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Ingolstadt: Neue Kräfte, geheimes Ziel

Im Interview spricht Ingolstadts Coach Stefan Leitl über den Umbruch beim FCI, den SSV Jahn und einen unerfüllten Traum.
von Felix Kronawitter

Ist immer emotional mit dabei: Stefan Leitl Foto: Armin Weigel/dpa
Ist immer emotional mit dabei: Stefan Leitl Foto: Armin Weigel/dpa

Ingolstadt.Herr Leitl, in einer Umfrage haben Sie Hamburg und Köln, wie viele Ihrer Trainerkollegen, als die großen Aufstiegsfavoriten genannt. Wer wird sonst noch vorne mitmischen?

Wenn alles normal läuft, wenn Köln und der HSV ihr Potenzial auf den Platz bringen, dann werden die beiden bei 70 bis 80 Punkten landen. Auch andere Vereine wie Bochum oder Union Berlin muss man auf dem Zettel haben. Dahinter wird es ein breites Mittelfeld geben. Ich glaube aber nicht, dass erneut so viele Mannschaften sowohl in den Aufstiegs- als auch in den Abstiegskampf verwickelt sein werden. Du musst als Team gut funktionieren – und dann ist in dieser Liga vieles möglich.

Was ist für den FC Ingolstadt nach dem enttäuschenden neunten Platz in der vergangenen Saison möglich?

Die beiden Jahre in der Bundesliga haben eine Erwartungshaltung von außen gebracht, die ich so nicht ganz nachvollziehen kann. Jetzt zu sagen, wir sind Dauergast in der Bundesliga oder wir müssen da immer hin, diesen Gedanken kann ich nicht teilen. Und das machen wir im Verein auch nicht. Unser Ziel sollte sein, zu den Top 25 Mannschaften im deutschen Profifußball zu gehören. Unser Trainerteam gibt kein Ziel vor. Die Mannschaft hat sich selbst ein Saisonziel erarbeitet. Die Zielsetzung unseres Teams bleibt aber in der Kabine.

„Unser Ziel sollte sein, zu den Top 25 Mannschaften im deutschen Profifußball zu gehören.“

Nach dem Abstieg aus der Bundesliga ging es vergangene Saison recht turbulent zu in Ingolstadt. Zwei Spieler streikten, nach drei Niederlagen zum Auftakt übernahmen Sie als Coach für Maik Walpurgis.

Die Situation war einfach nicht gut. Das sind Dinge, die schleppst du mit. Es war von Beginn an so viel Unruhe da. Dieses Jahr haben wir keine Unruhe. Es ist kein Spieler zu mir ins Büro gekommen und hat gesagt: Ich möchte unbedingt weg.

Acht Spieler sind weg, dafür haben Sie sieben Neue (Anm. d. Red. darunter der Ex-Regensburger Benedikt Gimber) geholt. Der Umbruch war notwendig, oder?

Der Kader der vergangenen Saison war definitiv stark, aber für die Art, mit der wir Fußball spielen möchten, nicht ganz so prädestiniert. Darauf haben wir reagiert. Nach der Saison war klar, wir brauchen eine Veränderung. Wir brauchen frisches Blut. Wir wollten mehr Dynamik, wir wollten flexibler sein, wir wollten jünger werden. Zusammen mit Darmstadt hatten wir in der vergangenen Saison im Schnitt die älteste Mannschaft. Wir wollten eigentlich schon in der Winterpause einen Umbruch einleiten. Da haben wir aber nicht die Spieler bekommen, die wir wollten.

Zur Person

  • Familie:

    Stefan Leitl ist am 29. August 1977 in München geboren. Er ist in Ismaning als Jüngster von fünf Brüdern aufgewachsen. Zusammen mit seiner Gattin Mirjana hat Leitl drei Kinder (zwei Söhne und eine Tochter).

  • Spieler:

    Leitl wurde beim FC Bayern München ausgebildet. Es folgten Engagements beim SV Lohhof (98 bis 99), 1. FC Nürnberg (99 bis 01), Unterhaching (02 bis 04), Darmstadt (04 bis 07) und Ingolstadt (07 bis 13).

  • Trainer:

    Nach seinem Karriereende im Mai 2013 arbeitete er in Ingolstadt als U 17-Trainer. Von September 2014 bis August 2017 war er Trainer der U 21. In der vergangenen Saison stieg er vom Interims- zum Cheftrainer auf.

Mit dem 1:0-Sieg bei der Generalprobe gegen Bundesligist Gladbach hat Ihre Mannschaft noch mal ein Ausrufezeichen gesetzt vor dem Auftakt. Allerdings verletzte sich mit Christian Träsch einer Ihrer wichtigsten Spieler schwer am Knie.

Es ist sehr bitter, wenn im letzten Spiel so eine Verletzung passiert und der Spieler sechs bis acht Monate ausfällt. Mit seiner individuellen Klasse hinterlässt Christian eine Lücke. Der Kader ist aber so zusammengestellt, dass wir auf solche Situationen reagieren können. Eins zu Eins wirst du Träsch nicht ersetzen können. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir das innerhalb der Mannschaft auffangen.

Vor fünf Jahren haben Sie die Seiten gewechselt. Die U 17 des FCI war Ihre erste Station. Vom Spielfeld gleich auf die Trainerbank: Klappte das reibungslos?

Das war eine brutale Umstellung für mich. Du kannst den Jugendbereich nicht mit dem Profibereich vergleichen. Ich habe unheimlich viel gelernt, aber es war nicht das, was ich langfristig wollte. Entsprechend kann ich mir eine Rückkehr in ein NLZ irgendwann einmal nicht vorstellen. Bitte nicht falsch verstehen, das hat mit den Kids überhaupt nichts zu tun, im Gegenteil, das hat viel Spaß gemacht. Ich bin selber Vater von zwei Jungs und einem Mädchen. Aber wenn man mit den Eltern dann darüber diskutieren muss, warum es für einen nicht weitergeht, ist das schon schwierig. Zudem trainierst du immer in enger Abstimmung mit Schule und Zugfahrplan. Ich war dankbar für die Erfahrung und trotzdem glücklich, dass ich in der darauffolgenden Saison dann mit der U 21 unter Profibedingungen arbeiten konnte.

Lesen Sie hier: Jahn: Keine Angst vor der Hitzeschlacht

Mit Jahn Regensburg trifft Ingolstadt zum Auftakt auf einen Klub, der als Aufsteiger für Furore sorgte und dem FCI zwei Mal die Grenzen aufzeigte. Was erwarten Sie am Samstag?

Regensburg hat eine Spielart, die uns und allen anderen Vereinen in dieser Liga physisch unheimlich viel abverlangt. Darauf müssen wir uns einstellen.

Der Jahn träumte sogar kurz vom historischen Durchmarsch von der vierten in die erste Liga. Wie erklären Sie sich diese Erfolgsserie?

Ich bin in der Saison 2015/2016 noch als Coach der U 21 des FCI in der Regionalliga Bayern auf die Regensburger getroffen. Die Trainerkollegen dort haben einen richtig guten Job gemacht. Angefangen mit Christian Brand, über Heiko Herrlich bis zu Achim Beierlorzer. Es freut mich für den Jahn, dass sie da so eine beeindruckende Entwicklung genommen haben. Wenn Sie diese Mentalität wieder auf den Platz bringen, werden sie auch diese Saison wieder eine gute Rolle spielen.

Sie sind nun seit 2007 in Ingolstadt. Erst als Spieler, dann als Jugendtrainer, nun Chefcoach der Profis. Ingolstadt und Leitl – eine unzertrennbare Liaison?

(lacht) Ja, jetzt wird es irgendwann zu Ende gehen, in der Position, in der ich jetzt bin. Jetzt ist es endlich. Das ist uns schon allen bewusst. Aber das will ich so lange wie möglich nach hinten verschieben. Ich habe hier schwierige und auch unheimliche schöne Zeiten erlebt. Obwohl es die Möglichkeiten gab, hatte ich aber nie das Bedürfnis, noch mal zu wechseln. Mir ist es nicht wichtig, wo anders einen Euro mehr zu verdienen, wenn ich schon einen Verein habe, mit dem ich mich identifizieren kann. Und das tue ich mit dem FC Ingolstadt zu hundert Prozent.

In einem Interview haben Sie mal erzählt, dass Sie es bereut haben, als Spieler nicht ins Ausland gewechselt zu sein. Jetzt als Trainer hätten Sie ja noch die Möglichkeit…

(lacht) Das ist prinzipiell schon eine Option, aber die ist jetzt erst mal ganz weit nach hinten geschoben. Vor meiner Zeit in Ingolstadt gab es mehrmals die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen. Andere Kulturen kennenzulernen, Sprachen lernen, sich als Mensch weiterzuentwickeln, das hätte mich gereizt. Im Nachhinein denke ich mir schon: Mann, hättest du den Mut gehabt und hättest das gemacht. Das habe ich tatsächlich bereut.

„Andere Kulturen kennenzulernen, Sprachen lernen, sich als Mensch weiterzuentwickeln, das hätte mich gereizt.“

Als Spieler haben Sie als sehr emotional gegolten auf dem Platz. Künftig werden in England im Pokal testweise gelbe und rote Karten auch an Trainer verteilt. Hat der Trainer Leitl Angst davor, dass das vielleicht auch mal hierzulande eingeführt wird?

Nein. So was brauchen wir hier nicht. Wir sollten nicht versuchen, den Fußball zu revolutionieren. Emotionen gehören zum Sport dazu. Wenn man diese Emotionen rausnimmt, dann wird es irgendwann mal ein ganz fader und langweiliger Sport. Ich habe es lieber mit Typen zu tun im Fußball.

Wie schaltet ein Stefan Leitl mal privat ab?

Das ist ganz schwer. Ich habe keine Zeit für Hobbies. Ich lese vielleicht mal ein Buch. Auch daheim bei meiner Familie dreht sich alles um Fußball. Ich kann da nur meinen sehr geschätzten Kollegen Manuel Baum (Anm. d. Red.: Trainer des FC Augsburg) zitieren: „24 Stunde, sieben Tage: Anders geht es nicht.“ Das ist auch mein Empfinden. Ich kann nicht von meinen Spielern das Maximale erwarten, wenn ich nicht selbst am Anschlag bin. Freizeit gibt es dann, wenn Urlaub ist.

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