölner Südstadions. Kein Zweifel, das denkwürdige Fußball-Drama am Samstagnachmittag hatte Spuren hinterlassen. Grüttner brachte die allgemeine Gemütslage beim Regensburger Drittligisten mit einem Wort auf den Punkt: „Wahnsinn!“

Späte Zuspitzung

Dabei hatte beim 2:2 (0:1)-Unentschieden in der Partie zwischen den gastgebenden Kölner Fortunen und dem Jahn zunächst wenig auf eine solche Zuspitzung hingedeutet. Zum Abschluss einer ausgeglichen verlaufenen ersten Halbzeit hatte Grüttner die Regensburger mit seinem zehnten Saisontreffer in Führung gebracht, und nach dem Wechsel diktierte der Jahn das Spiel. Folgerichtig narrte Grüttner zum zweiten Mal die Fortunen-Abwehr und schraubte sein Konto auf nunmehr elf Tore. Mit dem 2:0 im Rücken schienen die Fronten früh geklärt. Der erneut bärenstarke Grüttner machte in der 85. Minute Platz für Markus Ziereis – und dann überschlugen sich die Ereignisse.

Der letztjährige Regionalliga-Torjäger des Jahn erlitt in einem Zweikampf eine äußerst schmerzhafte Luxation des linken Ellenbogens und musste fast zehn Minuten auf dem Platz behandelt werden. Wie Teamarzt Andreas Harlass-Neuking am Sonntag informierte, wurde das Gelenk unmittelbar nach dem Spiel in einer nahegelegenen Kölner Klinik unter Narkose wieder eingerenkt. Der Knochen scheint nicht verletzt. Näheres ergibt eine Kernspin-Untersuchung an diesem Montag in Regensburg. Markus Ziereis dürfte aber so oder so rund drei Monate ausfallen, die Saison ist für den 24-Jährigen beendet.

Derart vom Verletzungspech gebeutelt, ließ sich das bis dahin dominante Gästeteam in den Schlussminuten „aus dem Tritt bringen“, wie Coach Heiko Herrlich hinterher analysierte.

In der vierten Minute der Nachspielzeit gelang Christopher Theisen der Anschluss, fünf Minuten später glückte Markus Pazurek noch der Ausgleich – beide Treffer resultierten aus Kopfbällen nach Kölner Ecken. „Da müssen wir einfach cleverer sein“, ärgerte sich Torhüter Philipp Pentke, hinter dessen Einsatz wegen eines grippalen Infekts ein Fragezeichen stand, der jedoch mit einer Reihe glänzender Paraden nicht nur Kölns Trainer Uwe Koschinat verzweifeln ließ. Hinter Pazureks Tor steht als Minutenangabe in Klammern 90.+9! Selbst der Ex-Nationalspieler Herrlich konnte sich ad hoc nicht erinnern, jemals Zeuge einer derart langen Behandlungspause gewesen zu sein.

Herrlich: „Gefühlte Niederlage“

Wahnsinn: Diese Vokabel bürgert sich bei Aufeinandertreffen der Domstädter langsam ein. Fortunas Kölner Lokalrivale 1. FC hatte 2012 in der zweiten Liga binnen fünf Minuten einen 0:2-Rückstand in Regensburg in einen 3:2-Sieg verwandelt. Im Hinspiel der laufenden Saison hatte der eingewechselte Haris Hyseni in letzter Sekunde den 2:2-Ausgleich gegen Fortuna markiert. Heiko Herrlich sprach damals von einem „gefühlten Sieg“. Da war es nur logisch, dass er das erneute 2:2 am Samstag als „gefühlte Niederlage“ einstufte.

„Wir haben zurecht geführt und phasenweise dominiert“, skizzierte der 45-Jährige den Spielverlauf. Herrlich machte nicht alles am Knackpunkt der Begegnung fest. Aber nach Ziereis’ folgenschwerem Malheur habe sich „fast schon angedeutet, dass wir um ein Gegentor betteln“. Sein Trainerkollege Koschinat meinte: „Das war eine tragische Situation. Aber so komisch sich das anhört, für uns war es die entscheidende. Sie gab mir die Möglichkeit, noch einmal einzugreifen“ – noch einmal einzugreifen und seine eigentlich schon zutiefst frustrierte Mannschaft nach vorne zu treiben, wollte er damit sagen. „Die haben die zweite Luft bekommen“, sagte Grüttner, während beim Jahn, so Koschinat, vorzeitig „die Spannung abgefallen“ war.

Neben einem Punkt und einer gefühlten Niederlage hatten die Regensburger viele Komplimente im Gepäck, als sie heim in die Oberpfalz reisten. „Vollgepumpt mit individueller Qualität“ sei das Team des SSV Jahn, lobte Koschinat und hob speziell Grüttner, Pentke und den agilen Erik Thommy hervor.

Herrlich hatte bei der Besetzung der rechten Außenbahn auf die ungewöhnliche Variante gesetzt. Dort spielte nach den Ausfällen von Oliver Hein, Benedikt Saller und Sven Kopp mit Marcel Hofrath ein Akteur, der eigentlich auf links beheimatet ist. Der 23-Jährige hatte Anlaufprobleme gegen den Kölner Cauly Oliveira Souza, bekam diesen aber im Spielverlauf immer besser in den Griff und lieferte einen sehr soliden Part ab.

Neun Spiele in Folge sind die Regensburger nun ungeschlagen. Mit dem Unentschieden rutschten sie in der Tabelle vom Relegationsplatz drei auf den vierten Rang ab. Die vagen Aufstiegshoffnungen der Fans hat Grüttner zwar durchaus zur Kenntnis genommen, aber er warnt: „Wir wissen doch alle ganz genau, wie eng es in der Liga ist. Wenn wir in dieser englischen Woche ohne Sieg bleiben, finden wir uns ganz schnell wieder auf dem zehnten oder elften Platz wieder.“

Der 31-Jährige führt mit seinen elf Toren übrigens nun gemeinsam mit dem Magdeburger Christian Beck, dem Chemnitzer Anton Fink und dem Großaspacher Lucas Röser die Torschützenliste der dritten Liga an.

Emotionaler Tiefpunkt

Bereits am Mittwoch (19 Uhr) gastiert am 27. Spieltag der FSV Zwickau in der Regensburger Continental-Arena. Mit den Sachsen haben Herrlichs Schützlinge noch ein Hühnchen zu rupfen. Die 0:4-Pleite in Zwickau war der emotionale Tiefpunkt für die Regensburger in der Hinrunde.

Dies allein wäre schon Motivation genug, aber Marco Grüttner gibt auch zu, dass der Jahn Gefallen an der oberen Tabellenregion und der Tuchfühlung zu den Aufstiegsplätzen gefunden hat: „Natürlich wollen wir jetzt dran bleiben!“

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