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Samstagsinterview

Die Oma der deutschen Langläuferinnen

Steffi Böhler spricht über den Kampf gegen den Krebs, ihre behinderte Schwester und die Angst vor dem Aufhören.
Von Lars Becker

Stefanie Böhler bei ihrem ersten Olympia-Rennen 2018. Es sind ihre vierten Winterspiele. Foto: Daniel Karmann/dpa
Stefanie Böhler bei ihrem ersten Olympia-Rennen 2018. Es sind ihre vierten Winterspiele. Foto: Daniel Karmann/dpa

Steffi Böhler, Sie sind ja eine erfahrene Olympionikin. Wie finden Sie die Spiele in Südkorea?

Ich bin ja zum ersten Mal in Südkorea… Generell ist Olympia immer etwas Großes. Das gibt es nur alle vier Jahre. Ich bin ja nun schon lange dabei und muss mich gegen die jüngeren Mädels behaupten. Deshalb ist es schön, das überhaupt noch einmal erleben zu dürfen.

Die erste olympische Medaille holte Steffi Böhler (r.) in Turin 2006 mit Claudia Künzel, Viola Bauer und Evi Sachenbacher-Stehle (v.l.). Foto: Valdrin Xhemaj
Die erste olympische Medaille holte Steffi Böhler (r.) in Turin 2006 mit Claudia Künzel, Viola Bauer und Evi Sachenbacher-Stehle (v.l.). Foto: Valdrin Xhemaj

Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an die drei Winterspiele, an denen Sie mittlerweile teilgenommen haben?

2006 in Turin war ich noch jung und dann habe ich mit der Staffel gleich unerwartet eine Medaille gewonnen. Das waren unvergessliche Emotionen. Meine Teamkollegin Viola Bauer hat mich damals an die Hand genommen und gesagt: „Jetzt koste diesen Moment aus. Er ist einzigartig.“ 2010 in Vancouver hatte ich gesundheitlich zu kämpfen und wusste nicht, dass der Krebs in mir schlummert. 2014 in Sotschi war emotional das Größte. Aus dem Nichts haben wir plötzlich eine Medaille gewonnen.



Wie damals vor vier Jahren in Russland gab es auch vor diesen Winterspielen Sicherheitsbedenken wegen der Spannungen mit Nordkorea…

Ich frage mich: Warum muss sich ein Athlet mit solchen Gedanken beschäftigen? Es ist einfach schade, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen. Wir sollten uns auf den Sport konzentrieren können. Der ist so wichtig für die Jugend und damit alle Nationen zusammenfinden.

Hat Ihnen Ihre Schwester Barbara von Pyeongchang berichtet? Sie hat 2013 ja hier Gold bei den Special Olympics gewonnen und dürfte damit ein Vorbild für Sie sein…

Das läuft ja bei den Special Olympics ein bisschen anders ab als bei uns. Da geht’s vor allem darum, dass möglichst alle ein Erlebnis bekommen, von dem sie zehren können. Also hat jeder die Chance, in den Genuss einer Siegerehrung zu kommen. Barbara hat mir mal nach einem anderen Wettkampf erzählt, dass sie Erste geworden ist. Sie hat aber nicht erwähnt, dass sie die einzige Teilnehmerin war. (lacht)

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Sie gehen angenehm entspannt mit der Behinderung Ihrer Schwester um…

Außenstehende sehen immer die Behinderung, für mich ist sie eine ganz normale Schwester. Sie managt ihren Alltag ganz gut allein und ist einfach ein Glücksfall für die ganze Familie und alle, die mit ihr aufgewachsen sind. Das sind Menschen, die würden nie einen Krieg anfangen. Natürlich hat sie mir Tipps für Pyeongchang gegeben. Ihr hat es damals sehr gefallen.

Sie wollen sicher genau wie Ihre Schwester damals mit einer Medaille nach Hause fahren...

Natürlich möchte ich nicht mit leeren Händen nach Hause kommen. Das wird zwar eine harte Nuss, aber in den Mannschafts-Wettbewerben haben wir eine Chance. Es liegt ganz in unserer Hand. Mein Ziel ist es, die besten Wettkämpfe des ganzen Winters zu machen.

