mz_logo

Samstagsinterview
Freitag, 27. April 2018 21° 2

Fußball-Bundesliga

Beitingers besondere Spiele in Dortmund

Der Regensburger Schiri-Assistent sprintete bis zur Erschöpfung und erlebte eines der verrücktesten Derbys der Geschichte.
Von Claus-Dieter Wotruba

Einmarsch mit Katarina Witt: Das Pokal-Endspiel Frankfurt – Dortmund in Berlin im Mai 2017 war auch für Eduard Beitinger (Zweiter von links) ein Meilenstein. Foto: Bernd Thissen/dpa

Regensburg.Was schenkt man einem Edi Beitinger zu Weihnachten? Liegt ein neues Fahnerl unterm Christbaum?

Ich bin materiell ziemlich glücklich und selbst gespannt, was mir meine Freundin schenkt. Aber irgendwas wird unterm Christbaum liegen. Sonst brauche ich nur Gesundheit, dass meine Füße laufen, um den Sport so betreiben zu können, wie ich ihn betreibe.

2017 ist ja viel passiert bei Ihnen als Schiedsrichter-Assistent. 2018 ist WM, findet die nächste 2022 in Katar mit Edi Beitinger statt? Oder überfordert Sie die Frage?

Irgendwie schon. Ich bin gerade erst auf die Fifa-Liste gekommen. Es kommt immer nur ein Team aus einem Land zur WM. Da dabeizusein, wäre höchst spekulativ. Ich bin jetzt erstmal froh, nächstes, übernächstes Jahr international rauszufahren, Erfahrung zu sammeln und was sich dann ergibt – das habe ich schon beim Bundesliga-Aufstieg gesagt – das hängt an so vielen Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann. Das werden wir sehen.

Lesen Sie hier das Bundesliga-Fazit von Eduard Beitinger nach seiner ersten Bundesliga-Saison 2015.

Was bedeutet der Sprung auf die Fifa-Liste?

Konkret bedeutet er, dass ich ab 1. Januar in Champions League, Länderspielen und Europa League berechtigt bin, an der Linie zu assistieren. Davor war ich oft als vierter Offizieller raus. Bei einem A-Länderspiel müssen beide Assistenten Fifa-Assistenten sein, bei der U 21 reicht einer. Der andere kann ein nationaler Assistent sein. Da kann man Leute testen.

Es ist ein emotionaler Unterschied zwischen viertem Offiziellen und Assistent am Feld, oder?

Ja, definitiv. Als vierter Offizieller bereitest du dich anders vor, beschäftigst du dich mehr mit den Trainern und bist derjenige, der mit dem ruhigsten Puls draußen steht. Du hast Ruhe und kannst mal einen Tipp geben. Man kann Situationen oft besser einschätzen, weil man entspannter ist.

Inzwischen sind es 55 Einsätze als Bundesliga-Assistent. Den großen Bock, der für viel Gesprächsstoff sorgt, gab es immer noch nicht.

Ja Gott sei Dank. Der kann jetzt mit dem Video-Assistenten auch nicht mehr passieren. Ich bin froh, dass gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Gewisse Entscheidungen im Zentimeterbereich sind Glückssache. Wenn ich zurückschaue, auch auf das Pokalfinale in Berlin – was für uns als Team sehr bedeutend war – bin ich sehr zufrieden mit unserer ganzen Teamleistung. Bei uns im Team stimmt’s. Wir wissen genau, wer welche Rolle hat und wer welche Entscheidungen zu treffen hat.

Lesen Sie hier ein Porträt von Edi Beitinger.

Stichwort Videoassistent: Insgesamt ist dieses Thema eine sehr emotionale 50:50-Diskussion.

Gefühlt ja. Ich höre auch viel hier bei mir im Cafe (in Regensburg am Kassiansplatz. d. Red.) und sehe Leute im Fitnessstudio. Da ist es in der Tat so, dass das Volk gespalten ist. Das gilt es scharf und kritisch zu analysieren. In der Vorrunde war das ins Detail nicht möglich, weil es zu emotional war und zu viel passiert ist. Jetzt haben wir ab 3. Januar Wintertrainingslager – und da werden sich die Gremien zusammensetzen. Es wird einen Weg geben.

Wie sieht Ihre Meinung aus?

Meine persönliche Meinung ist: Der Videobeweis ist super. Wenn ich bei 0:0 ein Abseits übersehe und vielleicht ein Spiel um den Abstieg oder Aufstieg entscheide, geht’s mir danach ziemlich beschissen. Wenn das jemand begradigen kann und ich zwar an meinem Stellungsspiel arbeite, weil ich das übersehen habe, aber nicht drüber nachdenken muss, dass ich grad eine Mannschaft den Klassenerhalt gekostet habe, dann ist das beruhigender.

