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Interview

Profi-Sport in Zeiten des Terrors

Der Oberpfälzer Andreas Schillinger spricht über die Rennen in Belgien nach dem Anschlag und die Sicherheit im Radsport.
Von Birgit Pinzer, MZ

Andreas Schillinger startet am Sonntag zum sechsten Mal bei Paris – Roubaix. Foto: dpa
Andreas Schillinger startet am Sonntag zum sechsten Mal bei Paris – Roubaix. Foto: dpa

Regensburg.Andreas Schillinger, Sie starten am Sonntag zum sechsten Mal bei Paris – Roubaix. Die vergangenen vier Wochen haben Sie allerdings in Belgien verbracht, um bei den Frühjahrsklassikern mitzufahren. Sie waren auch vor Ort, als Brüssel von den Terroranschlägen getroffen wurde. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Der Tag begann eigentlich ganz normal. Wir sind um zehn Uhr zum Training losgefahren. Als wir gegen Mittag wieder zurück waren, haben wir erstmals von den Anschlägen gehört. Natürlich überkommt einen direkt eine gewisse Betroffenheit. Wir waren in Gent, das von Brüssel nicht so weit weg ist. Dazu kommt, das meine Teamkollegen von Bora-Argon 18 an diesem Vormittag in Brüssel landen sollten. Sie landeten dann auf Ausweichflughäfen. Da wurde uns allen erst mal bewusst, wie nah dieser Terror eigentlich ist. Die Stimmung war natürlich am Boden. Einen Tag nach den Anschlägen fuhren wir die „Dwars door Vlanderen“, die kleine Flandern-Rundfahrt. Und ehrlich gesagt: Wir hatten damit gerechnet, dass das Rennen aufgrund einer erhöhten Terrorgefahr abgesagt wird. Es hat dann doch stattgefunden.

Wie haben Sie das Rennen erlebt?

Belgien ist eine radsportbegeisterte Nation, die Stimmung eigentlich immer ausgelassen und gut. Diesmal war es komplett anders. Die Stimmung war sehr gedrückt, ob nun beim Start oder beim Einschreiben. Auch die Zeremonie vor dem Rennen war anders. Die Moderatoren verzichteten beispielsweise darauf, die Mannschaften vorzustellen. Es gab keine Musik. Auf dem Marktplatz herrschte eine unglaubliche Ruhe. Wir gedachten der Opfer mit einer Schweigeminute. Alles war sehr angespannt. Und ich habe mich bei dem Gedanken ertappt: „Was ist jetzt, wenn da einer steht?“

Können Sie verstehen , dass das Rennen abgehalten wurde?

Ich glaube, dass Belgien dem Terror die Stirn bieten wollte. Man kann dann nicht alles absagen. Und wir waren ja nicht direkt in Brüssel, sondern 100 Kilometer weiter.

Sie sind noch andere Rennen in Belgien gefahren. Ist die Stimmung noch gedrückt?

Mittlerweile geht’s eigentlich wieder. Natürlich bleiben die Bedenken – bei mir und auch bei Kollegen. Gerade beim Start der Flandern-Rundfahrt schoss mir einiges durch den Kopf. Für die Belgier ist die Flandern-Rundfahrt so ein Top-Ereignis wie für die Bayern-Fans das Champions-League-Finale. Da sind Hunderttausende Zuschauer unterwegs. Ein großes Volksfest.

Und damit ein potenzielles Anschlagsziel.

Wenn man es so ausdrücken will, ja. Aber es waren viel mehr Polizisten eingesetzt.

Empfinden Sie die verstärkten Sicherheitsvorkehrungen als beruhigend?

Ich sehe nur am Start oder im Ziel, ob viele Polizisten unterwegs sind. Man denkt sich dann einfach: „Die werden das schon im Griff haben.“ Während des Rennens ist man fokussiert. Gedanken kann man sich wieder machen, wenn der Job vorbei ist.

Haben Sie im Team über die Terroranschläge gesprochen?

Ja, klar. Direkt am Abend des Anschlags haben wir uns ausgetauscht. Man telefoniert natürlich auch mit daheim oder whatsappt, hat das Smartphone bereit. Die machen sich ja auch alle Sorgen, wobei wir auch nicht mehr wussten als unsere Familien.

Kurz nach den Anschlägen, am Osterwochenende, starben die belgischen Profis Antoine Demoitié und Daan Myngheer. Demoitié starb nach einem Sturz, bei dem ein Begleitmotorrad involviert war. Unmittelbar danach kündigten die Organisatoren an, bei den nächsten Rennen weniger Motorräder einsetzen zu wollen. Davon war auch das Drei-Tages-Rennen „De Pannen-Koksijde“ betroffen, bei dem Sie am Start waren.