Zumal das ja Ihre letzten Olympischen Spiele sein könnten…

Ich gehe mal davon aus, dass es so sein wird. Zum Glück halten sich bisher die körperlichen Gebrechen noch in Grenzen und die Motivationstiefs sind überwindbar. Der Nervenkitzel an Wettkampftagen würde mir allerdings ganz sicher fehlen. Ich habe schon ein bisschen Angst vor dem Aufhören. Nach Olympia werde ich mich entscheiden, wie es weitergeht. Ich bin ein Mensch, der alles zu 100 Prozent macht. Das habe ich in meinem Leben gelernt.

Bei den Olympischen Winterspielen von Sotschi gewann Steffi Böhler (2. von links) zusammen mit Nicole Fessel, Claudia Nystad und Denise Herrmann (von links) die Bronzemedaille im Staffelrennen. Foto:  EPA/HENDRIK SCHMIDT
Bei den Olympischen Winterspielen von Sotschi gewann Steffi Böhler (2. von links) zusammen mit Nicole Fessel, Claudia Nystad und Denise Herrmann (von links) die Bronzemedaille im Staffelrennen. Foto: EPA/HENDRIK SCHMIDT

2012 wurden Sie nach der Entdeckung eines bösartigen Tumors in der Schilddrüse zweimal operiert. Ist der Krebs endgültig überwunden?

Der Arzt hat gesagt: Nach fünf Jahren mit durchweg negativen Ergebnissen ist man über den Berg. Aber natürlich habe ich Ängste und manchmal ist es auch gut, die Erinnerungen an damals zurückzuholen. Genau dann, wenn man wieder in den Alltag verfällt. Manche sind chronisch unzufrieden, weil sie das und das nicht realisiert haben. Aber wichtig ist vor allem eins: Man muss sein Leben genießen und seinen Körper pflegen.

Der Langlauf ist schließlich die Ursprungssportart für Disziplinen wie Biathlon und Nordische Kombination, wo Deutschland große Erfolge feiert.

Skilangläuferin Stefanie Böhler

Wollen Sie eigentlich mal eine Familie und Kinder haben?

Natürlich wünsche ich mir Familie und Kids und freue mich darauf, irgendwann mehr zu Hause zu sein. Aber alles zu seiner Zeit. Momentan fühle ich mich als Oma im Team noch ganz wohl. Ich bin sehr harmoniebedürftig und der Spaßfaktor im Team ist sehr hoch, obwohl das ja eine ganz neue Generation an Skilangläuferinnen ist.

Der Skilanglauf in Deutschland ist in der Krise. Woran liegt das?

Es sind sicher Fehler im Training gemacht worden. Aber man sollte die Sportart nicht herunterfallen lassen, obwohl es gerade eine Durststrecke in Sachen Medaillen gibt. Der Langlauf ist schließlich die Ursprungssportart für Disziplinen wie Biathlon und Nordische Kombination, wo Deutschland große Erfolge feiert. Ein weiterer Grund ist, dass auch wir im Skilanglauf mit den Auswirkungen des Klimawandels kämpfen. Wir müssen in Deutschland unbedingt dafür sorgen, dass für unsere Kinder der Spaß im Schnee erhalten bleibt und sie den positiven Ansatz des Sports vermittelt bekommen.

Gerade was sportliche Großereignisse betrifft, ist die Stimmung der Bevölkerung in Deutschland aber eher negativ. Das haben auch die Ergebnisse der Bürgerentscheide über mögliche Olympische Spiele in München und Hamburg gezeigt…

„Es wäre genial gewesen, wenn zum Beispiel die Olympischen Spiele 2018 jetzt gerade in München stattfinden würden. Was solche Großereignisse in Deutschland bewegen können, haben wir bei der Fußball-WM 2006 erlebt. Sport ist wichtig und hat eigentlich nichts mit Geld, Doping oder Korruption zu tun. Sport ist spannend und man weiß nie, wie es ausgeht. Die Deutschen lieben den Sport: Deshalb sitzen doch viele Leute auch bei Olympia wieder vor dem Bildschirm.“

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