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Turnen

Der Herr über fünf Millionen Turner

Der Regensburger Alfons Hölzl ist seit Oktober Präsident des Deutschen Turner-Bundes. Er steht vor einigen Herausforderungen.
Von Birgit Pinzer, MZ

Alfons Hölzl in seiner Anwaltskanzlei, hinter ihm rauscht der Regensburger Feierabendverkehr.
Alfons Hölzl in seiner Anwaltskanzlei, hinter ihm rauscht der Regensburger Feierabendverkehr. Fotos: Brüssel

Regensburg.Dr. Hölzl, am 1. Oktober wurden Sie zum Präsidenten des Deutschen Turner Bundes gewählt, dem zweitgrößten Fachverband Deutschlands mit fast fünf Millionen Mitgliedern und 20 000 Vereinen. Was hat Sie bewogen, zu kandidieren? Es sind keine einfache Zeiten für Sportverbände.

In der Tat – wir stehen vor Herausforderungen. Aber insgesamt ist die turnerische Bewegung stabil und es reizt, diese Aufgabe zu übernehmen. Ich habe mich nicht beworben, ich bin schon vor längerer Zeit gefragt worden, vom Präsidium, von meinem Vorgänger Rainer Brechtken von vielen Landessportverbänden, ob ich mir das vorstellen könnte.

Der DTB hat seinen Sitz in Frankfurt an der Otto-Fleck-Schneise. Sie leben in Regensburg, arbeiten hier. Die Autobahn A 3 kennen Sie jetzt in- und auswendig, oder?

(Hölzl lacht) Es ist ein gutes Miteinander, so dass ich einiges von Regensburg aus erledigen kann, aber ich muss natürlich oft anwesend sein, auch anderswo Termine wahrnehmen. Ich bin derzeit oft in Berlin zur Vorbereitung unseres Internationalen Deutschen Turnfestes nächstes Jahr. Das Turnfest soll das Highlight der Turnbewegung werden und ein Schaufenster der Leistungsfähigkeit unserer 20 000 Vereine. Wir erwarten etwa 70 000 bis 100 000 Sportler. Man muss nur ausrechnen, wie viele Starts das bedeutet, wie viele Kampfrichter im Einsatz sein müssen – das müssen wir erst mal hinbekommen. Es ist viel Zeit, die in so ein Amt investiert werden muss, aber es gibt viele Menschen, die sich stark in Vereinen engagieren.

„Ich möchte ein inhaltlicher Präsident sein.“

Haben Sie mit Ihrer Familie, Ihrer Frau und Ihren beiden Töchtern über Ihre Präsidentenwahl diskutiert?

Das war natürlich ein Thema und zugegebenermaßen kein leichtes. Ich habe eine enge Bindung zu meinen Töchtern. Andererseits können die beiden – sie turnen selbst – es auch genießen und manchmal irgendwo mit hinfahren, wo sie sonst nicht hinkämen, beispielsweise zum Weltcup nach Cottbus. Aber ich werde sicher kein Präsident sein wie mein Vorgänger Rainer Brechtken. Das wurde auch im Verband klar kommuniziert. Ich kann nicht zu jedem Grußwort hinfahren, ich muss mir genau überlegen, welche Schwerpunkte ich setze, welche Termine und Themen andere bearbeiten. Wobei ich sicherlich – und da lege ich Wert darauf – ein inhaltlicher Präsident sein möchte und nicht nur der Repräsentant der Bewegung.

Sie sind nicht nur Funktionär, sondern besitzen auch die A-Trainer-Lizenz.

Ja. Sowohl im Geräteturnen männlich als auch weiblich. Als Trainer betreue ich beim SV Fortuna Regensburg Turnerinnen, falls es die Zeit erlaubt. Stehe ich in der Halle, kommt es schon vor, dass ich selbst ans Gerät gehe.

Denken Sie, dass Sie sich im Umgang mit den Athleten leichter tun als Trainer?

Das macht es mir auf jeden Fall nicht schwerer.

Fabian Hambüchen ist die Turn-Galionsfigur der letzten Jahre, in Rio gewann er Gold. Mit ihm haben Sie einen Athleten, der sich nicht scheut, Kritik zu üben, sei es am IOC, aber auch am DOSB und DTB. Stört Sie das?

