MyMz

Samstagsinterview

„Deutschland braucht jeden Spieler“

Bundestrainer Sturm spricht über die Nachwuchsprobleme beim Eishockey, die Heim-WM, und seine Suche nach deutschen Wörtern.

Marco Sturm ist als Bundestrainer der Wegweiser des deutschen Eishockeys – und ein Hoffnungsträger.
Marco Sturm ist als Bundestrainer der Wegweiser des deutschen Eishockeys – und ein Hoffnungsträger. Foto: dpa

Landshut.Herr Sturm, glauben Sie, dass Deutschland ein Eishockey-Land ist?

Ja. Wenn man nur die Zuschauerzahlen nimmt, ist Eishockey inzwischen, glaube ich, Zweiter hinter Fußball. Von daher, warum nicht?

Sportlich sieht es nicht so aus: Wo ist der Haken? Sie haben es bei der U 20 selbst erlebt, wo Lettland, Österreich oder Norwegen vor der deutschen Mannschaft lagen.

Das ist wieder eine andere Sache. Da muss man weiter ausholen. Wir sind zwar Zweiter nach Zuschauerzahlen, aber wir sind nicht die zweitgrößte Sportart. In anderen Ländern ist Eishockey die Nummer eins. Da gibt es ganz andere Zahlen, da liegt der große Unterschied. Es ist nicht so, dass wir komplett falsch trainieren, aber es ist die Masse – und die fehlt uns.

Wie bekommt man die?

Das ist schwierig. Man muss anfangen – und da sind alle gefragt, vor allem die Vereine – die Kids von sechs bis zehn zu begeistern.

Ja. Wenn man nur die die Zuschauerzahlen nimmt, ist Eishockey inzwischen, glaube ich, Zweiter hinter Fußball.

U-8-Teams sind die Ausnahme.

Das ist für uns das Wichtigste, dass von unten mehr rauskommt. Wenn man die U 20 oder U 18 sieht, ist der Kader ziemlich dünn. Das zeigt, dass in den Jahren davor nicht genug gemacht worden ist. Da müssen wir ansetzen. Die Vereine sind gefragt, die Kinder besser auszubilden. Der letzte Schritt ist die Nationalmannschaft: Auch wir müssen einen besseren Job machen.

Nachwuchsarbeit ist nicht die Sache von einem Jahr, sondern mehreren Jahren. Nächstes Jahr findet die WM aber in Deutschland statt. Beim letzten Mal 2010 hatte man nach der Halbfinal-Teilnahme gemeint, eine dauerhafte Euphorie entfacht zu haben, die längst wieder weg ist.

Ich war selber 2001 in Deutschland dabei. Das war die vielleicht schönste WM für mich. 2010 war das ähnlich. Aus beiden Turnieren wurde leider nicht sehr viel gemacht.

Hat 2017 eine große Bedeutung – mehr vielleicht als 2016 oder 2018?

Es ist immer etwas Besonderes, wenn eine WM im eigenen Land ist. Mittlerweile ist das ja alle sieben, acht Jahre der Fall. Von daher sollte man das Beste daraus machen. In der Vergangenheit haben wir guten Erfolg gehabt, das sollten wir weiterführen.

Was ist denn passiert seit 2010? Da rieb sich der deutsche Fan im Halbfinale gegen die Russen die Augen, so nah war man am Endspiel. Jetzt plagt man sich, Dänemark oder Österreich in Schach zu halten.

Schwer zu sagen. Ich war lange weg. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass die Anderen mehr Arbeit geleistet haben in den vergangenen zehn Jahren, jedenfalls mehr als wir.

Ich kann mich noch an einen Ihrer WM-Auftritte erinnern, wo Sie bei einer Pressekonferenz aus Übersee kamen und händeringend deutsche Wörter gesucht haben.

Ich muss selber manchmal lachen. Ich bin nun 18 Jahre lang in Amerika. Wir reden zwar daheim immer noch deutsch...

...bayerisch...

...beides. Wir sind international. Es ist nicht einfach. Alles, was mit Eishockey zusammenhängt, war für mich immer Englisch. Wenn man jahrelang dieselben Wörter hernimmt und braucht sie auf einmal auf deutsch, wird’s teilweise schwierig.

Wie organisieren Sie sich, um an Informationen zu kommen?

Ich bin alle vier bis sechs Wochen in Deutschland und ständig in Kontakt mit der DEL, Trainern, Managern und allem drumherum. Ich habe mich sehr stark für den Nachwuchs interessiert und war ja im Dezember bei der B-WM der U 20 dabei. Da habe ich gesehen, dass die Gegner teilweise besser waren als wir und wir vom Aufstieg nicht reden müssen. Es gibt viel zu tun und wir müssen mehr tun. Wir müssen von unten mehr anschieben.

Was muss ein Kind haben, um in Richtung Marco Sturm und seine 1000 NHL-Spiele zu kommen?

Das war eine Ausnahme. Ich bin mit dem Talent geboren. Vieles kann man nicht lernen. Ich hatte das Glück, war am richtigen Platz und beim EV Landshut gut aufgehoben. Da hatte ich gute Trainer mit 15, 16. Es war alles perfekt. Aber auch bei jemandem, der das Talent nicht so hat, weiß man nie.

