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Samstagsinterview

Bussmann: Erst in Spanien blüht er auf

Bei Jahn Regensburg ignoriert, bei Caudal Deportivo ein Star. Björn Bussmann spricht mit Florian Haupt über seine Karriere.

Nicht der Allergrößte, aber sehr sprungstark: Björn Bussmann im Einsatz für den SSV Jahn II im Landesliga-Heimspiel gegen den 1. FC Bad Kötzting.
Nicht der Allergrößte, aber sehr sprungstark: Björn Bussmann im Einsatz für den SSV Jahn II im Landesliga-Heimspiel gegen den 1. FC Bad Kötzting. Foto: Brüssel

Herr Bussmann, wie landet ein früherer DFB-Auswahltorhüter bei Caudal Deportivo?

Das ist eine lange Geschichte. Und am Anfang war es auch hier nicht einfach. Meine Freundin hat mich kürzlich noch einmal daran erinnert, ich hatte es schon verdrängt: In meinem Zimmer ging die Heizung nicht, so dass ich den Raum im Winter mit dem Fön wärmen musste. Wir haben im Anorak geschlafen. Ich lag auf dem Boden, sie im Bett, weil das für uns beide zu klein war. Ich habe meinem Vater damals gesagt: Acht von zehn Leuten wären jetzt nach Hause gefahren.

Sie spielen in der dritten spanischen Liga...

Als ich vor gut zwei Jahren kam, waren wir noch in der vierten Liga und ich war erst mal nur Ersatz. Wir sind im Sommer aufgestiegen.

Nicht zuletzt, weil Sie zwischenzeitlich über 1000 Minuten ohne Gegentor blieben und insgesamt nur neun Treffer kassierten – der beste Wert in den vier spanischen Profispielklassen.

Eine schöne Sache, es gab auch eine Ehrung. Aber ich habe den Leuten schon gesagt, dass das eine Auszeichnung für die Mannschaft war. Ich bin einfach nur ein Teil der Abwehr – ein Torwart kann ja nicht allein alle Bälle halten.

In meinem Zimmer ging die Heizung nicht, so dass ich den Raum im Winter mit dem Fön wärmen musste.

Denkt man in so einem Moment trotzdem auch mal an die eigene Laufbahn? Dass das vielleicht eine Belohnung war für die ganzen Mühen?

Ja klar, ich weiß ja, wie es gehen kann im Fußball. Selbst diese Saison: Zwei Tage vor Beginn hatte ich einen Hexenschuss – und schon fängst du wieder ein bisschen von vorn an. Der andere Torwart hat gut gehalten, und dann hat es erst mal gedauert, bis ich wieder in die Mannschaft kam. Aber das ist einfach so im Fußball. Jeder ist ersetzbar. Und wenn man das weiß, dann ist man auch nicht mehr so enttäuscht. Dann kann einem eigentlich nichts mehr passieren.

Jetzt spielen Sie wieder. Dem Trainer blieb auch gar nichts anderes übrig, oder? Sie sind schließlich ein Held hier.

Es ist nicht so, dass ich Bodyguards bräuchte. Aber klar, im Fitnessstudio komme ich kaum zum Trainieren, auch auf der Straße werde ich oft angehalten. Ich gehe über die Straße und höre: Buuusmaaaan. Oder: Buuuuus. Meinen Vornamen habe ich schon seit Monaten nicht mehr gehört, der fällt den Leuten sehr schwer auszusprechen. Also sage ich jetzt selbst schon: ‚Hola, soy Bussmann!‘ Hallo, ich bin der Bussmann. Ich unterhalte mich gern mit den Leuten. Ich habe jetzt sogar Polizisten als Freunde.

Wie kommt’s?

Mein deutsches Kennzeichen wurde geklaut. Jetzt habe ich vorne ein selbstgebasteltes spanisches und hinten ein deutsches. Ich wurde ein paar Mal angehalten deshalb, und dann sagten sie: ‚Ach, der Torwart, wie geht es denn, wie habt ihr gespielt?‘ Irgendwann haben wir Nummern ausgetauscht, jetzt schreiben sie mir immer Nachrichten nach den Spielen: ‚Fenomeno! Alemán! Muy bien, tres puntos, vamos.‘

Klingt gut.

Ich bin superhappy hier. Ich genieße das jetzt, weil ich weiß, dass es auch ganz schnell wieder in die andere Richtung gehen kann im Fußball. Immer wenn ich aus Deutschland gefragt werde: ‚Wie geht’s Dir?‘, dann sage ich: Ich genieße den Moment. Ich fahre einfach jeden Tag mit Lust zum Training, und das war ja nicht immer so. Ich habe viele Schläge ins Gesicht bekommen, ich musste oft wieder aufstehen.

32 Länderspiele absolviert

  • Nationalelf:

    Björn Bussmann (25) durchlief bis zur U20 alle deutschen Jugendnationalteams, für die er insgesamt 32 Länderspiele absolvierte. Doch nach der Ausbildung in England bei den Blackburn Rovers geriet seine Karriere ins Stocken.

