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Prokop: Das IOC begeht Rechtsbruch!

Der Chef der deutschen Leichtathletik lässt in der Russland-Affäre kein gutes Haar am Internationalen Olympischen Komitee.
Von Heinz Gläser, MZ

Will erst am 11. August zum Start der Leichtathletik-Wettbewerbe nach Rio de Janeiro reisen: Leichtathletik-Präsident Dr. Clemens Prokop
Will erst am 11. August zum Start der Leichtathletik-Wettbewerbe nach Rio de Janeiro reisen: Leichtathletik-Präsident Dr. Clemens Prokop Foto: Eibner

Regensburg.Herr Prokop, Diskus-Olympiasieger Robert Harting hält IOC-Chef Thomas Bach für „einen Teil des Doping-Systems“ und hat im Zusammenhang mit dem Verzicht des IOC auf einen Komplett-Ausschluss des russischen Teams von den Olympischen Spielen in Rio erklärt: „Ich schäme mich für ihn“. Geht das nicht zu weit?

Robert Hartings Worte sind nach meiner Wahrnehmung ein Ausdruck des Unverständnisses, der Enttäuschung, ja sogar der Wut unter den Athleten über diese Entscheidung des IOC.

Werden Sie Harting zur Mäßigung aufrufen?

Er hat seine Äußerungen selbst zu verantworten. Wir wollen ja den mündigen Athleten, auch wenn dann bisweilen Sätze fallen, die ich selbst so nicht formulieren würde.

Sie selbst haben Thomas Bach ebenfalls scharf kritisiert. Was erzürnt Sie an der IOC-Entscheidung?

Es geht nicht um einzelne Personen, sondern um die Inhalte der IOC-Entscheidung. Ich bin enttäuscht und halte diese teilweise für skandalös.

Inwiefern?

Laut Report der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) waren die Geschehnisse und die Vertuschung während der Winterspiele 2014 in Sotschi ein zentraler Angriff auf die Integrität des Sports. Staatliche Stellen und Mitglieder des russischen NOK waren involviert. Dass das IOC nun einfach so zur Tagesordnung übergeht, ist völlig unverständlich. Was muss denn noch geschehen, damit eine sofortige spürbare Reaktion erfolgt? So aber wird das russische Team mit Startrecht für Rio versehen. Und die Verantwortung für weiterreichende Maßnahmen wie einen Olympia-Ausschluss von Athleten delegiert das IOC an die einzelnen Sportfachverbände. Das halte ich für falsch.

Warum?

Das Anlass war systematisches Doping in einem Land, und dieses betraf den Sport insgesamt. Wenn ich den Sport als eine Einheit ansehe, dann muss ich auch eine einheitliche Entscheidung treffen. Stattdessen delegiert das IOC das Problem an die Fachverbände, die nach völlig unterschiedlichen Kriterien höchst unterschiedliche Konsequenzen ziehen. Das beschädigt die Einheit des Sports. Dies hat das IOC zu verantworten.

Warum handeln die Fachverbände so unterschiedlich? Die russischen Ruderer werden reihenweise ausgeschlossen, die Ringer dagegen dürfen fast vollständig starten...

Das Regelwerk variiert je nach Fachverband. Zudem haben wir es mit unterschiedlichen Machtkonstellationen zu tun. Es gibt Fachverbände mit starkem russischen Einfluss an der Spitze. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass diese – wie der Leichtathletik-Weltverband IAAF – pauschal alle russischen Athleten ausschließen würden.

Welche Folgen befürchten Sie aktuell?

Thomas Bach hat nach der Veröffentlichung des McLaren-Reports härteste Sanktionen angekündigt. Und was kam? Das IOC scheint vor Russlands Interessen einzuknicken und duckt sich weg! Dabei weiß es, dass in den wenigen Tagen bis zur Eröffnung in Rio eine seriöse und rechtlich saubere Prüfung jedes Einzelfalls durch die Fachverbände eigentlich gar nicht mehr möglich ist.

Erwarten Sie Schadenersatzklagen russischer Athleten?

