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Olympia

Der Respekt läuft mit bei Anja Scherl

Die 30-jährige Regensburgerin packte ihre Chance beim Schopf. Mit Claus Wotruba spricht sie über ihren Marathon am Sonntag.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Das beste sportliche Jahr ihres Lebens krönt Anja Scherl mit dem dem olympischen Marathonlauf. Foto: Eibner
Das beste sportliche Jahr ihres Lebens krönt Anja Scherl mit dem dem olympischen Marathonlauf. Foto: Eibner

Regensburg.Am Mittwochabend erst zu fliegen, wenn am Sonntag ab 14.30 Uhr deutscher Zeit schon der Marathonstart ansteht – die Kurzfristigkeit der Anreise klingt eher ungewöhnlich.

Anja Scherl: Das hat der Deutsche Leichtathletik-Verband so geplant gehabt und ich habe das so akzeptiert.

Haben Sie sich auf einen Start wie diesen spezieller vorbereitet? Zum Beispiel, um sich auf die Bedingungen einzustellen. Die Luftfeuchtigkeit etwa ist ja schlecht zu simulieren.

Ich habe versucht, wenn es heiß und schwül war, das bewusst im Training mitzunehmen und es nicht zu meiden und morgens oder abends zu laufen. Auf was ich auch besonders geachtet habe, ist zu versuchen, viel zu trinken und zu üben, dass man das anders macht als sonst. Zum Vergleich: In Hamburg bei meinem letzten Marathon hatte es sechs Grad, in Rio werden es 27 bis 30 Grad. Davor habe ich natürlich Respekt. Deswegen habe ich versucht, mich darauf einzustellen.

Sind Sie ein Hitzetyp? Manche mögen es ja gerne heiß.

Von Haus aus ist es mir kühler schon lieber. So lassen sich bessere Zeiten laufen. Das ist so. Aber in Rio ist das für alle gleich. Und ich stecke das bestimmt genauso weg wie alle anderen – auch, wenn ich noch nie unter solchen Bedingungen Marathon gelaufen bin.

Die Marathon-Erfahrung einer Anja Scherl ist wie beim zweiten Starter der LG Telis Finanz Regensburg, Philipp Pflieger, überschaubar. Philipp bezeichnet sich mit seinen zwei Marathonstarts als Novize. Sie haben nicht viel mehr.

Stimmt schon, das ist bei uns das gleiche. Vor den klimatischen Bedingungen habe ich den meisten Respekt. Das wird die große Kunst sein, sich darauf einzustellen und sich das Rennen richtig einzuteilen.

Das Jahr 2016 war bei Ihnen ja zunächst ganz anders geplant gewesen: Eine Olympia-Teilnahme stand erst einmal nicht zur Debatte. Die Europameisterschaft in Amsterdam mit dem Halbmarathon sollte der Höhepunkt sein. Haben Sie denn die veränderte Lage inzwischen anders realisiert als es noch vor zwei Monaten war?

Realisiert habe ich es inzwischen schon und dadurch hat sich auch der Schwerpunkt verschoben. Ursprünglich war das die EM. Es hat sich aber schnell rausgestellt, dass das nur noch eine Durchgangsstation für Rio war und der Fokus eben auf Olympia liegt. Und jetzt freue ich mich, dass es bald soweit ist.

Hier finden Sie ein Video-Porträt von Anja Scherl

Mit welchen Augen haben Sie bis zur Abreise Olympia im TV verfolgt?

Bei uns lief eigentlich den ganzen Tag der Fernseher. Es finde es toll, dass man andere Sportarten sieht, die man sonst nicht so verfolgt. Ich habe mir die Synchronschwimmer angeguckt, Schwimmen und Turnen.

Im Gegensatz zu Philipp Pflieger, der erst am Schlusstag dran ist, haben Sie noch die Chance, sich auch andere Sportarten live vor Ort anzuschauen. Und die Schlussfeier ist auch ein persönlicher Programmpunkt, oder?

Genau. Was ich alles mache, entscheide ich vor Ort. Natürlich schaue ich bei Philipp zu, auch bei Flo (Florian Orth, der dritte Telis-Starter, der am 17. und eventuell 21. August dran ist, d. Red.) und der restlichen deutschen Leichtathletik-Mannschaft. Ich würde mich freuen, mir auch von anderen Sportarten einen Eindruck zu machen. Und natürlich von Rio: Zuckerhut, Christus-Statue und so weiter.

Als ehemalige Volleyballerin in Ursensollen ist Ihre Ursprungs-Sportart ja vielleicht auch interessant.

Beach-Volleyball habe ich natürlich auch verfolgt. Das wäre auch super.

