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Olympiasieger

Reitz: Gold in Rio, Gold in der Liebe

„2016 war ein gutes Jahr“: Der Regensburger Pistolenschütze wurde Olympiasieger und heiratete seine Sandra in der Karibik.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Volltreffer am Strand in der Karibik: Am 22. Dezember krönte Olympiasieger Christian Reitz sein Jahr 2016 und nahm seine Schützenkollegin Sandra, ehemals Hornung, zur Ehefrau.
Volltreffer am Strand in der Karibik: Am 22. Dezember krönte Olympiasieger Christian Reitz sein Jahr 2016 und nahm seine Schützenkollegin Sandra, ehemals Hornung, zur Ehefrau. Foto: Reitz

Ist als Olympiasieger alles anders?

Christian Reitz: Schön wär’s (lacht). Ein bisschen vielleicht. Der Wirbel war verglichen mit 2008 größer. Damals war’s ja nur – in Anführungszeichen – Bronze. Da war so gut wie gar nichts im Anschluss. Nach Rio gab es die eine oder andere Einladung zu Veranstaltungen, der eine oder andere unerwartete Pressetermin kam. Aber es flaut ab. Bis Februar, März, spätestens Mitte des Jahres ist alles normal.

Wir sitzen hier mitten im Cafe und es ist nicht so, dass alle sagen: „Ooooh, da sitzt Christian Reitz, der Olympiasieger.“

Christian Reitz: Nein, nein, so ist das nicht. Gewundert hat mich die Nachbarschaft. Die hat das vehement verfolgt, nachgefragt, gratuliert – auch Leute, von denen wir das nicht erwartet hätten.

Schützen sind nicht verwöhnt.

Christian Reitz: Wir sind halt nur bei Olympischen Spielen interessant. Und meistens bei Leuten, die sich eh dafür interessieren. In Rio hatten wir durch die Sendezeit Glück und so Zuschauer, die mit dem Sport nichts zu tun hatten. Da habe ich die Rückmeldungen bekommen, dass sich Leute jetzt mehr interessieren.

Wie war es als Freundin, alles zu verfolgen? Sowohl vor Ort als auch danach.

Sandra Reitz: Mich haben sie nach dem Wettkampf in den Schützenbereich eingeschleust und ich habe alles live miterleben können. Ich fand es nur schade, dass Chris keine Zeit hatte durchzuschnaufen. Er ist immer weitergereicht worden. Da ist es schwierig, das für sich zu realisieren bei dem Trubel.

Bei der Siegerehrung fiel auf: Christian Reitz ist nicht wie die anderen raufgehüpft aufs Treppchen, sondern erst einmal seine Runde gegangen, um brav dem Zweiten und Dritten die Hände zu schütteln – erst dann ging’s rauf aufs oberste Podest.

Christian Reitz: Ich wusste das erst nicht: Unsere Siegerehrung war die Einzige mit Händeschütteln. Wobei mich das erstaunt hat: Ich kenne keine Siegerehrung – ob klein oder groß – bei der man das nicht so macht. Das macht man sonst, warum nicht dort?

Wenn es realisiert ist, sagt man sich dann: Das war es, wo ich immer hinwollte?

Immer konzentriert, auch als Olympiasieger: Christian Reitz
Immer konzentriert, auch als Olympiasieger: Christian Reitz Foto: dpa

Christian Reitz: Nach dem Wettkampf ging das langsam. Mit der Medaille war es amtlich und man sagt: So, die nimmt dir jetzt niemand mehr weg. Der Moment, auf das Treppchen zu gehen, war bewegend, aber dass das Gold gewesen war, kam erst, als ich alleine im Olympischen Dorf im Aufenthaltsraum saß.

Was läuft da ab? Der Wettkampf, ein besonderer Moment, der letzte Schuss?

Christian Reitz: Ich habe einen Filmriss der letzten drei Minuten. Ich konnte mich partout nicht an meine letzte Serie erinnern. Die ist weg. Ich war nur sicher, dass sie gut war...

Ein Christian Reitz ist nicht der Emotionsbolzen. Ob er Erster oder Achter ist, ist schwer zu erkennen.

Sandra Reitz: Wenn man ihn kennt, hat man in Rio extrem viel Emotionen gesehen. Man muss auf Sachen achten, die man normal nicht sieht. Bei der Siegerehrung ist mir aufgefallen, dass er ganz schön geschluckt hat.

Zuschauen war genauso anstrengend?

Sandra Reitz: Viel schlimmer. Es war grausam.

Christian Reitz: Zugucken ist immer schlimmer – vor allem, wenn man sich auskennt.

Christian Reitz hat jetzt Bronze und Gold bei Olympia, hat Weltrekord geschossen, ist Weltranglisten-Erster: Was soll noch kommen? Muss man da nicht aufhören?

Christian Reitz: Könnte man, stand aber nie zur Debatte. Wir haben noch andere Disziplinen. Mal gucken, wo wir 2020 starten. Ich mache normal weiter und solange es international passt, möchte ich mich mit anderen messen.

Ist Christian eigentlich Inspiration, wenn man selbst schießt?

Christian Reitz: Eher Frustration.

Sandra Reitz (lacht): Mal so, mal so.

In dem Moment in Rio?

Sandra Reitz (überlegt): Da habe ich nicht so dran gedacht. Das war sein Moment. Olympische Spiele waren schon vorher mein Ziel. Daran hat sich nichts geändert. Ich bin sehr froh, dass ich dort war. Man wird das nicht an den Ergebnissen merken, aber ist anders vorbereitet.