Zu Ihren neun Einsätzen in dieser Saison: Dortmund gegen Leipzig brachte Sie an die Grenze der Leistungsfähigkeit. Das erkennt Otto Normalfan gar nicht, oder?


Doch. Ein paar haben mir eine SMS geschickt und gefragt, ob es mir gut geht. Ein Schiedsrichter kommt oft an seine Grenzen. Beim Assistent ist das eher nicht der Fall. In dem Spiel war es unglaublich. Es war 90 Minuten beidseits Volltempo. Von der Geschwindigkeit geht es nicht mehr schneller, glaube ich. Wenn du vier, fünf Sprints hintereinander hast, geht der Puls hoch. Ein Usain Bolt kann auch nicht in 90 Minuten 120 Mal unter zehn Sekunden sprinten. Irgendwann wird es happig.

Lesen Sie hier: Ein Regensburger im Pokalfinale.

Und dann war das verrückte Derby, Dortmund gegen Schalke 4:4.

Dass eine Mannschaft eine 4:0-Führung in der zweiten Halbzeit noch vergibt, habe ich noch nie erlebt. Die Stimmung im Stadion war entsprechend. Das haben die Leute nicht geglaubt.

Fehlt Ihnen eigentlich noch ein Stadion in der Bundesliga?


Eins. Ich war überall, aber nach Wolfsburg hat es mich noch nie verschlagen.

Weckt international ein Verein oder Stadion besondere Neugier?

Nein, das nicht. Eher, was für Aufgaben das sind. In der Bundesliga hat man die Spieler im Drei-, Vier-Wochen Rhythmus. International kennst du die Spieler weniger, du musst dich vorbereiten. Das ist ein Ansporn.

Wie sieht die Vorbereitung aus? Schaut man dann fünf Spiele?

Wir haben ein Portal, da kann ich jedes Spiel in der ganzen Welt sehen. Das ist eigentlich ausgelegt für Scouts, aber mittlerweile für Schiedsrichter weitergedreht worden. Das Gute ist, dass selektiert wird. Ich schau’ mir ein Video mit 15, 20 Minuten Länge an mit den letzten acht Eckballsituationen, den letzten zwölf Abseitssituationen und die letzten zehn Angriffssituationen – und schon hast du ein Gespür.

Fürs Gespür hilft auch mal Seligenporten

  • „Wenn die Saison

    mit Gladbach gegen Köln anfängt, dann weißt du, es gibt kein Warmlaufen“, sagt Edi Beitinger über den ersten seiner neun Einsätze 2017/18 am 20. August, den Gladbach 1:0 gewann.
    im Team Aytekin: HSV – Leipzig (0:2), Hertha – Leverkusen (2:1), HSV – Bremen (0:0), Dortmund – Leipzig (2:3), Köln – Hoffenheim (0:3), Dortmund – Schalke (4:4), Stuttgart – Leverkusen (0:2), Freiburg – Gladbach 1:0

  • Als Schiedsrichter

    tritt Edi Beitinger (34), der für die DJK 06 Regensburg pfeift, noch in der Regionalliga in Erscheinung und pfiff in dieser Spielzeit zum Beispiel die Partie Unterföhring gegen Seligenporten. „Ich mache diese fünf, sechs Spiele im Jahr sehr bewusst. Viele machen das nicht und man muss auch nicht. Aber wenn du nur winkst, verlierst du das Gespür für den Schiedsrichter. Man muss aber auch mal Feedback geben und helfen können.“

Eine Frage zur Entlohnung: Pro Bundesliga-Einsatz gibt es als Assistent 2500 Euro. Das Grundgehalt ist mit dem Sprung auf die Fifal-Liste von 39 000 auf 44 000 Euro gestiegen. Wie wichtig ist diese Entlohnung? Ein Spieler wird darüber schmunzeln und kann das pro Monat verdienen.

Aaah, sind die Sätze so bekannt, ja? Wenn wir uns an den Neymars dieser Welt messen, können wir aufhören. Die Grundhonorare geben eine kleine Sicherheit, dass man trotzdem seine Wohnung zahlen kann, auch wenn man mal ausfällt. In der Bundesliga ist das mit einem 100-Prozent-Job schwierig. Ich sag’ sogar unmöglich, mit den Wochentagsspielen, Stützpunkten und Trainingsaufwand. Ich habe mit meinem Cafe eine sehr privilegierte Situation. Als Angestellter wäre das, was ich letztes Jahr gemacht habe, nicht machbar. Deswegen ist diese Entlohnung und jährliche Sicherheit wichtig.

Wir machen mal die Schlagzeile „Beitinger wechselt für 222 Millionen in das Schiri-Team von...“.

Hoffentlich nicht. (lacht) Ich bin bei Deniz doch sehr zufrieden. Aber so weit wird es nicht kommen.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht