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Tennis

Julia Görges sucht Weg zum Zenit

Die Neu-Regensburgerin spricht mit Claus Wotruba über ihr neues Team und warum sie den Kerber-Hype nicht groß genug fand.

Die Neu-Regensburgerin Julia Görges gehört zu Deutschlands besten Tennisspielerinnen. Foto: dpa
Die Neu-Regensburgerin Julia Görges gehört zu Deutschlands besten Tennisspielerinnen. Foto: dpa

Regensburg.Mit Platz 16 die beste Platzierung der Karriere, das siebtbeste Duo 2016: Wer nur die Zahlen dieses Jahres interpretiert, der könnte den Eindruck haben, Julia Görges ist mit Karolina Pliskova zur Doppelspezialistin mutiert.

Das schon. Wir haben nicht viele, sehr, sehr gute Turniere gespielt und zwar bei großen Events. Da gibt es viele Punkte und es geht vorwärts im Ranking. Aber das ist sehr positiv.

Der Fokus liegt aber noch auf dem Einzel, oder? Da ist es bei Ihnen beiden nicht so weit vorwärts gegangen.

(lacht) Bei ihr ist der Spielraum nach oben auch nicht ganz so groß wie bei mir (Pliskova ist die Nummer 18 der Weltrangliste, Görges Nummer 57). Wir hatten auch beide positive Einzel-Ergebnisse, sie mit dem Halbfinale in Indian Wells, ich mit dem Finale in Auckland. Aber gute Matches im Doppel helfen enorm für das Einzel: Man holt sich ein positives Gefühl. Um zwei Wochen bei Turnieren zu überbrücken tut das gut, jeden Tag ein Match zu haben. Es bringt Adrenalin, man möchte zwar gewinnen, aber ist gleichzeitig entspannt, weil man jemanden neben sich hat und nicht auf sich alleine gestellt ist.

Aber es verkürzt auch mal den Schlaf, der Spielplan ist gedrängter: Ist das nicht Zusatzstress, der Energie raubt für entscheidende Situationen im Einzel?

Das schon. In Miami war ich früher raus. Da war es dann meine Aufgabe, die Führungsspielerin im Doppel zu sein, weil es schon anstrengend ist, wenn du nach dem Einzel noch mal auf den Platz gehst. Aber das macht ein gutes Doppel aus, dass der eine für den anderen da ist. Ich glaube, die Doppelteams tun sich manchmal leichter gegen Doppelteams zu spielen als gegen eine Kombination von zwei Einzelspielerinnen.

TC Rot-Blau Regensburg: Team 2016

In Ihrer Karriere war 2016 ein großer Einschnitt. Alles ist neu: Der Wohnort Regensburg, ein rein Regensburger Team. Wie fällt die Bilanz nach fünf Monaten aus? Sie haben gesagt, manchmal reicht es schon, wenn eine andere Stimme das vielleicht sogar Gleiche sagt.

Das ist definitiv so. Taktisch kann man bei meinem Spiel noch enorm viel entwickeln, aber Aufschlag, Vor- und Rückhand, Slice und Volley muss man mir nicht mehr erklären. Es ist wichtig, dass die Sachen bei mir, beim Spieler allgemein ankommen. Es ist enorm wichtig, mal einen anderen Input zu kriegen. Es war mir wichtig, dass ich wieder etwas Erfrischendes habe, was Neues – und mich körperlich weiterentwickle, was ich mit Florian (Zitzelberger, der Athletiktrainer, d. Red.) enorm getan habe.

Ist das ein anderes Gesamtgefühl?

Es ist ein anderes Arbeiten als vorher. Ich lerne nochmal eine andere Arbeit kennen, die ich so vorher nicht kannte. Sie ist noch detaillierter. Ich sehe Entwicklung in meinem Körper, meinem Spiel und meinem Denken. Das macht den großen Unterschied.

Wie wichtig ist da Regensburg und dass alles aus derselben Ecke kommt?

Für mich ist das Wichtigste, dass alles sehr eng zusammenliegt, wir kurze Anfahrtswege haben, um im Team zu arbeiten. Man reist das Jahr so viel um die Welt. Für mich ist das ein Stück Heimat von früher (die Mutter von Julia Görges stammt aus Nürnberg, d. Red.). Da gehören mehrere Faktoren dazu: Michael, Matthias (die Trainer Geserer und Mischka) und Florian müssen alle von der Familie weg, Florian wird zusätzlich von Corpus Care freigestellt, alle investieren enorm viel ins Team. Aber nur so kann die Arbeit funktionieren, nur so kann man Erfolg haben.

Ungewöhnlich war: Gleich am Ende der ersten Turnierwoche mit dem neuen Team stand das Finale von Auckland. Da ist vermessen zu sagen, das geht so weiter.

Das wäre schön. Ich hätte nichts dagegen. Dass es spielerisch möglich ist, dass ich Finals spiele, weiß ich. Aber das gleich in der ersten Woche präsentiert zu bekommen, war ein guter Start und hat motiviert. Es war ein Weckruf: „Hey, in dir schlummert noch einiges.“ Das rauszukitzeln, ist unser Ziel. Ich habe meinen Zenit noch nicht erreicht.

Ein Thema 2016 ist auch Olympia. Wie wichtig ist das im Denken einer Tennisspielerin? In anderen Sportarten ist der Stellenwert sicher höher.

Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich das 2012 in London erleben durfte. Das war für mich eines der größten Ereignisse. Ich mache mir keinen Stress mit Olympia. Wenn ich dabei bin, bin ich dabei. Der Cut wird nach den French Open gezogen. Dass ich aktuell nicht die besten Chancen habe – es sei denn, ich gewinne in Madrid oder Rom, wer weiß – ist klar. Dass ich für mein Land spielen möchte, steht außer Frage.

Das sieht man ja auch am Fed-Cup-Engagement, zuletzt in Rumänien.

Da ist jeder für das Land da. Es ist über die Jahre zum Ziel geworden, den Fed-Cup auch mal zu gewinnen.

2016 ist schon jetzt ein besonderes Jahr für das deutsche Damen-Tennis. Hat sich durch Angelique Kerbers Erfolg bei den Australian Open für alle etwas verändert?

Schon, zumindest für einen gewissen Zeitraum war da ein Hype. Ich fand aber trotzdem, dass es für etwas Ultrageniales wie einen Grand-Slam-Sieg noch ein bisschen mehr hätte sein können. Wenn ich sehe, was in Rumänien mit einer Simona Halep los ist, da sieht man einfach, dass wir eine Fußballnation sind.

Und es ist wieder abgeebbt.

Ja, es ist schon wieder Normalität eingekehrt. Dabei darf man nicht vergessen: Hey, ihr habt so lange auf so einen Sieg gewartet (es war der erste seit Steffi Graf 1999). Dass das so schnell in Vergessenheit gerät, ist traurig. Das finde ich schade, denn was Angie über die Jahre leistet: Hut ab! Wenn du die Nummer zwei der Welt bist, geht nicht viel mehr. Da ist der Spielraum verdammt klein.

Es ist auch die Rede davon, dass der Boom im Damentennis weltweit zu spüren ist. Die Beurteilung von Frauen und Männersport ist ja oft unterschiedlich, im Damentennis ist es gerade wohl anders. Besonders in Deutschland, wo das Männertennis ja etwas hinterherhinkt.

Frauentennis zeigt in Deutschland über Jahre gute Qualität. Es ist schwer nach einer Ära wie Graf, Becker, Stich dem gerecht werden zu können. Dabei muss man sehen, wie sich Tennis entwickelt und verändert hat. Früher wurde es auf ARD und ZDF gezeigt. Die Wahrnehmung ist auf ein anderes Niveau gesunken. Das ist schade.

Da müsste es wohl wieder solche Dauersieger wie früher geben. Aber die Zeit ist eine andere geworden.

Es gewinnt bei jedem Grand Slam jemand anderes. Gut, bei den Männern sind es vielleicht vier Sportler, aber bei uns ist alles offen. Da steht auf einmal eine Nummer 70 im Finale. Das ist total motivierend für uns alle. Es ist auch interessanter, wenn es nicht immer die gleichen Gesichter sind.

Die deutschen Topspielerinnen sind auch fast alle in der Bundesliga vertreten. Das ist eine geschickte Werbung, um sich zu zeigen. Zumal es in Deutschland jenseits von Stuttgart und demnächst wieder Nürnberg kaum Turniere von Rang gibt.

Ich war bei Klubs, da habe ich vor 50 Leuten gespielt. Hier in Regensburg ist immer volles Haus. Hier ist es ein Fest. Da macht es Spaß.

Die Eingewöhnung in Regensburg als Wohnort hat auch funktioniert?

Ich fühle mich total wohl, das hat auch nicht lange gedauert.

MZ-Serie: Jeden Samstag fühlt die Sport-Redaktion einem Interviewpartner auf den Zahn.

Was ist der Unterschied zwischen Nord und Süd?

Das ist komplett anders. Es ist familiärer hier, viel enger zusammen, nicht nur gebäudetechnisch, auch bei den Menschen. Es ist anderes Umgehen. Das mag ich einfach.

Was steht für den Rest des Jahres auf dem Wunschzettel?

Das ist nicht so einfach zu sagen. Dass man am besten seine Leistung aus dem Training ins Match bringt. Es kommt alles auf einen zu, wenn man hart arbeitet und sich weiterentwickelt. Manches kommt auch durch die Erfahrung und ist auf einmal da. Es gilt am Spiel zu arbeiten und aggressiv zu versuchen, die Dinge auf dem Platz durchzusetzen. Da kommen die Ergebnisse von alleine: So, wie zum Beispiel in Auckland vielleicht.

Auckland ist auch ein Turnier, das nicht jeder auf dem Zettel hat. Gibt es noch so einen Ort, zu dem Julia Görges gerne fährt?

Zu jedem Grand Slam fährt man natürlich gerne. Cincinnati ist ein sehr schönes Turnier. In Linz und Luxemburg zum Ende des Jahres bist du müde, aber da möchtest du nochmal deine Leistung bringen. Meine Lieblingsturniere sind Indian Wells, Stuttgart, Australian Open – die waren jetzt alle schon, aber es kommen noch viele schöne Turniere: Madrid ist schön, Nürnberg ist schön. Aber eigentlich ist alles schön.

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