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Engagement

„Und dann jeder fünf Liegestütze“

Harry Gfreiter und Romas Dressler vom SSV Jahn Regensburg besuchen Häftlinge im Straubinger Gefängnis – und machen mit ihnen Sport. Das kommt gut an.
Von Jürgen Scharf, MZ

  • Fördern und fordern: Jahn-Coach Harry Gfreiter (Mitte) zieht mit den Gefangenen ein strammes Aufwärmprogramm durch. Foto: Scharf
  • Romas Dressler (links vorne) bei der Gesprächsrunde im Musiksaal. Foto: Scharf

Straubing.So hatten sich die Häftlinge das wohl nicht vorgestellt. Harry Gfreiter macht beim Aufwärmprogramm mächtig Dampf. Auf drei Teams sind die Gefangenen aufgeteilt. In der Sporthalle der Justizvollzugsanstalt Straubing rennen sie zunächst frei durcheinander. Wenn Gfreiter das entsprechende Kommando gibt, muss aber jeder zu einem farbig markierten Teampunkt sprinten. Für das Team, das am langsamsten ist, gibt es eine Zugabe. „So, und dann jeder von euch fünf Liegestütze. So läuft das bei den Fußball-Profis nämlich auch“, sagt Gfreiter. Die Häftlinge tun, wie ihnen geheißen. Runter in den Stütz – und dann pumpen.

„Jahn sozial – Brücken für Regensburg“: So heißt die Veranstaltungsreihe, mit denen sich der Regensburger Fußball-Drittligist sozial engagieren will. Am Montag besuchten Harry Gfreiter, Co-Trainer der Profimannschaft, und Stürmer Romas Dressler Häftlinge der JVA Straubing.

„Sonderveranstaltungsraum“ steht auf dem Schild der weißen Tür, durch die Gfreiter und Dressler am frühen Nachmittag gehen. Der große Raum wird sonst als Musiksaal genutzt. „Wir haben ja einige Insassen, die Rock-Musik machen“, erklärt JVA-Leiter Hans Jürgen Amannsberger. Heute bittet er dort zur Gesprächsrunde. Und die zwölf Gefangenen, die für den Besuch der Profi-Fußballer ausgesucht wurden, lassen sich nicht lange bitten. Ohne große Anlaufzeit plaudern sie mit Dressler und Gfreiter locker über das Leben und den Fußball. „Kannst du in der 3. Liga von deinem Gehalt eigentlich leben?“, will einer von Dressler wissen. „Ja, klar“, antwortet der. Dies sei auch das Schöne für ihn: „Für mich wurde mein Hobby zum Beruf. Dass ich damit auch meine Familie ernähren kann, ist für mich ein Traum.“

Apropos Familie: Die Lacher auf seiner Seite hat Dressler, als er seinen Zuhörern erklärt, dass man als Fußball-Profi erst einmal eine Frau finden muss, „die das alles mitmacht“. Sein Leben drehe sich schließlich zu „99 Prozent“ um den Sport: „Das macht nicht jede mit. Ich habe zum Glück aber eine gefunden.“

Das Gespräch ist keine Einbahnstraße. „Wie lange musst Du denn noch hier verbringen?“, fragt Gfreiter einen Häftling. Der ist ganz offen. Zehneinhalb Jahre habe er bekommen, erzählt er. Damit er eine vorzeitige Haftentlassung beantragen könnte, müsste erst die Therapie, die er gerade absolviert, erfolgreich verlaufen: „Im optimalen Fall käme ich dann im Sommer 2017 raus, ich muss aber auch mit Weihnachten 2020 rechnen.“