Lesen Sie hier: Eishockey-Bund wagt mutigen Neuanfang

Es müssten doch ein paar kleine Sturms in Deutschland herumlaufen, oder?

Mit Sicherheit. Auch zu meiner Zeit waren zum Teil noch Bessere da – nur die waren irgendwann weg. Die muss man besser fördern und unterstützen. Mit Tobias Rieder oder Leon Draisaitl gibt es wieder ein paar Jungs. Das ist auch gut so, aber trotzdem braucht Deutschland noch mehr.

Sie waren schon früh in der NHL. In Deutschland ist es schwer, für einen 18-, 19-Jährigen den Sprung in die Oberliga zu schaffen. Da haben Sie als Rookie schon in der NHL entscheidende Tore geschossen. Solche Spieler haben wir in Deutschland nicht, oder?

Haben wir nicht. Aber wie gesagt: Ich war eine Ausnahme. Aber es ist eine andere Zeit und Stand der Dinge ist, dass die DEL ein schwieriger Platz der Ausbildung ist, sogar die DEL 2. Von daher ist Oberliga eine gute Liga für junge Spieler. Das A und O ist – und das war auch bei mir so – die Eiszeit.

Verfolgen Sie denn die Oberliga? Landshut spielt da jetzt ja auch.

Landshut immer, ist ja klar. Das ist meine Stadt. Jetzt verfolge ich es noch mehr, denn jetzt kenne ich die U-20- und U-18-Spieler. Ziel ist, dass sich die Jungs weiterentwickeln. Da verfolge ich, wie sie sich machen. Die Oberliga ist für die jungen Spieler momentan das Interessanteste.

Zurück zur WM: Was ist das Ziel bei ihrer ersten WM als Trainer?

Ziel ist in der Weltrangliste nach oben zu kommen. Wir sind jetzt Dreizehnter, und auch zurecht. Wir konzentrieren uns auf die WM in Russland. Das große Ziel ist die Olympia-Qualifikation im September in Lettland und dann die Heim-WM 2017.

Die WM ist quasi eine Vorbereitungs-WM, ohne sie abwerten zu wollen.

Auf der einen Seite absolut. Wir können frei aufspielen und können nicht absteigen. Auf der anderen Seite verfolgen wir ja das Ziel, uns in der Weltrangliste zu verbessern. Wir müssen mit Fokus und Disziplin reingehen, um vorbereitet zu sein für danach.

Sie machen ein paar Dinge anders: Statt Turnier im Februar ein Lehrgang, das Pepita-Hütchen von Bundestrainer-Legende Xaver Unsinn als Auszeichnung für Spieler: Sind das kleine Maßnahmen aus der langen Zeit in Amerika?

Auch. Das heißt nicht nur, dass das Spaß ist. Nach dem Camp kann ich sagen, dass uns das auch auf dem Eis weitergebracht hat. Dazu gehört auch ein gewisses Teambuilding. Ich habe leider nicht die Gelegenheit, dass wir uns jeden Monat treffen können. Beim Deutschland-Cup habe ich gesehen, dass die Mannschaft mit dem System, das ich spielen will, einige Probleme hatte – auch wenn sie es in Augsburg gut gemacht hat. Deswegen sind wir im Februar in die Details gegangen.

Hoffe Sie, dass mir Ihrer Person auch Absagewellen wie in der Vergangenheit nicht mehr vorkommen?

Deutschland braucht jeden Spieler. Wir können uns nicht leisten, dass wie bei der letzten WM 14, 15, 16 Spieler absagen. Wir spüren auch jeden Spieler. Bisher habe ich nur positives Feedback. Wir wollen bei der WM mit vollem Kader anreisen und bei der Olympia-Quali sind die NHL-Spieler auch dabei.

Vor zwei Jahren war kein Gedanke da, dass ich Bundestrainer werde. Aber so schnell geht’s. Ich halte mir alles offen.

Welchen Stellenwert haben die Schweden-Spiele am 17./18. April in Rosenheim und Landshut?

Jedes Spiel ist für uns wichtig. Man spielt nicht jeden Tag gegen Schweden. Das ist eine große Nation, wenn nicht die beste. Mein Wunsch war, Spiele in Bayern zu machen und den hat man mir erfüllt. In Rosenheim hat man ja wohl auch schon einen Batzen Karten verkauft. Ich hoffe auch auf viele Fans in Landshut. Mit etwas Glück könnte Tobi Rieder auch schon dabei sein.

Ist die Nationalmannschaft für Sie eine längerfristige Aufgabe?

Mein Vertrag läuft nur zwei Jahre bis zur Heim-WM. Dann sehen wir weiter. Vor zwei Jahren war kein Gedanke da, dass ich Bundestrainer werde. Aber so schnell geht’s. Ich halte mir alles offen. Erst einmal bin ich hochmotiviert und freue mich auf meine Aufgabe.

Alle Samstagsinterviews der MZ-Sportredaktion finden Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht