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Degenkolb ist froh, wieder dabei zu sein

Nach dem Horrorunfall war der Weg zurück schwierig für den Rad-Profi. Im Interview spricht er über seine Ziele bei der Tour.
Von Tom Mustroph, MZ

In diesem Jahr fährt John Degenkolb für Giant Alpecin. Zum Saisonende wechselt er Team und Manager.
In diesem Jahr fährt John Degenkolb für Giant Alpecin. Zum Saisonende wechselt er Team und Manager. Foto: dpa

Wie ist es, wieder bei der Tour de France zu sein?

Gut. Ich freue mich, dass ich überhaupt dabei sein kann. Meine Form ist natürlich nicht die beste, die ich jemals hatte. Aber ich bin froh, dass es zumindest so weit gereicht hat, dass ich wieder antreten konnte.

Was sind Ihre Ziele?

Ich hoffe natürlich, dass ich in der zweiten Hälfte der Tour gut in einen Rhythmus komme und da auch besser mein Glück in den Sprints suchen kann. Ich merke, dass die Beine gut reagieren, und das stimmt mich optimistisch. Ich habe bei der Windetappe nach Montpellier schon wieder richtigen Druck auf die Pedale bringen können. Es läuft eigentlich von Tag zu Tag besser.

Nach dem Horrorsturz im Januar und der langen Rehabilitationsphase ist Ihre Rolle jetzt sicher eine andere als in den vergangenen Jahren, wo ein Etappensieg von Ihnen erwartet wurde und der Druck doch ziemlich stark war. Können Sie jetzt befreiter bei der Tour antreten?

Ja, das stimmt. Ich kann jetzt die Tour mehr genießen als zuvor. Wir haben im Team auch andere Ziele. Oberste Priorität hat, Warren Barguil im Gesamtklassement immer gut zu platzieren.

Das heißt aber nicht, dass Sie jetzt nur noch mitfahren wollen?

Nein, gar nicht. Natürlich will in den technisch etwas anspruchsvolleren Sprints, mit Kurven und Kreisverkehren sowie Straßen, die mal enger und dann wieder breiter werden, und bei denen es auch noch bergauf geht, weiter meine Chancen suchen. In der Verfassung, die ich jetzt habe, kommt es aber darauf an, dass ich optimal platziert bin. Momentan kann ich, wenn ich von weiter hinten kommen muss, nicht mehr vorne eingreifen.

In der langen Zeit nach dem Unfall gab es da auch positive Momente, die Sie da stimuliert haben?

Natürlich. Sonst wäre ich jetzt wohl auch nicht hier. Es war schon ein besonderer Moment, als ich endlich wieder mit dem Rad auf die Straße konnte. Und zuletzt bei den Sprints in der Dauphiné habe ich gemerkt, dass es wieder geht. Das stimmt auch optimistisch für die nächsten Etappen hier bei der Tour.

Hier finden Sie weitere Infos zu John Degenkolbs Unfall:

John Degenkolbs Unfall

  • Was war passiert?

  • Nach einem Trainingsunfall im Januar in Spanien musste John Degenkolb mehr als drei Monate pausieren. Eine offensichtlich an Linksverkehr gewöhnte Britin fuhr mit ihrem Geländewagen auf einer kurvigen Strecke in die Fahrergruppe von Degenkolbs Team Giant-Alpecin.

  • Was waren seine Verletzungen?

  • Degenkolb erlitt bei dem Unfall einen Unterarmbruch und Schnittwunden am Oberschenkel, der Lippe und am Unterarm. Zudem wurde ihm der linke Zeigefinger fast abgerissen. Der Radprofi musste mehrmals operiert werden und bekam unter anderem eine Metallplatte in den Arm eingesetzt.

  • Wer war noch beteiligt?

  • Auch seinen Landsmann Max Walscheid aus Neuwied traf es schlimm, er erlitt einen Schienbein- und einen Daumenbruch. Der Amerikaner Chad Haga musste sogar mit einem Helikopter ins Krankenhaus gebracht werden, wo er wegen einer Augenhöhlenfraktur operiert werden musste. (dpa)

Sie wechseln zum Saisonende Ihren Manager Jörg Werner und auch Ihr Team. Was waren die Gründe dafür?

Mit Jörg Werner werde ich weiter befreundet bleiben, keine Frage. Aber man muss auch einmal neue Wege gehen. Das will ich mit diesem Schritt.

Das gilt dann offenbar auch für das Team. Wissen Sie schon, bei welchem Rennstall Sie im nächsten Jahr fahren?

Es laufen noch Verhandlungen mit zwei Rennställen.

Hat Ihr bei der Tour angekündigter Weggang Auswirkungen auf die Atmosphäre im Team? Erfahren Sie weniger Unterstützung?

Die Zusammenarbeit ist weiter prima. Wir sind jetzt hier bei der Tour de France, um Ergebnisse einzufahren. Das zählt!

Der Rennsport ist in den letzten Jahren immer mehr von Daten und Kontrolle durch Daten bestimmt worden. Kollegen wie Fabian Cancellara sprechen schon von „Big Brother“. Wie viel bleibt da noch von der früher beschworenen Freiheit des Radprofis, der einfach nur sein Rad schnappt und die Natur entflieht?

Naja, man ist schon angestellt. Und der, der das Geld gibt, macht auch die Ansagen, wie alles laufen soll. Aber was das Training angeht, haben wir im Vergleich zu den meisten anderen Sportlern noch die größten Freiheiten. Fußballer müssen in die Stadt ziehen, in der ihr Verein ist. Das macht ja auch Sinn. Wir als Radsportler können aber zu Hause bleiben und treffen uns nur zu den Rennen und den Trainingslagern. Das ist schon eine Freiheit, die wir auch genießen.

John Degenkolb teilt seine Erlebnisse bei der Tour de France auf Instagram:

Aber ein Gängelband sind schon die täglichen Trainingspläne, oder?

Nein, eine Auswertung und der enge Kontakt zum Trainer sind schon sehr wichtig, wenn man weiterkommen will.

Verstecken kann man sich dann aber nicht mehr. Ein halbe Trainingssession kann man doch an den Daten ablesen, oder?

Ja, klar. Und wenn die Werte zu sehr abweichen, kann es auch zu einem Krisengespräch kommen. Aber wir sind professionell genug, dass wir einschätzen können, was wir alles leisten müssen.

Hat man als Radprofi eigentlich überhaupt noch eine Ausrede?

Man kann immer erklären, warum ein Training wie abgelaufen ist. Und dann gibt es ja auch noch den Faktor Wetter. Das kann überall anders sein.

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