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Interview

„Eislaufen ist eine Leidenschaft“

Große Sprünge: Mama Marold und Tochter Ann-Christin sind nach sieben Jahren Regensburg viel weiter als einst erträumt.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

  • Die Regensburgerin Ann-Christin Marold gilt als eines der größten deutschen Eiskunstlauf-Talente. Irgendwann muss sie wohl weg von daheim und auch vom EC Regensburg. Foto: Brüssel
  • „Ann-Christin schwört auf den Trainer“: Ferdinand Dedovich, der sie mit Nicole Brünner betreut, blödelt gerne auch mal. Foto: Brüssel

Regensburg.Wenn Du wie am 29. Dezember in der Donau-Arena bei der Charivari-Eis-Gala vor vollen Rängen läufst, ist das etwas Besonderes. Bei normalen Wettkämpfen bestimmen eher Mamas und Papas das Publikum. Wirst Du nervöser sein als sonst?

Ann-Christian Marold: Es ist etwas Besonderes. Sonst ist vieles gleich: Es ist zuhause, ich bin das Eis gewöhnt. Nur vor sovielen Leuten zu laufen, ist etwas Anderes.

Frau Marold, Sie kommen aus Waldkirchen. Ihr seid viel auf der Autobahn.

Astrid Marold: Ja, das ist unser zweites Zuhause.

Wie oft wird gefahren?

Astrid Marold: Montag rauf runter, Mittwoch rauf runter, Freitag rauf und erst Sonntag runter. Da ist man bei neun Stunden – das ist ein ganzer Arbeitstag nur im Auto!

Wie viele Kilometer sind Sie inzwischen gefahren, schon mal zusammengerechnet?

Astrid Marold: O Gott, nein. Wir haben 300 Kilometer pro Fahrt (rechnet, zu ihrer Tochter) – mit sechs bist du hergekommen, jetzt bist du 13 – seit sieben Jahren fahren wir dreimal die Woche von August bis Ende März.

Schöne Rechenaufgabe (wir kamen auf 201 600 Kilometer!!!). Wie ging’s los?

Astrid Marold: Magst du erzählen (Ann-Christin: Du). Okay. Von uns kommt niemand aus dem Eiskunstlauf, auch nicht in der näheren Verwandtschaft.

Wie kommt man dann drauf? Jetzt erzähl doch du, Ann-Christin.

Ann-Christin Marold: Mama hat einen Zeitungsbericht gefunden, wo man bei einem Kindergartenkurs in Waldkirchen teilnehmen konnte. Da wollte ich hingehen, es hat sehr viel Spaß gemacht. So hat das angefangen.

Wie kommt man dann nach Regensburg?

Astrid Marold: Ich wollte, dass meine Kinder viele Bewegungserfahrungen sammeln, früh alles Mögliche lernen: Schwimmen, Radlfahren, Skifahren, auch Eislaufen. Für mich war das nach beendet, weil sie vorwärts und rückwärtsfahren konnte.

Na ja, nicht ganz beendet.

Astrid Marold: Sie wollte unbedingt wieder dahin gehen. Ihre Trainerin damals hat gesagt, sie hätte viel Talent. Jemand hat gesagt, wir müssten zum EC Regensburg fahren, die könnten das Talent beurteilen. Uns wurde gesagt, dass der ECR im Eislaufen wie der FC Bayern im Fußball wäre. Dann haben wir Frau Brünner (mit ihrem Mann Ferdinand Dedovich ECR-Trainerin) angeschrieben, ob Ann-Christin zum Probetraining kommen könnte. Es wurde eine Woche und sie wurde genommen.

Was fasziniert am Eiskunstlauf?

Ann-Christin Marold: Für mich sind die Sprünge das Beste. Da gibt’s Höhen und Tiefen. Und wenn man was schafft, freut man sich, weil man wieder Neues gelernt hat.

Aber Eiskunstlauf bedeutet viel Aufwand mit 10, 11 oder 12. Ist fünfmal Training in der Woche mit der Schule kombinierbar?

Astrid Marold: Sagen wir so: Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Sie ist jetzt in der achten Klasse im Gymnasium. Dienstag ist Nachmittagsunterricht. Ihr bleibt also genau ein freier Nachmittag am Donnerstag. Wir fahren nach der Schule los und kommen um halb neun heim. Sie ist gut in der Schule. Bis dato verkraften wir das gut.

Wo geht es hin? Gibt’s Wünsche, Ziele?

Ann-Christin Marold: Momentan möchte ich nirgends anders hin und in Regensburg bleiben – auch wegen dem Trainer. Und ich bin auch noch nicht soweit, dass ich von Mama und Papa weggehen könnte.

Astrid Marold: Das ist eine Gratwanderung. Solange sie nicht mag, wird nichts passieren. In Deutschland gibt es nicht viele Alternativen. Das Internat in Oberstdorf wäre das Einzige. Aber sie schwört auf den Trainer hier, also bräuchten wir eine Alternative. Momentan haben wir vor, noch zwei Jahre in Regensburg alles mitzunehmen, was mitzunehmen ist: Trainingslager, mit russischen Trainern oder in Kanada bei Brian Orser für vier, sechs Wochen. Dann müsste ein „Ich will, ich gehe“ kommen.