Unsere Spitzensportler sind keine Kinderturner, sondern Athleten, die voller Leidenschaft ihren Sport betreiben. Es ist legitim, Kritik zu äußern. Wir setzen auf den mündigen Athleten. Damit muss man umgehen. Ich kenne viele davon sehr gut; Marcel Nguyen beispielsweise, seit dem er acht Jahre alt ist. Unsere Athleten müssen sehr viel leisten und sie sehen natürlich ihren Bereich. Meine Aufgabe ist es, den Verband insgesamt im Blick zu haben, und der besteht nicht nur aus dem Spitzensport, sondern ist vielfältig aufgestellt. Die ein oder andere Kritik mag berechtigt sein, andere Äußerungen sind eventuell der Situation geschuldet. Ich glaube, Fabian weiß sehr gut, was er am DTB hat. Die Leistungen unserer Turner wären ohne Verband überhaupt nicht denkbar, das betrifft alle unsere Kaderathleten.

Ich glaube, Fabian Hambüchen weiß gut, was er am DTB hat.

Bei den Olympischen Spielen wird Turnen wahrgenommen, ansonsten kaum. Woran liegt das und wie kann man das ändern?

Turnen ist nicht so leicht erklärbar wie eine Monosportart wie Fußball. Wir sind ein sehr großer Verband, wir sind für den ganzen Fitness- und Gesundheitssport zuständig, sei es Frauengymnastik, Aerobic, Yoga, et cetera, auch der Seniorensport ist ein großes Segment. Und wir sind der Verband für die Kinder schlechthin. Sehen Sie sich allein die bayerischen Verhältnisse an. Von etwa 850 000 gemeldeten Personen sind über 300 000 Kinder und Jugendliche. Es gibt in fast jedem Ort eine Eltern-Kind-Gruppe, Kleinkinderturnen. Dass diese als Sportarten in der öffentlichen Wahrnehmung nicht vorkommen, ist verständlich, es gibt kein Ligasystem. Aber auch unsere Wettkampfsportarten sind sehr vielfältig. Außer den vier olympischen Disziplinen gehören zahlreiche, ganz verschiedene Formen dazu, sei es Rope Skipping, Rhönradturnen, aber auch Orientierungslauf. Diese Vielfalt macht es schwierig, als einheitlicher Verband wahrgenommen zu werden. Deswegen tun uns Schaufenster wie die Olympischen Spiele gut. Aber es sind eben fast ausschließlich die Olympischen Spiele wo wir zur Kenntnis genommen werden. Das ist schade.

Wobei die deutschen Turner dieses Jahr besonders im Fokus standen.

Es war für uns interessant zu sehen, dass die Einschaltquoten beim Turnen extrem hoch waren und Turnen als schöne, schwierige, ästhetische Sportart wahrgenommen wurde. Wir haben einen Hype erlebt, einerseits aufgrund der tollen Ergebnisse, andererseits aber auch weil wir als Team sehr sympathisch wahrgenommen worden sind. Natürlich hat der Unglücksfall von Andreas Toba dazu beigetragen.

Toba hatte sich das Kreuzband gerissen und turnte trotzdem weiter, damit die Mannschaft ins Mehrkampffinale kommt.

Die Zuschauer haben gesehen, dass der Einzelathlet für die Mannschaft einsteht, dass das Team gemeinsam erfolgreich sein wollte. Dazu kam die Goldmedaille von Hambüchen, auf die wir 20 Jahre gewartet haben, der letzte Deutsche, der Gold holte, war Andreas Wecker; dann das Bronze-Duell am Stufenbarren zwischen Elisabeth Seitz und Sophie Schreder, das Schreder für sich entschied, das war Dramatik pur.

Werden die Turner auch in Zukunft so erfolgreich sein?

Die sportlichen Weichen für die Olympischen Spiele in Tokio zu stellen hat für uns sicherlich Priorität. Wenn unsere Turnerinnen, die in Rio bombastisch gut turnten, noch die eine oder andere Längsachsendrehung mehr geschafft hätten, dann wäre in der Mannschaft ein Treppchenplatz möglich gewesen. Bei den Frauen ist die Leistungsdichte im Nachwuchs hoch, da habe ich wenig Sorge. Im männlichen Bereich müssen wir den Generationswechsel gut hinbekommen. Das ist eine Herkulesaufgabe, gerade im Zusammenhang mit der Leistungssportreform.

„Mit der Leistungssportreform geht ein Systemwechsel einher.“

Diesen Samstag wird bei der Versammlung des DOSB über die Leistungssportreform, die 2018 in Kraft treten soll, abgestimmt. Was halten Sie von der Reform?