2016 war weltweit ein Jahr, das nicht die besten Ereignisse produzierte. In der Familie Reitz wird das anders sein.

Sandra Reitz: Für uns war 2016 ein gutes Jahr (lacht). Schießtechnisch hätte ich mir gewünscht, dass es für Olympia gereicht hätte.

Das Tüpfelchen haben Sie mit der Hochzeit selbst drauf gesetzt. Brauchte der Trauende denn Schießerfahrung?

Sandra Reitz: Wir hatten ja eine Standesbeamtin von der Insel in der Karibik, wo wir geheiratet haben. Wir haben eine Kreuzfahrt gemacht und die Mitreisenden haben auch nach und nach mitgekriegt, wer Chris ist, und was wir beide so machen.

War gar niemand dabei?

Sandra Reitz: Nein, wir hatten einen Strand für uns. Nur die Standesbeamtin und zwei bestellte Trauzeugen. Und eine Fotografin.

Keine große Feier?

Sandra Reitz: Auf dem Schiff haben wir abends ein ordentliches Essen bekommen. Richtig gefeiert hatten wir mit Familie und Freunden beim Polterabend in Deutschland. Danach hätten wir es nicht geschafft. Wir waren eineinhalb Tage daheim und sind zum Lehrgang gefahren. Da wäre keine Zeit gewesen für eine entspannte Feier.

Liege ich daneben, wenn ich sage, dass sich ein Olympiasieg mit der Schnellfeuerpistole nicht großartig auszahlt.

Christian Reitz: Jein. Die Prämie von der Sporthilfe kriegen ja alle.

In anderen Ländern lacht man über 20 000 Euro für Gold.

Christian Reitz: Das auf jeden Fall. Auch in anderen Sportarten. Wenn ich mich mit anderen erfolgreichen Sportlern unterhalte, brauche ich darüber nicht zu reden. Da fangen alle an zu schmunzeln. Bei uns gibt es keine goldene Nasen, auch keine bronzene...

Vielleicht eine lange Nase...?

Christian Reitz: Eher. Aber dafür habe ich das nie gemacht. Schön wäre eine annähernd ähnliche Anerkennung wie in anderen Sportarten schon, aber das ist halt in Deutschland schwierig. Das ist in anderen Ländern anders: Russland, Frankreich, Italien zum Beispiel. Da herrscht nicht so eine große Lücke zum Fußball.

Sandra Reitz: Da ist die Gesellschaft ganz anders bereit, sich für solche Sachen zu interessieren. Wenn du in Italien als Sportschütze erfolgreich bist, kennen dich die Leute. Da kennst du nicht einfach so durch die Stadt gehen.

Herr Reitz, was halten Sie als Athletensprecher von der Spitzensportreform?

Christian Reitz: Welche von den vielen? Die große mit den Einteilungen in Gruppen? Was soll man sagen? Schaun wir mal, was wird. Es wird immer heißer gekocht als gegessen. Dadurch, dass es bei uns Schützen gut gelaufen ist, werden wir zumindest keinen Nachteil haben für die kommenden Jahre. Ein größeres Problem sehe ich bei der deutschen Sporthilfe, dass die ihr Förderungssystem komplett umgestellt hat. Da sehe ich viele, die eine Grundförderung gekriegt haben – bei uns Schützen normalerweise die einzige Förderung – die ihnen nun weggenommen wird.

Haben denn viele die Grundlagen für den Olympiasieger Reitz gelegt?

Christian Reitz: Die letzten Jahre liefen gut. Ich konnte immer etwas ins nächste Jahr mitnehmen. Bei Olympia habe ich mich sehr sicher gefühlt. Mein Trainer und der Ortswechsel haben sehr gut getan.

Dann hat Regensburg seinen Anteil?

Christian Reitz: Das Training war in den vergangenen zwei Jahre durch die Freistellung von der hessischen Polizei ein anderes.

Sandra Reitz: Das habe ich auch gemerkt, als ich von der normalen Arbeit in die Sportfördergruppe gewechselt bin. Da trainierst du besser, weil der Kopf freier ist. Du trainierst nicht schnell, schnell nach der Arbeit, sondern untertags, wenn du geistig und körperlich noch fit bist.

Aber gibt es nicht ein, zwei, drei Personen?

Ich wäre nicht da, wo ich bin, wenn ich nicht meinen ersten Trainer gehabt hätte, den Edmund Bader in Löbau. Und wenn der Detlef (Bundestrainer Glenz., d. Red.) nicht gewesen wäre, auch nicht. Den kenne ich jetzt seit 13 Jahren. Und das persönliche Umfeld – die Frau natürlich... Wenn man ausgeglichen ist, kann man in anderen Qualität trainieren.

Was kommt 2017?

Sandra Reitz: Zwei Europameisterschaften, zwei Weltcups.

Aber ein entspannteres Jahr?

Sandra Reitz: Nee, nur der Druck ist anders. Es geht um keine Quotenplätze, das fängt dann erst im nächsten Jahr wieder an.

Christian Reitz: Die Wettkämpfe stehen mehr für sich, um sich selbst zu präsentieren, sich selbst ins rechte Licht zu rücken.

Ist da die Gefahr, dass man durchschnauft und sagt: Heuer ist das nicht so wichtig?

Christian Reitz: Bei mir glaube ich das nicht. Nein, dafür sind wir beide nicht der Typ.

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