„Der Sport war für mich eine Hilfe“

Ein anderer Häftling erzählt, wie wichtig ihm Sport im Gefängnis ist. Das sei schon in Freiheit so gewesen. Damals habe es in seinem Umfeld viel Drogenkonsum gegeben. „Der Sport war für mich eine Hilfe, dass du nicht ganz abstürzt. Wenn du läufst und dich dann erinnerst, dass du mal fitter warst.“ Jetzt, in der Haft, sei es eine wunderbare Ablenkung, mal Fußball oder Volleyball zu spielen. Die Mannschaften der JVA haben da beizeiten übrigens Duelle mit Teams von draußen. „Wenn die zu uns kommen, dann dauert es vielleicht ein bisschen, bis du mit den Spielern ins Gespräch kommst. Aber meist legen die Gäste die Scheu bald ab und merken, dass wir eben auch nur Menschen sind.“

Eineinhalb Stunden lang wird geratscht. Die Zeit vergeht wie im Flug. Für den einen oder anderen Kalauer ist aber noch Zeit. „Nicht schon wieder schwarz-gelb!“, entfährt es Gfreiter, als er die Thermoskannen in diesen Farben auf den Tischen des Musiksaals sieht. Schwarz und gelb sind schließlich die Vereinsfarben von Borussia Dortmund. Bei deren zweiter Mannschaft hat es für den Jahn am Wochenende eine böse 1:5-Klatsche gegeben. „Die Bayern richten das im Supercup am Mittwoch“, versucht ein Gefangener, Gfreiter aufzubauen. Auch JVA-Chef Amannsberger ist für ein Scherzchen zu haben. Ein Häftling will wissen, ob der Jahn mal ein Team zu einem Hallenturnier schicken könne. Als Gfreiter hier wegen der Verletzungsgefahr für die Spieler noch keine endgültige Zusage geben will, hat Amannsberger eine Lösung parat: „Wenn sich wirklich einer verletzt, dann nehmen Sie doch einfach einen von uns als Ersatz mit.“

Von Beginn an ein flottes Spiel

Dann geht’s runter in die Sporthalle. Ein knappe halbe Stunde ziehen Gfreiter und Dressler ein knackiges Aufwärmprogramm mit den Häftlingen durch. Dann rollt endlich der Ball. Die beiden Jahn-Profis kicken selbst mit. Die Zuschauer auf der Tribüne – ein paar Reporter und ein knappes Dutzend JVA-Mitarbeiter – sehen von Beginn an ein flottes Spiel. Schnell wird deutlich, dass ein paar Häftlinge mit dem Ball mächtig gut umgehen können. Einer, schaut nicht nur irgendwie aus wie der Argentinier Angel di Maria, er ist auch richtig flink unterwegs. Ein anderer ähnelt von der Statur her eher einem Profi-Boxer denn einem Fußballer. Auf dem Fußballfeld bewegt er sich plötzlich geschmeidig wie ein Katze.

Fünf Minuten wogt das Geschehen hin und her. Das Team mit den gelben Leibchen ist insgesamt aktiver. Das Team ohne Leibchen wartet ab, setzt vereinzelt allerdings gefährliche Konter. Ein Tor fällt zunächst aber lange nicht. Bis, ja bis ausgerechnet Gfreiter in der Nähe des eigenen Kastens den Ball vertändelt und sein Gegenspieler diesen Fehler mit einem trockenen Schuss eiskalt ausnutzt.

Ein knappe Dreiviertelstunde wird das Spiel am Ende dauern, und noch viele weitere Tore werden fallen. Zum Schluss geben sich Fußball-Profis und Häftlinge ein letztes Mal die Hände. Wie meinte einer der Gefangenen zuvor: „Besuch ist für uns das Wichtigste. Es ist die beste Ablenkung vom Alltag.“ Dressler und Gfreiter scheinen gerne gekommen zu sein – und haben ihrerseits Erfahrungen gesammelt. Er sei das erste Mal in einem Gefängnis, erzählt Dressler den Häftlingen. Zu Beginn sei es für ihn inmitten der hohen Mauern ein „beklemmendes Gefühl“ gewesen: „Du merkst einfach recht schnell, dass du hier nicht weg kannst, auch wenn du weg willst.“

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