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Samstagsinterview

„Klettern macht mich glücklich“

Adam Ondra, der beste Kletterer der Welt, spricht über seine schwerste Route und den tieferen Sinn des Schreiens.
Von Claus Lochbiher

Adam Ondra Foto: Pavel Blazek
Adam Ondra Foto: Pavel Blazek

Regensburg.Im neuen Film über Silence, der Route mit der Sie 2017 in Norwegen einen neuen Schwierigkeitsgrad im Sportklettern geschaffen haben, bekommt man den Eindruck, dass Sie die Herausforderung wie ein Wissenschaftler angegangen sind.

So war es auch. Silence hat mir die größte Anstrengung, die intensivste Vorbereitung und das speziellste Training meiner Karriere abverlangt. Ich musste sehr viel experimentieren – fast wie ein Wissenschaftler. Es ist eine sehr spezielle Route. Allein bei der ersten und schwierigsten Schlüsselstelle geht es um zehn extreme Moves – die schwierigsten und seltsamsten Bewegungen, die ich je geklettert bin.

Im Film hört man, wie Sie schreien. Je härter die Route, desto lauter. Was bringt das?

Wenn man am Limit klettert, ist die Atmung am wichtigsten. Man muss viel und richtig ein- und ausatmen. Sonst bekommt man nicht den Sauerstoff, den der Körper für solche Leistungen benötigt. Oder die Muskeln übersäuern so, dass es auch nicht mehr weitergeht. Wenn ich bei einem harten Klettermove schreie, kann ich mir sicher sein, dass ich genug ausatme.

So irrational das Schreien auf Nicht-Kletterer wirkt, so sehr steckt also eine rationale Strategie dahinter?

Als Kind habe ich es gehasst, dass die guten Kletterer immer so schreien. Bis ich eines Tages gemerkt habe, was es bringt. Aber ich schreie nicht die ganze Zeit, auch wenn das im Film so rüberkommt, weil dafür immer die schwierigsten Stellen zusammengeschnitten werden. Bevor ich eine Route klettere, überlege ich mir, wo ich schreien werde und wo nicht. Würde ich immer schreien, würde ich Kraft verschwenden, die mir später fehlt.

Hat das Schreien auch eine psychologische Bedeutung?

In den oberen Abschnitten von Silence, als mir klar war, dass ich es schaffen kann, hat es mir geholfen, mich zu konzentrieren und mich zu pushen. Das hat Kraft gekostet, aber zu dem Zeitpunkt konnte ich mir das leisten.

Sie schreien teils ganz unterschiedlich.

Weil es mir hilft, in psychologisch verschiedene Modi des Kletterns zu wechseln. Wenn ich von einer leichteren in eine schwerere Passage komme, schreie ich vielleicht ein-, zweimal. Nicht wegen der Atmung, sondern um mich psychisch in einen anderen Zustand zu bringen. So zum Beispiel: Mhuuuuuuuu!

Mehr ein Grunzen.

Und wenn eine richtig harte Stelle kommt, schreie ich Waaaaaaaaaaaaaa! Und in der Schlüsselstelle noch lauter. Wegen der Atmung, aber auch, damit ich zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Kampfgeist entwickle.

Sind Pausen, die der Körper beim Klettern braucht, für die Psyche nicht schwierig? Weil man auf einmal Zeit zum Nachdenken und Zweifeln hat?

Jede Route hat eigene Herausforderungen. Wenn sich eine Route kontinuierlich klettern lässt, versucht man einfach immer weiter zu klettern und im Flow zu bleiben. Oder wie ich gern sage: in der Zone zu bleiben.

Und wenn die Pausen so lange sind wie bei Silence?

Zur Person

  • Rekord:

    Vier Jahre hat der tschechische Kletterer Adam Ondra (25) gebraucht, um eine Route in Norwegen zu klettern. Als er es vor gut einem Jahr schaffte, eröffnete er damit einen neuen Schwierigkeitsgrad im Klettern (9c im französischen Grad, zwölf Grad auf der Skala des Weltverbands der Kletterer und Bergsteiger UIAA).

  • Stille:

    Die Route taufte er Silence – weil er nach seinem Erfolg nur Stille empfand. Im Vorfeld der European Outdoor Film Tour (EOFT), die einen neuen Film („The A. O.“) über Ondra und Silence zeigt, sprach Claus Lochbihler mit ihm über die Psychologie des Kletterns.

  • Film:

    Der Film mit und über Adam Ondra ist demnächst überall zu sehen, wo die EOFT läuft. Übrigens auch in Regensburg – und zwar am 8./9. Dezember im Audimax. Weitere Infos unter www.eoft.eu/de

Da kann es sein, dass das für Kopf und Psyche zu viel ist. Dass man zu viel nachdenkt und die Emotionen hochkommen und die Zweifel. Und dass man es deswegen nicht schafft.

