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Samstagsinterview
Samstag, 21. April 2018 28° 2

Eiskunstlauf

Die neue Aljona ist viel echter

Nur der Olympiasieg fehlt Aljona Savchenko noch: Mit 34 und Bruno Massot soll es im Februar klappen.
Von Claus-Dieter Wotruba

Beim Sieg im Grand-Prix-Finalen in Nagoya/Japan waren Aljona Sawtschenko und Bruno Massot ein Herz und eine Seele. Foto: Kyodo/dpa

Regensburg.Aljona Savchenko, Sie leben für Ihren großen sportlichen Traum?

Ich lebe immer für einen Traum.

Ist der Olympiasieg Ihr Antrieb?

Ich gehe inzwischen locker damit um. Ich kann nur meine beste Leistung bieten, ansonsten liegt vieles nicht an mir. Es wäre total schön, wenn es in Erfüllung geht.

Es ist nicht so leicht, nach so großen Erfolgen wie mit Robin Szolkowy mit einem neuen Partner auf dem Niveau anzuknüpfen.

Ich glaube an das, was ich mache. Der Glaube ist das Wichtigste. Wenn man sein Ziel verfolgt und alles dafür macht, klappt es auch – egal bei welcher Arbeit. Ich habe nie gezweifelt. Viele haben gesagt, ich bin verrückt oder das wird sowieso nichts. Aber ich muss daran glauben, weil ich es machen muss. Also ist mir egal, was andere sagen: Ich muss es schaffen.

Wie findet man so einen Nachfolger. Es gibt ja keine fünf Versuche.

Als ich entschieden habe, dass ich weitermachen will, habe ich geschaut, wer passen könnte. Man kennt sich in der Branche. Und ich weiß, was ich brauche, um den Erfolg zu haben, den ich möchte. Ich habe mich umgeschaut und einfach gefragt.

Gab es neben Bruno Massot viele Kandidaten?

Es gab ein paar, aber er war der Favorit – und es ist dabei geblieben.

Es steht zu lesen, dass die Aljona Savchenko von früher und die von heute verschieden sind. Was hat sich verändert, außer dass Sie mit einem neuen Partner laufen und verheiratet sind? Oder sind genau das die maßgeblichen Faktoren?

Ich glaube, das alles hat mich zum Guten geändert. Ich bin ein freundlicher Mensch und ich war im Nachhinein ein bisschen zurückhaltend und wie ein verschrecktes Hühnchen. Mein Partner, mein Mann, meine neuen Teamkollegen, mein neuer Trainer haben mir den Freiraum gegeben, den ich immer gebraucht habe.

Also ist die Aljona jetzt echter als früher, weil sie mehr die sein kann, die sie auch ist?

Richtig. Schade, dass das nicht eher gekommen ist. Aber besser spät als nie.

Fragen Sie sich manchmal, ob Sie so vielleicht schon Olympiasieger wären. Oder gar nicht all die Erfolge gehabt hätten?

Man denkt schon nach, aber das löscht man sofort: Wenn und aber – es ist aber nicht so. Es ist alles ein Teil von mir. Ich nehme es, wie es ist und wie es kommt.

Ist die Wahrnehmung von Eiskunstlauf besser als früher?

Nein, es ist schlechter geworden. Auch in den Medien. Es kommt kaum etwas im Fernsehen. Ich werde so viel angesprochen, dass Leute Eiskunstlauf schauen wollen, aber sie können nicht.

Ist das ein deutsches Phänomen? In Japan, USA, Kanada hat Eiskunstlauf einen anderen Stellenwert. In Russland sowieso.

In Deutschland wird alles in Fußball gesteckt. Ich habe nichts gegen Fußballer, aber muss man selbst welche zeigen, die nichts erreicht haben, wie sie Schuhe kaufen oder so? Ich werde angesprochen, warum das so ist, aber ich kann keine Antwort darauf geben. Ich würde mir mehr Anerkennung wünschen.

Aljona Sawtschenko hat zweimal Olympia-Bronze mit ihrem Ex-Partner Robin Szolkow gewonnen, zuletzt 2014 in Sotschi. Foto: Christian Charisius/dpa

Sie sind international: Sie kommen aus der Ukraine, Ihr Mann ist Engländer, Sie leben in Deutschland, der Partner ist Franzose.

Wir sind alle Menschen und wissen gar nicht, was genau in unserem Blut steckt. Wir haben alle die gleichen Bedürfnisse. Ich bin ein Mensch – egal, welche Nationalität ich habe. Ich liebe, was ich mache. Das ist es, was zählt. Für mich spielt keine Rolle, wo ich lebe. Es ist wichtig, was man im Leben macht.

Bei Ihnen sieht es aus, als wären die Schlittschuhe angewachsen. Ziehen Sie sie irgendwann aus?

Doch, schon. (lacht). Aber ich fühle mich wohl in meinen Schlittschuhen, wohler als in meinen normalen Schuhen. Manche können Schlittschuhe nicht lange tragen, ich kann es ohne Probleme stundenlang.

Es soll nicht unfreundlich sein: Sie werden 34 und versprühen immer noch diesen Antrieb.

Ich habe noch mehr Lust als früher. Ich genieße mehr, schätze mehr, fühle mehr, was ich mache.

Ein Ende ist also nicht in Sicht?

Es ist ein cooles Gefühl. Ich finde es schade, dass viele Kinder so früh aufhören. Die wissen nicht, wo die Grenze ist.

Im Eiskunstlauf ist man ja mit 20 fast zu alt. Wie im Turnen.

Das muss nicht sein. Manche denken so, aber es gab vor 20 Jahren viele 20+-Läufer. Wenn man zum Biathlon oder Eisschnelllauf schaut, da bringen auch Sportler ihre Leistungen mit 40. Ich sehe keine Grenze. Solange man passend aussieht und nicht schwerer, unflexibler und lustloser wird.

Aber ein Schaulaufen wie die Charivari-Gala zuletzt in Regensburg ist ein Unterschied?

Nein, das ist auch wichtig. Es ist anders, weil man nicht das zeigt, was man im Wettkampf zeigt. Da spielt vieles eine Rolle: Die Eisfläche ist kleiner, das Licht ist dunkler. Da können wir manches nicht machen. Künstlerische Sachen können wir dafür mehr machen, weil alles erlaubt ist.

Japan, der Sieg im Grand-Prix-Finale in Nagoya Anfang Dezember, war etwas Besonderes.

Die Menschen da schätzen, was wir machen. Es gibt nichts Schöneres als Belohnung. Aber es geht noch besser.

Hören Sie denn privat Musik?

Zuhause brauche ich eher Ruhe als Musik. Und ich brauche Abwechslung. Ich klebe gerne Steine ans Kostüm oder so etwas. Aber ich habe nicht viel Zeit. Zwei Stunden Mittagspause, den Rest des Tages trainieren wir. Am Wochenende mache ich was mit meinem Mann zur Entspannung: entweder in die Therme oder in den Bergen spazieren gehen. Mein Hobby ist meine Arbeit.

Geht es Ihnen auch immer darum, noch mehr aus sich herauszuholen – trotz aller Titel und Punkte?

Ja, man ist nie perfekt. Wenn man etwas geschafft hat, will man noch mehr schaffen.

Was wollen Sie noch schaffen?

Ich will das schaffen, zeigen, was ich kann. Einfach nur das Beste geben. Vielleicht eine neue Geschichte schreiben.

Sie haben genug geschrieben.

Aber noch eine andere.

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