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Samstagsinterview

Beim Futsal hinkt Deutschland hinterher

DFB-Mann Bernd Barutta erklärt im MZ-Interview, warum der deutsche Fußball-Verband jetzt ein Futsal-Nationalteam gründet.

Futsal ist sehr dynamisch, wie diese Szene zeigt. Bis aber deutsche Spieler bei einer Endrunde dabei sind, wird es noch ein Weilchen dauern.
Futsal ist sehr dynamisch, wie diese Szene zeigt. Bis aber deutsche Spieler bei einer Endrunde dabei sind, wird es noch ein Weilchen dauern.Fotos: dpa/Westdeutscher Fußball- und Leichtathletikverband

Regensburg.Herr Barutta, am Dienstag beginnt in Serbien die Futsal-Europameisterschaft. Deutschland ist wieder einmal nicht dabei: Warum nicht?

Wir sind nicht dabei, weil wir bisher keine Futsal-Nationalmannschaft hatten und erst im Dezember vergangenes Jahr vom DFB-Präsidium beschlossen wurde, diese einzuführen.

Und warum hatte Deutschland keine Nationalmannschaft?

Weil Futsal in seiner Entwicklung in Deutschland im Vergleich zu Europa noch nicht so weit war, es sich hier um einen reinen Amateursport handelt und wir gewartet haben, bis sich halbwegs ein Spielbetrieb entwickelt hat, der eine Grundlage für eine Nationalmannschaft bietet.

Haben Sie eine Erklärung, warum Deutsche unter Hallenfußball ein Spiel mit Bande verstehen, während der Rest der Welt schon längst die Futsal-Variante spielt?

Da gibt es verschiedene Erklärungsansätze. In Südeuropa wird auch im Freien auf Kleinfeld gespielt. Da kommt die hohe Affinität her. In Osteuropa ist Futsal auch ziemlich stark. Dort haben auch die klimatischen Bedingungen dazu geführt, dass man sich früh der Halle zugewandt hat. In Deutschland hat man in den Siebziger Jahren versucht, den Großfeldfußball von draußen auf Kleinfeld zu bringen. So ist der einmalige deutsche Hallenfußball entstanden. Man hat das ja auch Budenzauber genannt. Das war mehr eine auf „Fun“, denn auf Sport ausgerichtete Variante.

Das ist beim Futsal anders?

Beim Futsal steht der Sport im Vordergrund. Das bedeutet aber nicht, dass man sich dadurch langweilt. Das Spiel ist schnell und verlangt viele technische Fähigkeiten. Mannschaften, die das können, bieten eine hochinteressante Sportvariante.

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Die Langeweile ist ja eines der Haupt-Ressentiments gegenüber Futsal. Da heißt es, dass der Ball ständig im Aus wäre.

Selbst wer in Deutschland Futsal auf einem nicht so hohen Niveau verfolgt: So lange ist der Ball nicht im Aus. Er kommt schnell zur Linie und muss innerhalb von vier Sekunden eingespielt werden. Da entsteht hoher Druck auf die Spieler, die auf dem Feld stehen. Es geht hin und her.

Bernd Barutta, DFB-Abteilungsleiter u.a. für Futsal Foto: DFB
Bernd Barutta, DFB-Abteilungsleiter u.a. für Futsal Foto: DFB

Haben Sie eine Ahnung, woher diese Abneigung kommt? Gerade in Bayern waren und sind die Widerstände größer.

Ich sag mal so: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Das ist die Angst vor dem Unbekannten. Beim Trainer kommt die Angst hinzu, das nicht zu beherrschen. Beim Funktionär ist es eher das Unbehagen, dass er etwas Neues machen muss. Einen logischen Grund für die Abneigung gibt es nicht.

Ein Nationalspieler wie Schalke-Profi Max Meyer flog wegen seiner Vorliebe für Futsal einst gar aus der Westfalen-Auswahl. Meyer ist der vielleicht prominenteste deutsche Futsaler, der oben angekommen ist. Auf der Weltbühne ist es ja so, dass fast jeder Weltfußballer früher Futsal gespielt hat.

Das ist so. Bei den älteren Trainern sind die Ressentiments heute noch vorhanden. Als Max Meyer seinen Weg ging, war das noch größer. So ganz langsam entwickelt sich auch ein Verständnis bei Elite-Trainern, dass sie Futsal auch für die Fußballausbildung brauchen können. Und wenn das klar wissenschaftlich hinterlegt wird, was wir in Angriff nehmen werden, dann werden die Ressentiments endgültig verschwinden.

Hat der DFB nicht auch zu lange gewartet, bis Futsal forciert wurde?

Wer ist der DFB? Der DFB besteht in seiner Hauptsache aus Amateurvertretern in den Landesverbänden, die den Futsal nicht kannten und dann auch nicht auf DFB-Ebene verbreitet haben. Und dann ist die DFL Bestandteil des DFB und da ist dieser Hallenfußball überhaupt kein Thema. Da wurde ja auch der klassische deutsche Hallenfußball wieder abgeschafft. So gesehen gab es von der Basis von unten nach oben keine Protagonisten, die versucht haben, das durchzusetzen.

Kamen dann jetzt von oben nach unten Protagonisten, die gesagt haben: Jetzt spielt ihr in Deutschland endlich auch mit?

Hm (überlegt). Beides. Die Fifa hat noch einmal ausdrücklich die Nationalverbände ermuntert, Futsal zu spielen. Außerdem war Deutschland im internationalen Vergleich immer mehr isoliert. Es gibt ja nur noch ganz, ganz wenige Verbände in der Uefa, die kein Futsal-Nationalteam haben...

...zum Beispiel Liechtenstein...

...ja, oder die Färöer, Luxemburg, die kleineren Länder – und Österreich ist auch nicht dabei. So gesehen ist der Druck auf Deutschland größer geworden. Und die futsalspielenden Akteure des Landes haben auch immer wieder an unsere Tür geklopft, wollten eine Nationalmannschaft und gefördert werden. Es war ein Potpurri an Gründen, warum es in den vergangenen Jahren rasant gegangen ist.

Juckt die Profiteams Futsal denn gar nicht? In Spanien hat die Futsal-Profimannschaft des FC Barcelona den Etat eines deutschen Zweitligisten.

In Deutschland gibt es jetzt acht Lizenzvereine, die eine Futsalmannschaft haben, aber eben im Amateurbereich. Welche Zukunftsperspektive das Ganze hat, kann man schlecht vorhersagen. Man wird abwarten müssen, was passiert, wenn die deutsche Futsal-Nationalmannschaft im Fernsehen gezeigt wird, welche Leistungen sie bringt und wie die Resonanz beim Publikum ist. Wenn sich eine größere Öffentlichkeit ergibt, wird die Verbreitung von Futsal schneller vorangehen.

Eine einfache Variante wäre, wenn der FC Bayern eine Futsal-Abteilung von nennenswertem Rang gründet. Man hat ja im Basketball gesehen, wie schnell mit diesem Namen etwas wachsen kann.

Basketball ist bei Bayern München gewachsen. Basketball gab es aber schon immer in Deutschland. Im Futsal entwickelt sich der Sport erst. Aber wenn sich zwei, drei Bundesligisten damit beschäftigen würden, würde sich das schnell entwickeln. Das ist sicherlich richtig.

Glauben Sie, dass es ein Problem wird, wenn sich die deutsche Futsal-Nationalmannschaft, die 2017 bei der nächsten EM-Qualifikation erstmals mitspielen soll, hinten anstellen muss und vielleicht sogar eins auf den Deckel bekommt?

Hinten anstellen müssen wir uns auf jeden Fall, weil wir im Ranking Letzter sind, wir noch keine Punkte sammeln konnten. Ich glaube, dass wir eine realistische Chance haben, die erste Runde zu überstehen und in die Zwischenrunde einzuziehen. Danach wird es dann recht schwierig.

Es braucht also Geduld.

Zwei Dinge können das Ganze ganz schnell beflügeln. Zum einen, wenn große Vereine oder Sponsoren etwas unternehmen, also wenn es einen Herrn Hopp des Futsals gäbe, wenn Leute sagen, wir bauen etwas auf, auch mit entsprechenden Finanzmitteln. Es kann aber auch viel schneller gehen, wenn die Futsalspieler, die wir international präsentieren, interessant für ausländische Futsalvereine sind und einer nach Russland, Spanien oder Italien geht, und diese Spieler mit ihren Erfahrungen unsere Nationalmannschaft bereichern. Quantitativ haben wir in Deutschland genügend Fußballer, die, wenn man sie im Futsal ausbildet, hohes Niveau erreichen können.

Eine konkrete Prognose bitte: Wann spielt Deutschland eine vernünftige Rolle?

Wenn wir gut und schnell vorankommen, können wir 2024 bei der Futsal-EM dabei sein. So weit lehne ich mich mal aus dem Fenster.

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