Zumindest besteht angesichts der rechtlichen Umstände dieses Risiko.

Was werfen Sie dem IOC darüber hinaus vor?

Ein echter Skandal ist der Fall der russischen Whistleblowerin Julia Stepanowa. Hier hat das IOC unter dem Vorwand, die Ethik des Sports im Blick zu haben, eine eklatant rechtswidrige Entscheidung getroffen. Es hat sehenden Auges Rechtsbruch begangen. Das IOC hatte 2011 in der sogenannten Osaka-Regel festgelegt, dass Athleten, die wegen Doping eine mehr als sechsmonatige Sperre verbüßen, bei den folgen Spielen nicht startberechtigt sind. Aber der Internationale Sportgerichtshof (Cas) hat diese Regel aufgehoben – mit der Begründung, dass nicht nachträgliche Sanktionen gegen einen Sportler verhängt werden dürfen, wenn dessen Sperre abgelaufen ist.

Was heißt das im Fall Stepanowa?

Ihre Sperre ist auch verbüßt. Der Rechtsbruch des IOC wird für jedermann sichtbar, wenn beispielsweise der US-Sprinter Justin Gatlin nach zwei verbüßten Dopingsperren in Rio eine Medaille gewinnen sollte. In diesem Zusammenhang ist es fast schon zynisch vom IOC, Stepanowa als Besucherin zu den Spielen einzuladen. Sie würde Athleten sehen, die nach abgelaufener Sperre starten dürfen. während ihr das verwehrt bleibt. Noch einmal: Das halte ich für einen Skandal!

Zuerst die nicht enden wollenden Affären im internationalen Fußball, nun der Olympia-Eklat: Sehen Sie den Sport in einer Existenzkrise?

Er steht am Scheideweg. Der Sport kämpft weltweit wie nie zuvor um seine Glaubwürdigkeit – wobei ich fairerweise anmerken will, dass viele Missstände schon lange bestehen und früher vielleicht noch drastischer waren. Aber sie wurden totgeschwiegen. Das geht nun nicht mehr. Dadurch entsteht Handlungsdruck auf allen Ebenen. Wenn der Sport aktuell keine überzeugenden Antworten findet, glaube ich tatsächlich, dass sich seine Organisationsformen dramatisch verändern werden.

Auch der Leichtathletik-Weltverband IAAF war in der Ära des senegalesischen Präsidenten Lamine Diack offenbar ein Hort der Korruption.

Richtig. Aber die IAAF zieht nun unter der Führung von Sebastian Coe entschlossen die Konsequenzen. Coe hat ein umfassendes Reformprogramm vorgelegt. Ich bin in ständigem Kontakt mit ihm und unterstütze ihn nach Kräften. Auf Initiative der deutschen Leichtathletik wird die IAAF im Dezember einen Sonderkongress abhalten und dort über einschneidende Strukturveränderungen entscheiden. Es geht um völlige Transparenz, um externe Kontrolle sowie um die strikte Trennung von sportlichen und wirtschaftlichen Themen. Mit diesen Maßnahmen würde die IAAF im internationalen Sport eine Vorbildfunktion übernehmen.

In Deutschland ist seit 1. Januar ein echtes Anti-Doping-Gesetz in Kraft, für das Sie lange gekämpft haben. Auf internationalem Parkett kommen gerade viele Dopingskandale ans Licht. Sind das trotz allem Anhaltspunkte für eine Wende zum Besseren?

Ich würde es so ausdrücken: Der Sport beginnt sich im positiven Sinne zu entwickeln. Ich sehe zumindest Anzeichen für massive Veränderungsprozesse. Dass Olympische Spiele mal ohne russische Leichtathleten stattfinden würden, war ja noch vor einem Jahr schlicht undenkbar. Bei aller Kritik an den bestehenden Verhältnissen habe ich in der Tat mehr als ein Fünkchen Hoffnung, dass sich der Sport auf das besinnt, was ihn ja eigentlich auszeichnen sollte: das Fairplay!

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