Eines ist klar. Es sind staatliche Gelder, die wir erhalten, das ist für uns Verbände Verpflichtung. Das ist nicht unser Spielgeld, mit dem wir tun und lassen können, was wir wollen. Grundsätzlich geht die Reform meiner Meinung nach in die richtige Richtung. Wenn Sie diese Reform beispielsweise mit der Leistungssportförderung in Großbritannien vergleichen, gibt es sehr große Parallelen. Großbritanniens Erfolge bei Olympia 2012 haben gezeigt, dass dort die Sportförderung funktioniert. Wenn der Staat auch hier die Mittel für den Sport erhöht, dann kann es zu positiven Effekten kommen, aber die Mittelerhöhung ist auch die Voraussetzung! Mit etwa 160 Millionen Euro für den gesamten Leistungssport lässt sich die Medaillenausbeute allein durch strukturelle Veränderungen nicht erhöhen.

Im Video – Alfons Hölzl im Interview mit unserem Medienhaus:

Alfons Hölzl im MZ-Interview

Vereinfacht gesagt sollen die erfolgreichen Sportarten mehr Geld erhalten, die nicht erfolgreichen weniger, schlimmstenfalls gar keines. Bewertet werden soll das mit dem Potenzialanalysesystem „Potas“. Dieses System steht in der Kritik: Es gibt Zweifel, ob sich Medaillenplätze eines Sportlers per Computer errechnen lassen.

Mit der Reform geht in der Tat ein Systemwechsel einher. Wir hatten bislang in Deutschland den Konsens, dass der Leistungssport insgesamt gefördert wird. Durch die Reform wird stark differenziert werden zwischen den einzelnen Sportarten, je nachdem, ob sie Chancen haben, in den kommenden acht Jahren bei Olympia oder bei Weltmeisterschaften Medaillen zu erringen. Aber das erfüllt mich ein bisschen mit Sorge, wenn Sportarten nicht mehr als förderfähig eingestuft werden sollen. Ich glaube nicht, dass man rein durch einen technischen Vorgang, festlegen kann, was Potenzial hat, sondern das nach dem Ergebnis der Potas-Kommission Strukturgespräche stattfinden und individuell auch die Werthaltigkeiten der einzelnen Sportarten, Disziplinen beurteilt werden sollten. Aber da verlasse ich mich auf die Aussagen des Ministeriums, die dahingehen, das es unterm Strich, falls Potenzial besteht, zumindest eine Grundförderung geben soll.

Wie viele Mittel bekommt den der DTB zur Verfügung gestellt?

Wir bekommen aufs Jahr gerechnet etwa zwei bis drei Millionen Euro, in Großbritannien haben die Turner umgerechnet zehn bis 20 Millionen zur Verfügung. Da kann man natürlich anders arbeiten.

Die Reform beinhaltet auch eine Reduzierung der Stützpunkte. Statt etwa 200 sollen es künftig nur noch 160 sein. Das kann Ihnen nicht gefallen.

Das halte ich auch nicht für sinnvoll. Ich habe großes Verständnis dafür, dass überprüft wird, welche Stützpunkte ihre Leistungen bringen, aber die Reduzierung wurde von staatlicher Seite gesetzt, ohne die Verbände miteinzubeziehen. Jeder Stützpunkt, der wegfällt, tut uns weh.

Lesen Sie hier: Alfons Hölzl wird zum DTB-Präsidenten gewählt

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Zur Person: Alfons Hölzl

  • Alfons Hölzl (48)

    studierte in Regensburg und Frankfurt am Main und arbeitet seit 1998 als Rechtsanwalt. Das Thema seiner Promotion an der Universität Regensburg lautete: „Der Sport als Staatszielbestimmung.“

  • Hölzl wurde im

    niederbayerischen Niederhatzkofen geboren. Mit dem Turnen begann er als Kind beim TV Pfeffenhausen, wurde dann Internatsschüler in Cham und turnte auch für den ASV Cham. Er ist Trainer bei der SV Fortuna Regensburg.

  • 2007 wurde Hölzl

    Vorsitzender des Turnbezirks Oberpfalz, im selben Jahr BTV-Präsident.

  • Im Oktober wurde der Regensburger zum Nachfolger des langjährigen Amtsinhaber Rainer Brechtken gewählt. 221 von 246 Delegierte stimmten für Alfons Hölzl bei sieben Enthaltungen.

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