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Samstagsinterview
Freitag, 27. April 2018 21° 2

Abschied

„Bätsch“ verlässt die Judo-Matte

Christopher Völk (29) beendet nach 14 Jahren in Abensberg seine Karriere. Er spricht über Höhen und Tiefen – und Privates.

Foto: Christian Charisius/dpa

Herr Völk, unter den Abensberger Judoka haben Sie sich Spitznamen wie „Bachelor“, „Bätsch“ oder „Bätschi“ erworben. Woher kommen die alle?

Alle gehen zurück auf „Bachelor“. Vor über 13 Jahren ist der Spitzname bei einem Starkbierfest in Abensberg entstanden. Die genauen Umstände sollen ein Mythos bleiben (lacht). Ich bin dem Irrtum erlegen, dass sich das nach zwei Wochen verflüchtigen würde.

Es geht die Anekdote, dass Olympiasieger Ole Bischof Sie anfangs gar nicht unter Ihrem richtigen Namen kannte?

Das stimmt. Bei einem meiner ersten Einsätze in der Bundesliga gingen wir im TSV die Aufstellung durch. Da hieß es: „... dann kämpft der Christopher Völk.“ Ole hat verwundert gefragt: „Wer ist Christopher, warum kämpft nicht der Bätsch?“ Da gab’s ein riesen Gelächter in der Kabine.

Abensberg war ein eingeschworener Haufen mit späteren Bundesliga-Kämpfern und Wegbegleitern wie Fabian Seidlmeier, Stefan Kneitinger oder Gerhard Zeitler.

Sie sollten sich einen Namen machen, unter anderem als Olympia-Starter in London 2012 oder mit Top-Platzierungen bei Grand-Slam-Turnieren. War Ihr Weg vorgezeichnet?
Nein, gar nicht. Meine Eltern sind von Kempten nach Regensburg gezogen, da war ich sechs Jahre, und haben nach einem Sport für mich gesucht, ich war schmächtig und stets der Kleinste – manche behaupten, ich bin das heute noch. Ich stieß bei der SG Post-Süd Regensburg zur Judo-Abteilung. Den Leistungsgedanken habe ich erst entwickelt, als ich mit 15 von Landestrainer Marco Spittka und Franz Dausch nach Abensberg geholt wurde. Wettkämpfe habe ich aber schon von Kindesbeinen an geliebt.

Wie war es, als da ein „Rengschburger“ nach „Omschberg“ kam?

Abensberg war ein eingeschworener Haufen mit späteren Bundesliga-Kämpfern und Wegbegleitern wie Fabian Seidlmeier, Stefan Kneitinger oder Gerhard Zeitler. Da kam schon die Ansage: „Zeig’ uns erst, was du drauf hast.“ Manchmal saß ich daheim bei Mama und hatte Tränen in den Augen, weil ich nicht Teil der Gemeinschaft war. Als ich mich nach einem halben Jahr durchgesetzt hatte, war’s ein Traum beim TSV. Mit die besten Freunde stammen aus dieser Truppe.

Weggefährten, die Freunde wurden: Christopher Völk (r.) und Teammanager Fabian Seidlmeier Foto: mar

Wie haben Sie sich behauptet?

Es war eine Herausforderung, und der Ehrgeiz trieb mich an, da dabei sein zu wollen. Ich habe mich stets an den Stärkeren orientiert.

Von Ihren ersten U17-Erfolgen in 2004 bis zur abgelaufenen Bundesliga-Saison, in der Sie keinen Kampf verloren, zählten Sie zu den Top-Leuten in Deutschland. Fast 15 Jahre auf höchstem Niveau – wie schafft man das?

So glatt, wie es sich darstellt, verlief es nicht. Ich hatte schwierige Jahre. Nach den guten Anfängen in der U17 zahlte ich zwei Jahre Lehrgeld. Ich habe lange gebraucht, mich zu etablieren. Dann kam wieder eine gute Zeit mit U20-EM-Bronze in 2007. Das ging in diesem Rhythmus weiter, 2009 gewann ich die erste Worldcup-Medaille. Das beste Jahr war 2012, als ich zu den Olympischen Spielen fuhr. Nie wieder war ich so stark wie damals.

Und doch endete London mit einem Aus in Runde eins.

Ja, leider, Olympia war sportlich eine riesen Enttäuschung. Mein Ziel war, eine Medaille zu gewinnen. Zuvor hatte ich beim Grand Slam in Paris Platz zwei geholt und zwei Vorbereitungsturniere gewonnen. Und dann das.

Was waren die Ursachen?

Christopher Völk nahm 2012 an den Olympischen Spielen in London teil. Foto: EPA/CHRISTOPHE KARABA

Im Einzelnen kann ich das nicht beantworten. Generell finde ich: Mir hat die absolute Konstanz gefehlt. Vielleicht war aber auch nicht mehr drin. Ich sehe das ohne Wehmut.

Sie haben auch viel gewonnen.

Ich bin sehr, sehr dankbar für die vielen Momente auf dem Treppchen. Mehr als Einzelerfolge zählen für mich die tollen Resultate mit den Mannschaften, sei es mit Abensberg oder mit dem Nationalteam. Mit Deutschland wurde ich WM- und EM-Dritter. Mit Abensberg haben wir die Bundesliga dominiert, unvergesslich bleiben die Europacup-Siege 2012 und 2013. Da hatte ich mit Andreas Tölzer und Sven Maresch die Rolle der deutschen Athleten in der Truppe. In einer Mannschaft kannst du Fehler des anderen wettmachen, umgekehrt springt ein anderer für dich ein. Ich war nie der Einzelkämpfer, der wie im Tennis wochenlang alleine auf Tour herumreist.

Sie wollten 2016 noch nach Rio, daraus wurde aber nichts.

Tatsächlich war es mein Ziel, nochmal zu Olympia zu kommen. Es sollte der letzte Höhepunkt sein. Aber ab Anfang 2015 verlor ich den Kontakt zur Weltspitze. Es gab viele Faktoren, unter anderem hatte ich mein Medizinstudium. Als ich merkte, ich bin nicht mehr oben dabei, war der logische Schritt, ans Karriereende zu denken. Ende 2016 habe ich international aufgehört, die Bundesliga heuer war der Abschluss.

„Einen Rücktritt vom Rücktritt gibt es bei mir nicht.“

Jetzt steht die berufliche Laufbahn im Vordergrund.

Richtig, mein Studium habe ich beendet. Jetzt warte ich auf einen Platz für meine Facharztausbildung. Meine Freundin Aline Fischer, mit der ich seit vier Jahren in München lebe, ist mir da schon voraus. Sie hat mich im Medizinstudium überholt (lacht). Sie war übrigens früher Handballerin beim ESV Regensburg, wo ich sie auch kennengelernt habe.

Judo hat auch viel Zeit gekostet.

Mit dem Nationalteam waren wir im Jahr 25 Wochen unterwegs, dann täglich Training. Aber ich kann nur sagen: Judo ist für die eigene soziale und charakterliche Entwicklung eine Schule fürs Leben. Ich gehe mit einem guten Gefühl. Privat habe ich freilich ein bisschen was nachzuholen, ich kann jetzt auch an Kinder denken.

Werden Sie wieder nach Abensberg kommen?

Klar, zur Bundesliga oder zum Gillamoos. Der TSV liegt mir am Herzen. Ich möchte auch etwas zurückgeben, vielleicht als Trainer, vielleicht als Funktionär. Eines schließe ich aber aus: den Rücktritt vom Rücktritt.

Eines haben die Teamkollegen noch erzählt: Sie waren bekannt für Ihre Unpünktlichkeit.

Moment! (lacht) Ich musste nie einem Bus oder Zug hinterher laufen, anderen ist das schon passiert. Es stimmt aber schon, dass mein Zeitmanagement nicht das beste ist. Mal klappt’s besser, mal schlechter. Den Ruf hatte ich beim TSV schnell weg – wie beim „Bachelor“.

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Malbilder und eine Hommage

  • Die Karriere

    von Chris Völk ist nicht nur in Erfolgen abgebildet. Seine Mama hat fleißig Erinnerungsstücke gesammelt. Urkunden, Medaillen und Zeitungsausschnitte finden sich da. „Mit die wichtigsten Stücke sind die Bilder meiner Schwester Leonie. Sie hat mir oft Glück-Wunsch-Plakate oder Judo-Szenen gemalt“, erzählt der Judoka. Heute ist Leonie 18 Jahre, einen Bruder (27) hat Völk auch.

  • Fabian Seidlmeier,

    einst Teamkollege und jetzt Teammanager, sagt über Völk: „Der TSV Abensberg verliert einen Judoka, den es so schnell nicht wieder geben wird. Chris bleibt ein Vorbild in Sachen Fleiß, Respekt und Teamgeist. Bei seinem letzten Sieg beim Bundesliga-Finale entbrannte ein Jubel, der für Gänsehaut sorgte – wir hoffen, ihn so oft wie möglich als Freund begrüßen zu dürfen.“

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