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Paralympics

„Jede Medaille ist ein Geschenk“

Denise Schindler wurde in der Oberpfalz groß, gewann 2012 Rad-Silber und spricht über Chancen, Prothese und den Fall Rehm.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

  • Denise Schindler (rechts) strahlte vor vier Jahren bei den Paralympics in London mit Bronze-Gewinnerin Allison Jones (USA) um die Wette. Foto: dpa

Regensburg.Frau Schindler, wie wichtig ist die Materialfrage für eine Sportlerin wie Sie?

Für die Prothese oder generell im Radsport wegen der Räder?

Dass ein Toprad wichtig ist, ist klar. Ich will auf die Diskussion hinaus, die um den Weitspringer Markus Rehm tobt oder davor schon Oscar Pistorius, den Läufer. Im Radsport wird die Bedeutung nicht so groß sein.

Jein. Im Radsport kann man sich nicht den Vorteil erarbeiten, den man sich über eine Sprungfeder beim Laufen oder Weitsprung beschafft. Ich kann nicht mehr Energie gewinnen als ich reingebe: Das ist ja der Effekt der Feder. Würde ich eine Feder benutzen, würde die Kraft verpuffen, die ins Pedal geht. Bei uns ist das irrelevant. Eine Feder kann wie bei mir zum Beispiel ja keine Wade ersetzen.

Ist das Material der Prothese dann ganz unwichtig?

Nein. Wo es wichtig ist, ist bei der Steifigkeit und Kraftübertragung. Ein ganz großer Punkt ist die Passform, weil ich sonst Druckstellen habe und nicht mehr trainieren kann. Und es geht um die aerodynamische Form. Das ist im Radsport extrem. Im Zeitfahren kann schon die Benutzung einer anderen Prothese fünf Sekunden ausmachen.

Haben Sie eine konkrete Meinung zu der Diskussion um eine Eingliederung von Markus Rehm?

Ich sehe es schon so, dass es unterschiedliche Sportarten sind, die man nicht vergleichen sollte. Ich muss aber auch sagen: Dass ein Markus Rehm nur wegen der Prothese so weit springt, ist auch nicht richtig. Schaut man sich die Weltrangliste und die Ergebnisse an, führt Markus Rehm mit einem Meter Abstand zum Rest. Das heißt, wir haben einen deutschen Athleten, der extremst talentiert ist, extremst gut trainiert und einen neuen Maßstab setzt. Die anderen Athleten haben eine Sprungfeder wie er und genau die gleiche Prothese und schaffen das nicht. Markus Rehm ist begnadet, aber man muss sich die Studien anschauen. Ich vergleiche es mal so: Das ist wie ein Ringer mit 70 Kilogramm hier und ein Ringer mit 50 Kilogramm da. Das sind unterschiedliche Ausgangsbedingungen.

Vor ihrem Abflug nach Rio sprach Schindler über ihre aktuelle Form:

Denise Schindler startet für Deutschland bei den P

Sie fahren wie schon in London in Rio wieder auf der Bahn und auf der Straße. Drinnen geht es um Hundertstel, draußen auch um Taktik und manche unvorhersehbare Dinge.

Genau. Auf der Bahn ist das Maß der Perfektion, das man bringen muss, höher. Wenn ich auf der Straße den Start vereiere, ist nicht alles verloren, auf der Bahn ist es vorbei. Dafür sind auf der Bahn die Bedingungen immer nahezu gleich. Es zählt die eigene Kraft.

Wie groß ist der Unterschied in der Leistung zwischen einem nicht-behinderten und einem behinderten Radfahrer?

Das kommt natürlich auf die Behinderung an. Meistens ist es ja nicht nur eine. Wenn wir bayerische Meisterschaft fahren, schaffe ich es nicht aufs Podium, sondern so zwischen Platz 12 und 15. Ich habe halt einen Muskel weniger.

„Man kann viel aufholen und ich würde schon sagen, dass ich mit sehr vielen Frauen mithalten kann und auch einige Männer einstecke (lacht). Aber auf Olympia- oder Profi-Niveau sind da noch Unterschiede.“

Und das ist nicht ersetzbar?

Man kann viel aufholen und ich würde schon sagen, dass ich mit sehr vielen Frauen mithalten kann und auch einige Männer einstecke (lacht). Aber auf Olympia- oder Profi-Niveau sind da noch Unterschiede.

