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Skispringen

Freund sucht sein altes Sprunggefühl

Im MZ-Interview spricht der deutsche Skisprung-Star über seine Operation und die Perspektiven für die kommende Saison.
von Daniel Geradtz, MZ

Will „von Woche zu Woche schauen und nicht fünf Schritte auf einmal machen“: Severin Freund
Will „von Woche zu Woche schauen und nicht fünf Schritte auf einmal machen“: Severin Freund Fotos: dpa

Herr Freund, nach der Weltcupsaison haben Sie sich einer Hüftoperation unterziehen müssen. Als Folge eines Sturzes bei der Vierschanzentournee musste die Hüftgelenkslippe genäht und mit Knochenankern fixiert werden. Wie fühlen Sie sich derzeit?

Im Sommer hatte ich einige Zeit Schmerzen, aber inzwischen geht es mir ziemlich gut. Es hat lange gedauert, bis ich bei meinem linken Oberschenkel 100 Prozent der Leistungsfähigkeit erreicht habe. Die Dynamik und die Beweglichkeit waren eingeschränkt. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich im Sprung nichts mehr davon merke.

Wie ist die Genesung verlaufen?

Sie verlief schneller als geplant. Mein Chirurg war ein bisschen geschockt, als ich zum ersten Mal bei ihm war: Für ihn war der Skisprung eine ganz neue Materie, weil er mehr im Thema Fußball oder Eishockey drin ist. Da ist die Beweglichkeit nicht ganz so stark vonnöten. Bei uns ist die grundsätzliche Beweglichkeit zusammen mit einer schnellkräftigen Bewegung gefragt. Aber die Beweglichkeit war schnell wieder da. Wenn man eine Zeitachse gemacht hätte, wäre ich eher am oberen Rand oder darüber hinaus gewesen als das, was der normale Zeitraum ist.

Wie hat die Therapie ausgesehen?

Es kam erst einmal das Aufbautraining. Am Anfang habe ich meinen linken Oberschenkel nicht so wirklich wiedererkannt. Als ich dann mal angefangen habe, ein bisschen Krafttraining zu machen, habe ich relativ schnell wieder Volumen aufbauen können.

Im Sommer hatte ich einige Zeit Schmerzen, aber inzwischen geht es mir ziemlich gut.

Sie konnten erst verspätet ins Training einsteigen. Half das, um die Batterien wieder richtig aufladen zu können?

Also in dem Fall hatte es auch gute Seiten, dass es ein bisschen länger gedauert hat. Natürlich willst du wieder springen. Aber man muss dazu sagen, dass die Verletzung schon länger über den Winter bestand. Wenn ich nach der Operation direkt wieder hätte springen sollen, wäre es sicherlich problematischer gewesen, weil sich das Gefühl mit der Zeit verändert. Du kennst deine Art zu springen, willst es umsetzen, aber irgendetwas hemmt dich. Dann musst du dich umstellen. Dass die Zeit dann ins Land geht und sich das Gefühl ein bisschen normalisiert, ist dann vielleicht gar nicht das Blödeste. Natürlich musst du mehr investieren, damit du dich wieder erholst und auffrischst, dann wieder so handlungsfähig wirst und damit du alles spürst, wie du es spüren willst.

Kann man die Rückschritte im Laufe einer Saison gutmachen?

Das wäre der falsche Ansatz. Wenn man Ende August zu springen anfängt und man will innerhalb von eineinhalb Monaten alles aufholen, ist das Unsinn. Ich bin mit den Sommer Grand Prix sehr zufrieden. Ich weiß, dass die Sprünge nicht wahnsinnig genial waren. Aber die Ergebnisse (Freund wurde bei seinen beiden Teilnahmen in Hinzenbach und Klingentahl Elfter und Zwölfter/d. Red.) sind besser, als ich mir gedacht habe – und das ist eine sehr schöne Situation. Wenn man weiß, wie es sich anfühlt, wenn man richtig in Form ist, ist es am Anfang ein bisschen schwierig, mit weniger zufrieden zu sein. Ich weiß relativ klar, an was ich noch arbeiten muss und werde mein Bestes geben. Wenn es so ist, dass die ersten Wettkämpfe noch nicht grandios laufen, muss ich mir einfach die Zeit nehmen. Ich weiß, dass es in Einzelsprüngen schon richtig gut funktioniert hat, aber es fehlen vier Monate Training. Es kann schnell gehen, das aufzuholen, aber manchmal kann es auch ein bisschen länger dauern.

Was bedeutet das für die Herangehensweise im Saisonverlauf?

Ich kann ein bisschen entspannter in den Winter reingehen, da der Fokus sowieso nicht auf dem Beginn liegen kann. Aber wir haben ja das Glück, dass die Saison ziemlich lang ist. Es warten im neuen Jahr noch spannende Aufgaben, gerade mit der Weltmeisterschaft in Lahti auf einer Schanze, die mir eigentlich ganz gut liegt und die ich sehr gerne mag. Vor allem die große. Bis dahin ist noch ein bisschen Zeit, und da gilt es einfach zu gucken, dass man in einer guten Form ist und sieht, was kommt.

Dadurch, dass ich am Anfang relativ viel Zeit in die Reha und den Gerüstaufbau investiert habe, kann man nicht sagen, dass ich auf demselben Stand bin wie die anderen.

Das heißt, der Formaufbau zielt schon eher auf die Großereignisse später im Winter ab?

Vom Aufbau gibt es einfach ein Tempo, das so eine Operation vorgibt. Dadurch, dass ich am Anfang relativ viel Zeit in die Reha und den Gerüstaufbau investiert habe, kann man nicht sagen, dass ich auf demselben Stand bin wie die anderen. Daher ergibt es sich von selbst, dass man nicht das Ziel hat, beim ersten Weltcup ganz oben stehen zu wollen. Bei uns muss man ohnehin immer von Woche zu Woche schauen, gucken, wie es sich entwickelt. Ich muss damit leben können, was passiert, und nicht das Gefühl haben, ich muss fünf Schritte auf einmal machen, weil ich später dran bin als andere. Dann werden die Schritte nur unstabiler.

Fragen Sie sich dann auch, was ohne diesen Sturz in Innsbruck passiert wäre, der schon im Januar der Auslöser für die Schmerzen war? Zum einen, was die Pause angeht, aber auch was den Verlauf der Restsaison angegangen wäre? Oder ist das hypothetisch?

Ohne den Sturz wäre es schöner für mich gewesen, weil ich mir vieles erspart hätte. Auf der anderen Seite ist der Sport einfach so. Es ist kein Kindergeburtstag und kein Wunschkonzert. Manchmal passieren einfach blöde Dinge. Ich bin eher der Mensch, der vom Ist ausgeht. Das hat mir in der Vergangenheit geholfen, damit ich nicht so in den Träumen geschwelgt habe. Das sollte ich auch für die Zukunft beibehalten. Eine Verletzung ist im ersten Moment sicher immer blöd, aber auf der anderen Seite war es auch eine Erleichterung, als die Diagnose da war und ich wusste, was zu tun war. Es ist besser als zu merken, dass es nicht zu 100 Prozent funktioniert, aber man den Auslöser nicht kennt. Gerade in unserem Sport hängt extrem viel vom Gefühl ab. Wenn du dann merkst, irgendwas hemmt dich, du aber nichts genau weißt, wird es extrem schwierig.

Sie haben die Tournee als Zweiter abgeschlossen. Mit Peter Prevc war aber ein Springer besser. Gibt es etwas, das Sie von ihm lernen oder das Sie sich abschauen können?

Das ist bei uns generell schwierig. Ich glaube, er hat einfach die Saison extrem gut genutzt, und es war keiner in der Lage, ihm wirklich Paroli zu bieten und ihn richtig zu fordern. Daher kommt es darauf an, dass man in den entscheidenden Momenten besser gegenhalten kann. Aber es war halt wie bei mir in Innsbruck eine blöde Situation, um zurückschlagen zu können. Eigentlich war der Wettkampf für mich sensationell. Aber mit einem Sturz im Probedurchgang gehst du bei Neuschnee nicht das letzte Risiko und setzt bei einem weiten Sprung keinen Telemark. Das sind lauter so Kleinigkeiten, die dazu beigetragen haben, dass er immer stärker und der Abstand zum Rest immer größer geworden ist. Das macht dann im Kopf sicher viel aus. Er war in einer Lage, in der er das Gefühl hatte, nicht an sein Limit gehen zu müssen, um zu gewinnen.

Im Sommer war zu sehen, dass die polnische Mannschaft sehr stark war. Wie bewerten Sie das Kräfteverhältnis, denn die Anforderungen sind im Winter ja durchaus andere?

Es ist nicht davon auszugehen, dass sie mit ihrer Leistung komplett einbrechen. Sie haben im letzten Jahr wirklich eine ziemlich deprimierende Wintersaison erlebt, was nicht ihr Anspruch sein kann und nicht ihrem Leistungsniveau entspricht. Wenn man sich in so ein Loch springt, wird es unter der Saison schwierig, dort wieder rauszukommen. Mit Stefan Horngacher haben sie jetzt einen Trainer von uns. Es macht sicher etwas aus, wenn ein Neuer kommt, der neue Ansätze verfolgt. Auf der anderen Seite glaube ich nicht, dass es ihm möglich ist, die Polen innerhalb von einem Sommer zur komplett dominanten Nation zu machen. Dazu ist Skispringen doch auch zu vorhersehbar. Ich glaube und ich hoffe, dass sie auf jeden Fall eine bessere Saison springen – und gerade Kamil Stoch hat schon gezeigt, dass er wieder ganz vorne steht.

Das deutsche Team hat aber nicht nur einen Trainer verloren, sondern mit dem Norweger Roar Ljökelsöy auch einen gewonnen. In seiner aktiven Zeit war das Skifliegen seine Stärke, in dieser Disziplin wurde er mehrfach Weltmeister. Was ändert das?

Er verfolgt eine eine andere Art des Skipringens, kommt noch aus einer anderen Zeit. Als Athlet war er sehr, sehr erfolgreich. Und gerade Sachen wie das Skifliegen hat er einfach noch in sich. Soweit ich ihn erlebt habe, ist er an der Schanze ein sehr ruhiger Trainer. Er hat ein ziemlich gutes Auge, wichtige Dinge zu sehen und ist sehr souverän und klar. So jemanden im Team zu haben, ist immer wertvoll. Gerade wenn es im Winter eng und hektisch wird. Da sind die Leute, die Ruhepole sind im Team und immer sehr wertvoll für alle.

Hier geht es zu den Samstagsinterviews der MZ-Sportredaktion:

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