Können Sie erklären, wie sich das In-der-Zone-Sein anfühlt?

Als ob meine Bewegungen beim Klettern nicht von meinem Gehirn, sondern von meiner Intuition und Erfahrung gesteuert werden. Es fühlt sich an, als ob das nicht ich bin, der da klettert. Wie wenn ich mir von Weitem zuschaue und mein Körper wie eine perfekte Maschine alles mit hundertprozentiger Effizienz und Perfektion vollbringt. Es fühlt sich großartig an, in der Zone zu sein. Aber es klappt eben nicht immer. Vor allem nicht auf Knopfdruck.

Wann haben Sie zum ersten Mal die Zone erlebt?

Ich glaube, es gibt sowas wie die tiefe und die weniger tiefe Zone. Die weniger tiefe habe ich das erste Mal mit zehn erlebt. Die tiefe Zone, als ich mit 15 meine erste 9a+ geklettert bin: La Rambla in Spanien.

Wovon hängt ab, ob Sie beim Klettern in die Zone gelangen?

Je härter die Route, desto eher kommt man rein. Und nur dann hat man auch eine Chance, solche Routen am absoluten Limit zu klettern. Gleichzeitig wirkt der Druck, etwas unbedingt schaffen zu wollen, dem entgegen.

Wie sah Ihr Mentaltraining für Silence aus?

Am wichtigsten war das Visualisieren. Am Fels habe ich die Route 250 bis 300 Mal probiert. In meinem Kopf bin ich sie 10 000 Mal geklettert.

Könnten Sie Silence morgen wiederholen?

No way! Dafür müsste ich wieder speziell trainieren. Sicher nicht vier Jahre lang, aber wohl doch ein paar Wochen.

Freuen Sie sich, wenn jemand Silence wiederholt?

Und wie! Leider sieht es bis jetzt so aus, als ob jeder noch zu viel Respekt davor hätte. Ich hoffe sehr, dass sich das bald ändert. Was die 9c angeht, glaube ich, dass Alex Megos aus Erlangen sie draufhat. Vielleicht nicht mit Silence, weil das vom Stil her eine ziemliche Ondra-Route ist. Aber mit einer anderen Route, die besser zu ihm passt..

Viele halten Sie für den besten und vielseitigsten Kletterer der Welt. Sind Sie darauf stolz?

Ich versuche, nicht oft daran zu denken. Die Frage ist auch, wie man das misst: der „beste“ Kletterer. Klettern ist vielseitiger denn je. Auch motivational ist das nicht besonders klug: Wer unbedingt der beste Kletterer sein will, es aber eines Tages nicht mehr ist, riskiert, in ein großes Loch zu fallen. Es ist viel besser, sich über selbst gesteckte Ziele zu motivieren. Wenn dann als Nebenprodukt herauskommt, dass ich es bin, der die schwersten Routen klettert, dann ist das schön. Aber nicht meine Hauptmotivation.

Was ist Ihre Hauptmotivation?

Eigene, selbst gesteckte Ziele. Der Spaß am Klettern. Und dass ich mich weiter verbessern möchte. Die nachhaltigste Form, sich zu motivieren ist es, einerseits fokussiert, aber auch nicht zu zielorientiert zu sein. Man muss auch den Weg mögen, genauso wie das Ziel.

Das müssen Sie erklären.

Wenn ich einen Monat lang auf die Weltmeisterschaft trainiere, dann sage ich mir nicht: Du trainierst, um zu gewinnen. Sondern: Du trainierst, um dabei zu sein. Und weil du in der Vorbereitung so viel zum Klettern kommst: Fünf Stunden am Tag klettern. Was gibt es Schöneres?

Was sind Ihre nächsten Ziele?

Es gibt zu viele. Auch weil ständig Neues dazu kommt. Allein in der norwegischen Höhle, wo ich Silence geklettert bin, warten vier neue Routen darauf, geklettert zu werden.

Von wem eingerichtet?

Von mir natürlich. (lacht)

Wenn Klettern 2020 olympisch wird, sind Sie dabei?

Ganz sicher. Dafür bin ich sogar bereit, etwas von meiner Kletterzeit am Fels zu opfern.

Was kann die Welt vom Klettern lernen?

Welche Ziele man verfolgt, muss jeder für sich beantworten. Man sollte aber glücklich dabei sein. Mich macht das Klettern glücklich.

Für Sie ist Klettern Ihr Beruf.

Mein Job ist mein Hobby. Und mein Hobby mein Job. Obwohl es mein Beruf geworden ist, habe ich das Klettern noch keine Sekunde gehasst. Das ist großartig. Und dafür bin ich dankbar.

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