Ich habe jetzt nicht gemerkt, dass es weniger Motorräder waren, aber was ich merkte: Das Verhalten war anders. Sowohl die Motorradfahrer als auch die Radprofis nahmen mehr Rücksicht. Es ist einfach so: Wir haben nur eine bestimmte Straßenbreite zur Verfügung. Wenn Stress im Rennen herrscht, und Positionskämpfe ausgetragen werden, dann wird diese Breite voll ausgenutzt. Und dann hupt von hinten ein Motorradfahrer, der vorbei will, weil er fünf Kilometer weiter etwas absperren muss, und deswegen unter einem gewissen Zeitdruck steht, vorbeizukommen. Man selbst steckt vielleicht gerade in einem Zweikampf, der noch dazu am körperlichen Limit stattfindet, und ist darauf konzentriert, die Position zu halten, aber von hinten hupt halt einer. Da wird es zeitweise schon sehr eng. So entstehen Gefahrensituationen. Aber wie gesagt: Man merkt, dass es jetzt ein bisschen anders läuft. Zumindest hatte ich in Belgien das Gefühl. Vielleicht auch deswegen, da es dort durchaus Alternativrouten gibt, auf denen die Motorräder das Feld überholen können.

Ihr Kollege Tony Martin (Etixx-Quick Step) macht den Vorschlag, dass die Begleitmotorräder von Ex-Profis gefahren werden sollten, wie es bei vielen Begleitautos der Fall ist. Was halten Sie davon?

Das ist auf jeden Fall eine gute Idee. Ein ehemaliger Fahrer hat einen ganz anderen Blick auf das Rennen und erkennt brenzlige Situationen früher.

Martin schlug auch vor, weniger Motorräder einzusetzen und stattdessen Gefahrenstellen mit Ballons zu kennzeichnen.

Wenn man in der ersten Reihe fährt, ist das mit Sicherheit eine Option. Fährt man ein Stück weiter hinten, dann ist es oft so, dass man nach Gehör fährt. Ich mache das jedenfalls so. Stellen Sie sich einfach vor, vorne steht ein Fahrbahnteiler. Bis jetzt ist es so, dass dann dort ein Motorradfahrer steht, der winkt und pfeift. Das Pfeifen höre ich natürlich auch weiter hinten und reagiere darauf, aber die Insel sehe ich erst recht spät.

Ein optisches Signal reicht also nicht aus. Es müsste auch ein akustisches Signal geben?

Ja.

Sie sprachen die Positionskämpfe an. Inwieweit hilft Ihnen, als mehrfacher Starter, bei einem Rennen wie Paris – Roubaix Ihr Erfahrungsschatz?

Ob man bei einem Rennen gut abschneidet, entscheidet zu 70 Prozent, ob man zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Position ist. Das war beispielsweise auch bei der Flandern-Rundfahrt der Fall. Da hatten wir einfach ein bisschen Pech, weil mein Teamkollege Scott Thwaites einen Platten hatte und es  schwierig ist, den Reifen zu wechseln, wenn das Teamauto an 25. Position fährt. Das braucht natürlich ewig, um da zu sein. Ich denke, Scott ist ein Top-Ten-Platz verloren gegangen. Für mich wäre es möglich gewesen, unter die ersten 20 zu fahren. Aber grundsätzlich: Je öfter man ein Rennen fährt, umso besser wird es. Bei Paris-Roubaix schauen wir uns die Strecke an und fahren sie ab. Also sehe ich im Endeffekt zweimal im Jahr die wichtigen Abschnitte. Und natürlich weiß ich mittlerweile haargenau, auf welchen Pflastern ich fahren sollte, damit das Rad geschmeidig drüberläuft.

2015 wurden Sie 16. und damit zweitbester Deutscher hinter dem Sieger John Degenkolb. Mit welchen Erwartungen gehen Sie dieses Jahr ins Rennen?

Natürlich bin ich sehr motiviert. Ich möchte zeigen, dass meine Leistung keine Eintagsfliege war. Ich denke, dass meine Form stimmt und es möglich sein sollte, wieder vorne zu landen. Aber es ist natürlich jedes Jahr dasselbe: Es gehört viel Glück dazu, dass du keine Panne hast, in keinen Sturz verwickelt bist. Und wenn das alles passt, denke ich, ist es möglich, wieder vorne zu landen.

Wie geht es nach Paris - Roubaix weiter?

Dann mach ich erst mal Rennpause und es schließt sich eine Trainingsphase an. Anfang Mai fahre ich die Aserbaidschan-Tour. Dort war ich noch nie. Aber mein Fokus gilt jetzt dem Sonntag und Paris - Roubaix.

Aserbaidschan ist mit Armenien in einen Konflikt verwickelt. Setzen Sie sich vor einem Rennen in einem anderen Land mit so etwas auseinander

Ganz ehrlich: Ich habe mich mit der Politik in Aserbaidschan noch nicht wirklich befasst. Ich weiß, dass das Rennen nicht weit weg von einem Krisenherd ist. Ich werde mich erst vor dem Rennen damit befassen. Aber im Endeffekt ist es so: Ob ich da hinfahre oder nicht, entscheide nicht ich, das ist eine Entscheidung des Teams – und die akzeptiere ich.

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