Sind Sie im Olympischen Dorf auf die Begegnung mit dem einen oder anderen gespannt?

Es gibt keinen bestimmten. Aber einen Eindruck zu kriegen, wie die Stars sind, die man sonst aus dem Fernsehen kennt, wird schon interessant. Aber im Prinzip sind wir alle gleich. Ich freue mich einfach, andere Sportler kennenzulernen.

Wie fällt im Rückblick Ihre Bewertung mit dem 17. Platz im Halbmarathon bei der Europameisterschaft aus?

Es war für mich ein Highlight, das erste Mal in der Nationalmannschaft zu starten und etwas Besonderes. Jetzt habe ich das Vergnügen, noch ein zweites Mal dabeizusein.

Der Kurs dort war gewagt – mit der ersten Kehre als Engstelle ein paar Meter hinter dem Start – und nicht unbedingt athletenfreundlich.

Er war sehr anspruchsvoll, sehr wellig und mit Kopfsteinpflaster. er war sehr schwierig. mein Kenntnisstand ist, dass der Kurs in Rio flacher sein soll. das ist mir natürlich lieber. Von der Strecke her sollte es einfacher sein. Ich werde versuchen, mir das vor Ort noch so gut wie möglich anzugucken.

Leckt man in so einer Saison Blut und sagt: Dass soll nicht einmalig sein, dieses Gefühl will ich mit internationalen Auftritten auch in Zukunft wieder haben?

Im Moment habe ich über Rio hinaus gar keinen Plan. Da machen wir einen Schritt nach dem anderen.

Also wie bisher.

Das ist bei mir auch so mit der Motivation. Wenn ich ein Ziel vor Augen habe, das relativ greifbar ist und bei dem der Abstand nicht zu groß ist, trainiert es sich besser auf dieses Ziel hin. Bisher war das eine gute Strategie und hat gut funktioniert.

Ihr Mann und Trainer Marco nimmt Ihnen ja diese Langfristigkeit ja auch ab. Sie arbeiten die Pläne dann kurzfristig ab.

Sicher ist nur, dass nach Rio Regeneration angesagt ist. Danach ist erst einmal kein Wettkampf geplant.

Ein Ziel zu formulieren ist gar nicht so einfach: Wann kommt eine Anja Scherl zufrieden aus Rio zurück? Das wird bedingt an Platz und Zeit hängen.

Das ist richtig. Für mich wäre es schön, wenn die Einteilung stimmt, ich alles gegeben und abgerufen habe. Ich denke, das muss man sich danach wieder anschauen, wie man das Ergebnis einsortieren kann.

Bei den bisherigen Marathon-Auftritten ist das ja gut gelungen. Gibt’s schon Rückmeldungen, wer alles zuschauen wird? Das werden wohl mehr Leute sein als sonst: Am Sonntagnachmittag um 14.30 Uhr ist eine perfekte Einschaltzeit.

Es sind ganz viele, die Public Viewing machen wollen. Norbert Lieske, der Präsident der LG Telis Finanz, will das in Regensburg machen. Die Mannschaft auch. Viele Freunde haben schon einen gemeinsamen Treffpunkt ausgemacht. Ich habe auch ganz viele tolle Geschenke und Glücksbringer bekommen.

Hier finden Sie Teil zwei der „Road to Rio“ von Anja Scherl.

Zum Beispiel?

Von einer Freundin habe ich Socken bekommen, die mit „Go Rio, go Anja“ bedruckt sind. Ein Nachbarskind hat mir ein Armbändchen gebastelt. Kissen und Karten, ganz toll.

Da treibt ja allein das Scherl-Umfeld die Einschaltquote in die Höhe.

Es haben sich ganz viele die Uhrzeit im Kalender angestrichen.

Ihr Mann Marco ist schon auch wieder vor Ort in Brasilien wie immer mit dabei, oder?

Ja, aber nur als ganz normaler Zuschauer an der Strecke.

Im Marathon kommt man ja trotzdem zusammen.

Das schon. Aber am Start und im Ziel treffen wir uns halt nicht. Und das finde ich schon schade. Der direkte Ansprechpartner wäre schöner. Aber das ging nicht.

Wir wünschen Ihnen viel Genuss beim Rennen, auch wenn das im Marathon vielleicht schwierig ist und ein wenig kurios klingt. Aber in Hamburg ist Ihnen das ja auch gelungen.

Ich weiß aber auch, wie viel Anstrengung dabei ist. Aber der Respekt ist ja auch wichtig.

Die Teilnehmerinnen des Regensburger Frauenlaufs senden einen Videogruß zu Anja Scherl nach Rio:

Alle aktuellen Ergebnisse von den Olympischen Spielen bei uns im Liveticker:

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