Träumst du von Olympia oder Weltmeisterschaften?

Ann-Christin Marold: (lacht verschämt) Ich würde schon mal gerne an solch großen Wettbewerben teilnehmen – und vielleicht auch gar nicht so schlecht abschneiden.

Eiskunstlauf-Mamas sagt man ja oft mehr Ehrgeiz wie ihren Kindern nach und dass es zugeht neben dem Eis. Stimmt das?

Astrid Marold: Ich bin keine typische Eiskunstlauf-Mama, weil ich noch nicht mit dem Sport was zu tun gehabt habe. Die meisten, die in dem Sport unterwegs sind, sind Russen, auch in Deutschland. Bei einem Wettkampf sind 90 Prozent Russen, die allerwenigsten sind Deutsche. Darauf sind wir stolz, dass wir aus dem tiefsten Niederbayern da mittendrin sind.

Niederbayern sind stur. Oberpfälzer auch. Bist Du stur, wenn du dir etwas in den Kopf gesetzt hast?

Ann-Christin Marold: Schon. Ein gewisser Ehrgeiz gehört dazu.

Gibt’s etwas was nervt im Eiskunstlauf?

Ann-Christin Marold: Die Punktebewertung. Da geht’s ab und zu nicht wirklich fair zu.

Wie reagierst Du, wenn du dich ungerecht behandelt fühlst?

Ann-Christin Marold: Wenn ich meine, dass ich etwas Gutes gemacht habe, bin ich traurig und auch ein bisschen wütend auf die Preisrichter. Aber dann schaue ich nach vorne auf den nächsten Tag und mach’s besser.

Manchmal wirkt es fast künstlich, selbst nach einem Sturz ein Lächeln auf den Lippen haben. Schwierig, oder?

Astrid Marold: Das kann sie noch nicht. Auch bei der Bewertung auf der Couch sieht man ihr die Enttäuschung sofort an, auch von sich selbst. Sie kann noch nicht schauspielern. Das muss sie noch lernen.

Es kommt eine wichtige Phase, auch in der Entwicklung. Vielleicht sagst du in zwei Jahren: „Eiskunstlaufen ist blöd.“

Ann-Christin Marold (schüttelt vehement den Kopf).

Sicher nicht?

Ann-Christin Marold: Sicher nicht. Manche denken, es ist Sport, aber es ist eine Leidenschaft. Es macht mir Spaß und wird mir immer Spaß machen – egal, was dazwischenkommt.

Hätten Sie das als Familie mal gedacht, dass es so extrem wird?

Astrid Marold: Nie. Der größte Traum, den wir hatten, war, war, dass sie mal auf bayerische Meisterschaften fahren darf. Wenn uns jemand gesagt hätte, dass sie mit 13 zweifache deutsche Meisterin ist und in die Junioren wechselt, dass sie bis auf den Flip alle Sprünge dreifach springt, hätten wir gesagt, von was träumst du nachts.

Gibt’s einen Wettbewerb, der der coolste war, den du bisher gemacht hast.

Ann-Christin Marold: (überlegt kurz) Meine ersten deutschen Meisterschaften. Da bin ich früh in der Gruppe meine Kür gelaufen und eine Konkurrentin, die auch gut war und noch ist, ist hingefallen. Ich habe mit Frau Brünner an der Bande zugeschaut und wir haben gewusst, dass ich deutsche Meisterin bin.

Ann-Christin strahlt bei jeder Antwort.

Astrid Marold: Eislaufen ist etwas, was sie liebt. Schon die Lehrerinnen haben gesagt: Nein, da pushen nicht die Eltern, das ist die Ann-Christin. Der erste Tag, an dem sie sagen würde, es ist gut, wäre es gut. Für mich ist das eine Megabelastung mit der Fahrerei, vom Geld mag ich gar nicht reden.

Das ganze Leben richtet sich danach. Ist es Ihnen manchmal zuviel?

Astrid Marold: Schon. Wenn jemand mal einen Monat das Leben tauschen würde, würde er wissen, dass das nicht von mir ausgeht. Das macht niemand freiwillig. Niemals. Aber sie strahlt. Das ist ihr Sport.

Gab’s nie eine sportliche Alternative?

Astrid Marold: Doch, es gab eine. Skispringen. Bei uns ist der WSV Rastbüchl, wo der Uhrmann her ist und Severin Freund. Da war Margit Uhrmann von der Schule aus bei einem Ausflug in der Grundschule in Bayern. Da war sie dabei und die waren immer an ihr dran. Springen kann sie ja.

Wieder Springen.

Astrid Marold: Ja, klar, das Persönchen ist zierlich, auch da geeignet. Die hätten ihr den Hof gekehrt. Aber Ann-Christin wollte lieber Eislaufen.

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