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2. Liga

SSV Jahn: Ganz großes Kino, oder?

Die Schlüsselszene im packenden Duell mit Fortuna spielt sich an der Seitenlinie ab. Dort drückt der Coach den Reset-Knopf.
Von Heinz Gläser und Thomas Gottschling

Der Dank gilt den Fans: Die Jahnelf feiert den Sieg nach dem Abpfiff mit ihren Anhängern auf der Hans-Jakob-Tribüne. Foto: Brüssel
Der Dank gilt den Fans: Die Jahnelf feiert den Sieg nach dem Abpfiff mit ihren Anhängern auf der Hans-Jakob-Tribüne. Foto: Brüssel

Regensburg.Es braucht seine Zeit, nach so einer Partie die Emotionen wieder auf Normalmaß zu dimmen. Strahlendes Lächeln und ungläubiges Staunen hielten sich die Waage, als die Spieler des SSV Jahn die paar Treppenstufen runter in den Kabinentrakt der Continental-Arena nahmen. Dabei hatte am Freitagabend zwischendurch mal Alarm geherrscht. „Nach 20 Minuten wollte ich eigentlich die Feuerwehr rufen, weil’s bei uns hinten so gebrannt hat“, goss Abwehrspieler Marvin Knoll nach dem 4:3 (2:3)-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf die allgemeine Befindlichkeit der Regensburger in Worte. Jahn-Kapitän Marco Grüttner nannte die komplett missratene Anfangsviertelstunde „richtige Grütze“.

Die Schlüsselszene dieser denkwürdigen Begegnung spielte sich kurz nach dem 0:3 in der 15. Minute ab – und zwar an der Seitenlinie. Jahn-Trainer Achim Beierlorzer zitierte während einer Verletzungsunterbrechung sein gesamtes Team zum Spielfeldrand und rief es zur Ordnung. Außerdem stellte der 50-Jährige einfach alles auf null, als sei das vorhergegangene Schlamassel nur ein böser Jahn-Traum und nicht die beinharte Realität gegen ein Zweitliga-Spitzenteam gewesen. „Der Trainer hat gesagt: ‚Reset! Alles von vorne. Wir fangen jetzt bei 0:0 noch einmal an‘“, berichtete Knoll.

Vogelwild in der Defensive

Bis dahin hatten die in der Defensive vogelwild agierenden Regensburger den Düsseldorfern die Räume für ihr schnelles Umschaltspiel eröffnet. Der routinierte Fortunen-Kapitän und ehemalige Jahnprofi Oliver Fink fädelte ein ums andere Mal gefährliche Situationen ein, die Torjäger Rouwen Hennings (3.), Benito Raman (13.) und der quirlige Takashi Usami (15.) in drei Fortunen-Treffer in der Anfangsviertelstunde ummünzten.

„Wir sind die ersten 15 Minuten zu motiviert ins Spiel gegangen“, analysierte Beierlorzer nach dem Spiel. Im Übereifer ging die taktische Ordnung völlig flöten, und sie stellte sich erst nach seinem kollektiven Weckruf an der Seitenlinie peu à peu wieder ein.

Ein Interview mit Fortunen-Kapitän Oliver Fink lesen Sie hier:

„Wir haben viel zu sehr im Raum verteidigt, haben dumme Fehler gemacht und uns dumme Ballverluste geleistet. Wir wollten pressen, aber wir haben sie jedes Mal rauskommen lassen. Wenn die Kette dann so hoch steht, haben sie uns hinten immer die Bälle reingespielt“, beschrieb Marvin Knoll das defensive Fiasko.

„Nach 20 Minuten wollte ich eigentlich die Feuerwehr rufen, weil’s bei uns hinten so gebrannt hat.“

Beierlorzer drehte noch an einer kleinen personellen Stellschraube, nahm den an diesem Abend indisponierten Marcel Hofrath bereits in der 23. Minute vom Platz und brachte auf der linken Abwehrseite Alexander Nandzik. Anschließend bewiesen die Regensburger jene „Moral und Mentalität“ (Beierlorzer), mit der sie sich in seit 24 Spieltagen in der Liga behaupten. Ohne wirkliche spielerische Glanzlichter zu setzen, wühlte sich der SSV Jahn zurück in die längst verloren geglaubte Partie. Als Initialzündung wertete Beierlorzer das 1:3 (37.) durch Grüttner: „Da habe ich gemerkt, dass auch die Fans wieder kommen und die Mannschaft wieder Mut fasst.“

„Sensationelle Unterstützung“

Da auch das defensive Mittelfeld, in dem der gelbgesperrte Marc Lais anfangs schmerzlich vermisst wurde, deutlich mehr Zugriff aufs Spiel bekam, war der Anfangselan der Düsseldorfer wie weggeblasen. Sie kassierten durch die Treffer von Jonas Nietfeld (40.) und Knoll (60./Foulelfmeter) den Ausgleich, und das Team des Trainer-Routiniers Friedhelm Funkel vermochte es nicht, dem Spiel nach dem relativ frühen 4:3 (65.) durch Sargis Adamyan nochmals eine Wende zu geben.

„Dass wir so etwas schaffen können, wussten wir. Aber klar braucht man auch ein bisschen Glück“, sagte Philipp Pentke. Der Jahn-Torhüter vergaß dabei nicht den Anteil der Regensburger Anhänger unter den 10 963 Zuschauern in der Arena. „Ich glaube, in 90 Prozent der anderen Stadien pfeift man die Heimmannschaft komplett aus. Es war ein Sieg von allen heute.“ Grüttner sah’s ähnlich: „Wir hatten eine sensationelle Unterstützung von den Zuschauern. Das ist nicht selbstverständlich nach dem 0:3.“

Den Respekt der Konkurrenz hat sich der Aufsteiger aus der Oberpfalz längst verdient, jetzt arbeiten Marco Grüttner & Co. an einem Image als Mentalitätsmonster, um Jürgen Klopp zu zitieren. Der Kraftakt gegen den Aufstiegsaspiranten aus dem Rheinland war ja nicht der erste dieser Art, man muss gar nicht so weit zurückblättern, um auf den 3:2-Sieg im Heimspiel gegen den FC 04 Ingolstadt zu stoßen – Ende Januar am 20. Spieltag nach einem 0:2-Rückstand.

Exemplarische Bedeutung

Marvin Knoll, der derzeit der etatmäßige Elfmeterschütze in den Reihen der Regensburger ist, schrieb diesem Duell mit Düsseldorf exemplarische Bedeutung zu: „Selbst bei einem 0:4 hätten wir weiter nach vorne gespielt. Das ist einfach unsere Art, Fußball zu spielen. Die Zuschauer kommen ja ins Stadion, um ein schönes Spiel zu sehen. Wir wollen alles raushauen, und die gehen jetzt nach Hause mit einem Grinsen. Hoffentlich ist nächstes Mal die Bude voll. Normal ist das ja ganz großes Kino, oder? Wenn man Eintritt zahlen muss, dann für so etwas. Heute geht wirklich jeder glücklich nach Hause.“

Mit 36 Zählern trennen den Tabellenfünften SSV Jahn nunmehr nur noch vier Zähler vom erklärten Saisonziel, an dem sich auch nach 24 Spieltagen kein Jota verändert hat: Nichtabstieg. „Wir haben jetzt 36 Punkte. Vier müssen wir noch holen“, hielt sich Siegtorschütze Adamyan brav an die offizielle Sprachregelung. Der bisherige Verlauf der Spielzeit erinnert jedoch frappierend an die vergangene Aufstiegssaison, in der sich die Regensburger selten ganz vorne, sondern meist in der Lauerposition aufhielten. Doch angesprochen auf solche Ambitionen reagieren die Jahn-Verantwortlichen weiterhin äußerst schmallippig. Die Tabelle lässt sich freilich nicht wegdiskutieren: Kiel und Duisburg liegen lediglich einen Punkt entfernt.

Die Lizenz fürs Oberhaus haben die Oberpfälzer beantragt – aus ihrer Sicht war das mehr ein rein formaler Akt ohne Aussicht auf Inanspruchnahme.

Relegation bleibt für den Jahn ein Fremdwort. Es ist ja auch eins.

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