  • Jahn:

  • Erfolglos heuerte er 2011 auch für eine knappe Saison beim SSV Jahn Regensburg an. Erst als alles schon verloren schien, fand er in Spanien doch noch sein Glück: bei Caudal Deportivo aus der nordspanischen Kleinstadt Mieres.

  • Aufstiegsheld:

    Bei Caudal Deportivo wurde Björn Bussmann zum gefeierten Aufstiegshelden. Zultzt bestritt er ein historisches Spiel: in Toledo hätte Caudal den erstmaligen Einzug in die Hauptrunde des spanischen Pokals schaffen können, unterlag aber mit 1:4.

Zum Beispiel in Regensburg.

Ich kam im Herbst 2011 von 1860 München. Beziehungsweise aus der Arbeitslosigkeit, mein Vertrag war nicht verlängert worden. Das war nicht so schön: zum Arbeitsamt zu gehen; sehen, wie man da behandelt wird. Dann fuhr ich zum Probetraining nach Regensburg bei Markus Weinzierl. Der Verein wollte noch einen Torwart verpflichten, weil sie hinter Michi Hofmann, der schon ein bisschen älter war, keinen ordentlichen hatten. Die Mannschaft war gut, hatte einen Lauf, sie war Erster zur Winterpause. Das war schon verlockend: ein Bald-Aufsteiger in die Zweite Liga.

Ich habe viele Schläge ins Gesicht bekommen, ich musste oft wieder aufstehen.

Regensburgs Aufstieg klappte auch. Aber Sie blieben nur gut eine halbe Saison.

Im Nachhinein hat man mich wohl eher als Trainingstorwart geholt denn als richtige Konkurrenz. Das hätten sie mir vorher ruhig sagen können. Ich habe nie wirklich eine Chance gehabt zu spielen, leider. Natürlich ist es dann manchmal schwer, sich zu motivieren. Weil man nicht wirklich gebraucht wird von der Mannschaft. Aber ich habe es durchgezogen, habe meine Sprungübungen gemacht – ich brauche viel Sprungkraft, weil ich nicht der Allergrößte bin. Ich habe eher für mich trainiert.

Wie ging es zu Ende?

Im Sommer bin ich weitergezogen, ich hatte ja gar keinen richtigen Vertrag. Ich bezog weiter Arbeitslosengeld, dazu den Betrag, den ich bekommen durfte, und ein Hotelzimmer, das ich mit einem anderen Spieler bewohnt habe – mit dem ich immer noch sehr gut befreundet bin: Christian Bickel, der spielt jetzt bei Paderborn. Ich war auf seiner Hochzeit, bin Patenonkel von seinem Kind. Letztens habe ich ihm noch gesagt: Die Zeit in Regensburg war zwar nicht schön, aber dafür haben wir uns gefunden. Wobei ich hinzufügen muss: Die Stadt Regensburg hat mir super gefallen. Wunderschön.

In so einer schwierigen Phase – kann einem da ein erfahrener Spieler wie Michi Hofmann mit Ratschlägen helfen?

Im Fußball denkt jeder nur an sich. Alles andere ist Schauspielerei. Ein einziges Mal habe ich es anders erlebt, das werde ich nicht vergessen. Es war in England, wir haben gegen Manchester City 1:6 verloren (mit Blackburns Nachwuchsteam/d. Red.). Als Torwart fährst du da natürlich mit einem Scheißgefühl nach Hause. Ich saß zehn Minuten im Bus, da bekam ich einen Anruf, die Nummer kannte ich nicht. Ich ging ran, und dann sagte die Stimme: ‚Hello, I’m Brad‘ Es war Brad Friedel, der Torwart von der ersten Mannschaft. Er hat sich nach mir erkundigt, mir Mut zugesprochen: Alles gut, mach dir keinen Kopf, kann passieren, ist mir auch schon passiert. Ich bekomme noch jetzt eine Gänsehaut, wenn ich darüber rede. Damals war ich 16, man geht dann davon aus, dass das selbstverständlich ist.

Nach Regensburg gingen Sie zum VfL Osnabrück, dann nach Lippstadt, jeweils ohne Erfolg. Schließlich der Wechsel nach Spanien.

Wenn der Trainer in Deutschland mir damals nicht gesagt hätte, dass er nicht mehr mit mir plant, dann hätte ich Spanien nie kennengelernt. Ich habe noch nie so ein erfolgreiches Jahr gehabt wie das letzte und mich noch nie in einer Stadt so wohlgefühlt. Der Fußball bringt dir Sachen bei. Manchmal gute, manchmal schlechte.

Vermissen Sie Deutschland?

An Weihnachten fahre ich nach Hause. Dann gucken wir immer Tom Sawyer & Huckleberry Finn, die Schatzinsel und den Seewolf. Mein Vater und ich. Meine Schwester ab und zu, aber die kann es mittlerweile nicht mehr sehen. Meine Mutter auch nicht: ‚Jedes Jahr das Gleiche!‘ Ich freu‘ mich drauf. Aber ich freue mich dann auch wieder hier zu sein. Ich fühle mich hier einfach pudelwohl.

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