Kann man ohne hochwertige Prothese bei den Paralympics im Radsport bestehen?

Mit einer normalen Geh-Prothese würde es nicht gehen. Die Prothese muss auf Bahn und Straße gut sein. Wir sind bei den Paralympischen Spielen und die haben das Niveau der Olympischen Spiele erreicht, auch vom Trainingspensum. Ich weiß ja, was ich trainiere seit einem Jahr. Das steht keinem Olympia-Athleten nach. Da gehört die perfekte Prothese dazu, ohne die geht es nicht mehr. Ich kann auch nicht mit Alurahmen am Start stehen. Mit einer normalen Prothese könnte ich keine so hohen Trittfrequenzen fahren, ich könnte nicht im Stehen fahren, ich könnte die Kraft nicht übertragen.

Wie dicht ist das Feld im Radsport?

Das Feld ist sehr dicht, da gibt es einige Kandidatinnen. Nur als Beispiel: Bei den Spielen werden drei Frauenklassen zusammengenommen. Auf der Bahn sind es sechs starke Nationen, da geht die Post ab. In London vor vier Jahren war die Konkurrenz noch milder. Ich bin damals die drei Kilometer knapp unter 4:30 Minuten gefahren. Jetzt ist meine aktuelle Bestzeit von der letzten Weltmeisterschaft 4:13.

Das ist eine Leistungsexplosion.

Und die Zeiten werden in Rio wohl noch einmal nach unten gehen. Um ins Finale zu kommen, rechne ich, dass man unter 4:10 fahren können muss.

Hübsche Ziele. Aber es ist ein gutes Signal.

Ja, es zeigt schon auch die Qualität und was wir leisten. Das ist nicht mehr Behindertensport, sondern einfach Leistungssport. Und es ist auch gut so.

Ist denn die Wahrnehmung besser geworden? Ist die genauso sprunghaft gestiegen wie die Leistungen?

Schon. Ich habe auch den Eindruck, dass mehr Tuchfühlung zu den Olympioniken da ist mittlerweile. Ich hatte das riesengroße Privilileg und Glück, dass ich mit einigen trainiert habe. Da war viel Austausch da, ich habe viele Tipps bekommen. Da lernt man viel dazu. Auch sie sehen, wieviel ich tue. Die Achtung ist da und auch von außen wird die Wahrnehmung immer besser – für jemanden, der sich damit beschäftigt.

Wenn man bis 21 wenig mit Sport am Hut hat und sieht, wie Sie jetzt dastehen, ist das auch interessant.

(lacht) Ich sage immer zu jedem: Es ist nie zu spät. Die meisten machen das von klein auf. Das war bei mir gar nicht. Mit 18 habe ich angefangen, im Fitenssstudio ein bisschen was zu machen, auf einer kleinen Basis. Wenn ich da eine 20 Minuten, halbe Stunde am Stepper überlebt habe, war ich dankbar. Eine Stunde Spinning war ein Highlight für mich. Mittlerweile ist für mich eine Stunde Sport Regeneration und ein Ruhetag.

Wie oft hadert man noch mit seinem Schicksal, den Fuß verloren zu haben?

Gar nicht. Außer, wenn ich eine fette Entzündung habe und gerade nicht mit der Prothese laufen kann und mir Krücken holen muss. Aber das ist in den vergangenen zwei Jahren vielleicht einmal vorgekommen. Ich bin eben auch ständig hier, wenn etwas nicht passt. Das liegt daran, dass ich soviel trainiere. Mein Aufwand ist viel höher. Ich werde immer als „weibliche Baustelle“ begrüßt.

Wenn man Silber schon gewonnen hat bei Paralympics, dann will man doch die noch schönere Farbe, oder?

Klar. Aber ich habe aber in London ja erlebt, wie es ist, wenn es nicht nach Plan läuft. Platz vier auf der Bahn war ein Superpreis. Aber jede Medaille, die kommt, ist ein Geschenk. Dafür muss man dankbar sein. Ich habe den Fokus auf die Bahnverfolgung gelegt. Straßenrennen ist immer etwas Anderes, da gibt es eben schnell auch mal einen Sturz.

Einen Leitartikel von Claus Wotruba zu den Paralympics lesen Sie hier:

Kommentar

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