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Interview

Hannawald ist jetzt ein Stressexperte

Die Legende im Skisprung kennt sich mit Hochs und Tiefs aus. Sven Hannawald spricht mit der MZ über Depression und Burnout.
Von Claus-Dieter Wotruba

Hannwald, der Familienmensch: Der Skispringer kam zur Wiesn 2017 mit seiner Frau Melissa und dem gemeinsamen Sohn Len. Foto: Ursula Düren/dpa
Hannwald, der Familienmensch: Der Skispringer kam zur Wiesn 2017 mit seiner Frau Melissa und dem gemeinsamen Sohn Len. Foto: Ursula Düren/dpa

Herr Hannawald, in Weiden steht keine Skischanze: Sie spielen dort am 3. Juni Fußball im „Team Bananenflanke und friends“ gegen die tschechischen Vize-Europameister von 1996. Warum das?

Der Winter ist ausgefüllt mit meiner Experten-Tätigkeit für Eurosport, der Sommer mit Vorträgen, Seminaren und Workshops zum Thema „4Gewinnt – Erfolg in Balance“ auch. Aber Fußball geht immer. Mittwochs ist Training, am Freitag oder Montag ein Spiel. Das nutze ich auch, weil ich meinen Ehrgeiz habe und mich auf solche Spiele mit ehemaligen Fußballern freue, da ich während dessen viel lernen kann.

Zu Ihrer Sportart: Wie hat sich denn Skispringen entwickelt, seit Sie aufgehört haben?

Es hat sich entwickelt wie nach Jens Weißflog oder von Martin Schmitt und mir. Es gab leider nach uns ein Leistungsloch. Werner Schuster konnte das flicken. Mittlerweile ist es so, dass wir junge Springer im Hintergrund haben, die sich entwickeln, und auf der anderen Seite aktuell mit Wellinger, Freitag und Eisenbichler auch Leute haben, die die Kohlen aus dem Feuer holen. Was sich geändert hat, ist die Aufmerksamkeit. Das hat nichts mit den Jungs zu tun und hängt am TV-Senderkonzept. Das wird wohl nie mehr den Stellenwert haben wie bei uns früher mit RTL.

War das übertrieben?

Nein, das hat Spaß gemacht. Du lässt da so viel private Zeit, dass du es genießt, im Mittelpunkt zu stehen, weil du so viel zurückkriegst.

„Mehr machen geht nur, wenn man die Pausen streicht. Das war für mich im Nachhinein das Ende“

Sven Hannawald, Skispringer

Andererseits hat sich herausgestellt, dass es Ihnen zu viel war. Sie geben von diesen Erfahrungen ja heute auch etwas weiter.

Es war zu viel von mir aus. Das ist das Thema. Nicht alle, die oben schwimmen, haben dieses Problem. Manche gehen damit anders um. Dadurch, dass ich perfektionistisch zerfressen bin, ist klar, dass ich es so lange wie möglich halten möchte und mir einrede, dass ich noch mehr tun muss, um vorne zu bleiben. Mehr machen geht nur, wenn man die Pausen streicht. Das war für mich im Nachhinein das Ende.

Irgendwann geht mehr aber nicht.

Da kann von außen niemand etwas dafür. Es gibt eine gewisse Arbeitszeit, die eingehalten werden sollte. Die restliche Zeit braucht der Körper, um Energie aufzuladen. Das ist wie ein Telefon: Beim Akku wundern wir uns auch nicht, dass wir es laden müssen. Die Menschen gehen aber davon aus, dass es dennoch weitergeht. Das Fehldenken hatte ich damals auch. Da konnte man die Uhr stellen, dass es explodiert. Jetzt weiß ich’s und das gebe ich weiter.

Überflieger unter sich: Sven Hannawald herzt Kamil Stoch. Foto: Daniel Karmann/dpa
Überflieger unter sich: Sven Hannawald herzt Kamil Stoch. Foto: Daniel Karmann/dpa

Sie sind kein Perfektionist mehr?

Vom Typ her habe ich gelernt, dass ich nicht zu mir sagen kann, jetzt mache ich es halb. Ich mache es ganz oder gar nicht. Was wichtig war zu lernen, dass ich dem Körper Pausen gebe. Wenn ich jetzt viel zu viele Termine habe und es zu stressig ist, dann gebe ich die Ruhe später. Das ist der Unterschied zu damals. Auch das gebe ich in meinen Veranstaltungen weiter.

Wie lange dauerte Ihr Prozess der Einsicht?

Zu der Zeit war Burnout oder Depressionen oder stressbedingte körperliche Dinge noch keins. Wenn’s einem schlecht ging, lag das am Blutbild oder man hatte Pfeiffersches Drüsenfieber oder irgendetwas anderes Organisches. Das Psychische gab es nicht. Ich habe mich schon gewundert, warum ich nach einer Woche Ruhe nicht fit bin. Das habe ich über eineinhalb, zwei Jahre geschleppt. Ich hatte alle Kategorien von Ärzten abgegrast, jeder sagte, es ist alles in Ordnung. Der letzte Arztbesuch war der wichtigste, der beim Psychosomatiker. Der hat mir nach einer halben Stunde gesagt, dass ich Burnout habe. Deswegen gebe ich heute oft den Rat, wenn man sich unwohl fühlt, als Erstes zu einem Psychosomatiker zu gehen und klären zu lassen, ob stressbedingt etwas ist oder mental was arbeitet.

„Ich versuche, die Leute zu sensibilisieren, dass sie zu ihren Wurzeln zurückkommen“

Sven Hannawald, Skispringer

Gilt das nur für Sportler?

Auch die Aufgaben für die normale Bevölkerung sind so gestiegen, dass der einzige Unterschied zu uns Sportlern ist, dass wir gelernt haben, auf unseren Körper zu hören. Deswegen können viele Leute im normalen Leben nicht mehr, nehmen Tabletten, trinken Alkohol oder acht Liter Kaffee am Tag und machen was weiß ich was, weil sie es nicht schaffen. Weil sie das Bewusstsein verloren haben, was gut und schlecht für sie ist, was zu viel ist, was sein muss und was nicht. Ich versuche, die Leute zu sensibilisieren, dass sie zu ihren Wurzeln zurückkommen.

Kam das Gefühl irgendwann, wenn ich das alles eher gewusst hätte, hätte ich länger springen können?

Das kommt mit ganz, ganz langem Abstand. Für mich waren das erstmal die Prozesse, mich vom aktiven Springen verabschieden zu müssen, weil ich in die Klinik gegangen bin und dachte, ich gehe da kurz rein und dann kann ich endlich wieder befreit aufspringen. So war das aber nicht, weil ich gemerkt habe, dass es jedes Mal, wenn es vom Kopf her wieder Richtung Skispringen ging, der Körper wieder die negativen Signale gesendet hat. Ich kam an einen Punkt, wo ich gesagt habe: Ich muss leider meinem Kopf beibringen, dass der Körper nicht mehr möchte. Das war das Schwerste, weil es ja meine Leidenschaft war, die mich verbrannt hat.

Und danach?

Schwierig war es auch wegen der beruflichen Konstante. Mich interessiert heute Skispringen auch wieder unheimlich und ich freue mich, dass ich mit Eurosport dabei sein kann. Aber vom Springer zum Experten direkt ging nicht: Ich hatte unheimlich zu kämpfen, sobald es in die Nähe einer Schanze ging, sobald mich ein Journalist irgendetwas zum Skispringen fragt. Ich habe Zeit und Abstand gebraucht. Mittlerweile freue ich mich wieder. Ich genieße es, den heutigen Jungs zuzuschauen. Das weckt Erinnerungen, wie es damals bei mir war.

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Glauben Sie, dass die Themen Burnout und Depression so richtig angekommen sind?

Es ändert sich bei den Leuten etwas, die es betrifft. Leute, die es nicht betrifft, können es nicht nachvollziehen. Die wissen, was ein blauer Fleck und ein Muskelkater ist oder was es bedeutet, mal überarbeitet zu sein. Aber die wissen nicht, wie es ist, wenn sich das Thema dauerhaft im Körper befindet. Wenn ich auf meinen Veranstaltungen bin und darüber spreche, sagen die, die es nicht betrifft: „Oh, beeindruckend.“ Und die, die es betrifft, wissen genau, wovon ich rede, und sie wissen genau, an welchem Punkt sie sind.

Also passt der Umgang?

Die Betroffenen haben mehr Rückhalt und mehr Kraft, zum Chef oder Fußballverein zu gehen und zu sagen, da zwickt‘s. Wenn jetzt einer kommt und sagt, ich fühle mich nicht gut, haben alle einen Enke im Hinterkopf – ob man sich auskennt oder nicht. Und das übrigens auch im „Männersport“ Fußball.

Zur Person: Sven Hannawald

  • Die Karriere:

    Der heute 43-Jährige gewann 18 Weltcup-Wettbewerbe im Skispringen und war zweimal Zweiter im Gesamt-Weltcup. Bei Olympia gewann er 1998 in Nagano und 2002 in Salt Lake City Silber und Gold im Team, dazu 2002 Silber im Einzel von der Normalschanze. Bei der Skiflug-WM gewann er zwischen 1998 und 2002 zweimal Gold und einmal Silber.

  • Der Höhepunkt:

    2002 gewann Hannawald als erster Aktiver alle vier Springen der Vierschanzentournee in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen. Ein Kunststück, das erst der Pole Kamil Stoch in diesem Winter wiederholte.

  • Privates:

    Hannawald ist verheiratet mit Fußballerin Melissa Thiem und hat mit ihr einen 15-monatigen Sohn sowie einen weiteren Sohn aus einer früheren Beziehung.

Zurück zum Skispringen: Es gibt immer Ausnahmefiguren wie einen Kamil Stoch.

Ja, da kommt immer das Innere, das Eigene. Er arbeitet wie andere auch, hat aber das perfekte Umfeld, wo alles zusammenpasst, und haut Sprünge raus, wo jeder sagt: „Wow!“ Das ist gut, weil man den Unterschied sieht. Die Guten sind gut, aber es gibt Bessere: Mit einem gewissen Talent, einem gewissen Biss, einem gewissen Gefühl mehr, was einem die bessere Richtung anzeigt. Es braucht die Mischung, die alles aufblühen lässt, wie Kamil es erleben durfte.

Ein Ausnahmetalent hat immer einen Vorteil.

Nach Kamil wird‘s wieder welche geben. Auch im Fußball gibt es einen Messi oder Ronaldo, die sich abheben – immer noch. Da ist immer etwas, was sich keiner kaufen kann. Nur wenn solche Leute abheben, hat man die Chance, „als Normalo“ vorbeizukommen, weil sie Fehler machen und nicht konzentriert sind. Aber wenn sie bei sich bleiben und das tun, was sie lieben, werden andere nicht vorbeikommen. Das ist so eine Gabe, die du haben musst – oder du hast sie eben nicht.

Nachgehakt und nachgefragt: Jeden Samstag fühlt die Sport-Redaktion der Mittelbayerischen Zeitung einem Interviewpartner auf den Zahn. Hier lesen Sie alle Serienteile.

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