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Samstagsinterview
Donnerstag, 19. Juli 2018 30° 1

Tennis

So wurden die TC-Damen Tennismeister

Dr. Markus Witt ist einer der Architekten des Erfolgs beim TC Rot-Blau Regensburg. Er spricht von sportlichen Glücksfällen.
Von Heinz Gläser

Der Vereinschef und sein Star: Dr. Markus Witt mit Julia Görges nach deren Turniersieg Ende Oktober in St. Petersburg Foto: Brüssel
Der Vereinschef und sein Star: Dr. Markus Witt mit Julia Görges nach deren Turniersieg Ende Oktober in St. Petersburg Foto: Brüssel

Regensburg.Herr Dr. Witt, das Eckert-Tennisteam des TC Rot-Blau starten am 6. Mai mit dem Spiel in Hannover als Titelverteidiger in die neue Bundesliga-Saison. Wie erklären Sie als Rot-Blau-Vorstand diesen bemerkenswerten Erfolg eines Regensburger Klubs?


Wir waren immer ein sehr guter Tennisverein, haben uns sportlich meist auf Regionalliga-Niveau, also in der 3. Liga, bewegt. Als sich Michael Geserer (ehemalige Nummer 189 im Herrentennis/d. Red.) beruflich zurück in seine Heimatstadt Regensburg orientiert hat, war das für uns ein Glücksfall. Er hat als Teammanager die Mannschaft übernommen und tatsächlich 2012 den Aufstieg in die zweite Liga realisiert. Damals standen wir vor der grundsätzlichen Frage, ob wir das Aufstiegsrecht überhaupt wahrnehmen. Die neue Liga bedeutete ja einen ganz anderen Aufwand, von bundesweiten Reisen über Investitionen in die Infrastruktur bis hin zur Durchführung von Dopingkontrollen.

Wie haben Sie reagiert?

Es gibt Vorbilder in der Stadt, die Buchbinder Legionäre im Baseball etwa oder die LG Telis Finanz in der Leichtathletik. Es ging darum, einen Namenssponsor zu gewinnen. Also habe ich mich hingesetzt, ein Sponsoringkonzept erarbeitet und dieses fünf Unternehmen in Regensburg vorgestellt. Die Eckert-Schulen haben zugegriffen und damit eine mutige und sehr gute Entscheidung für das Unternehmen getroffen. Damit war die finanzielle Basis gelegt.

Bedarf es für das Ziel, Damentennis auf höchstem Profiniveau zu präsentieren, auch einer breiten Willensbildung im Verein? Mussten Sie die einzelnen Rot-Blau-Mitglieder mitnehmen?

Ehrlicherweise muss ich sagen, dass die Willensbildung in einem eher kleinen Kreis stattgefunden hat. Wir sprechen dabei von 20 bis 25 Personen. Meiner Erfahrung nach sind alle Vereine am Ende des Tages eher klein, wenn man diejenigen Personen betrachtet, die sich engagieren.

Handelt es sich um ein ziemlich abgehobenes Projekt mit geringer Bindung an die Vereinsbasis?

„Die Leute sind stolz. Ich spüre an den Spieltagen viel Wärme und Sympathie.“

Dr. Markus Witt

Nein. Um nicht missverstanden zu werden: Das ist kein völlig losgelöstes Projekt. Unsere Mitglieder stehen hinter uns. Sie goutieren sehr wohl, dass hier unglaublich toller Sport geboten wird. Wir bieten Tennis zum Anfassen in einer sehr speziellen Atmosphäre. Zu uns kommen deshalb sehr viele Tennisfans und Familien auf die Anlage, die Ballkinder sammeln Autogramme, die Erwachsenen lassen sich gerne mal mit den Stars fotografieren. Ich glaube, es gibt im TC Rot-Blau niemanden, der das jetzt abschaffen wollte. Im Gegenteil: Die Leute sind stolz. Ich spüre an den Spieltagen viel Wärme und Sympathie.

Waren Sie sicher, dass der Standort Regensburg hochklassiges Tennis als Angebot annimmt?

Ich war zumindest immer überzeugt, dass die Fans kommen, wenn wir super Sport bieten. Die Menschen honorieren das. Sie merken, dass das keine Mogelpackung ist. Wir liegen nicht nur sportlich weit über meinen ursprünglichen Erwartungen, sondern auch in puncto Akzeptanz des Publikums in der Stadt und der Region. Man muss realistisch sein. Tennis war ja nach den Boomjahren mit Steffi Graf und Boris Becker ein vergleichsweise kleiner Sport in der öffentlichen Wahrnehmung. Unsere Zuschauerzahlen schwanken je nach Wetter und Gegner zwischen 400 und 1500. Und das finde ich mehr als beachtlich.

Was zieht die Zuschauer an?

Unsere Kernmarke ist Tennis auf Weltklasseniveau. Natürlich gibt’s auch ein bisschen Chichi drumherum, hier ein Foto, da ein Autogramm, vielleicht mal Erdbeeren mit Sahne. Das ändert nichts am absoluten Fokus auf den Sport.

Sie haben das Oberpfälzer Sportpublikum mal als eher abwartend beschrieben. Haben Sie diese Skepsis schon überwunden?

Natürlich gibt es immer Luft nach oben. Was ich mit der Aussage meinte, ist: Die Oberpfälzer kommen langsam, aber gewaltig. Man muss mit dieser anfänglichen Zurückhaltung und scheinbar mangelnden Begeisterungsfähigkeit leben. Hat man sich dann aber beharrlich einen guten Ruf erarbeitet, dreht sich das ins Gegenteil um.

Ist es schwierig, Begeisterung fürs Tennis zu entfachen?

„Nach der Ära von Becker und Graf hatte es als Sportart einen permanenten Niedergang erlebt.“

Dr. Markus Witt

Tennis hatte sehr wohl mit einer Art Stigma zu kämpfen. Nach der Ära von Becker und Graf hatte es als Sportart einen permanenten Niedergang erlebt. Ich nehme für uns im TC Rot-Blau in Anspruch, schon seit vielen Jahren eine Vorreiterrolle übernommen zu haben. Wir haben die nun bundesweit eingetretene positive Entwicklung vorweggenommen. Aktuell haben wir mit Alexander Zverev einen deutschen Spieler in der Weltspitze (ATP 3/d. Red.). Und wenn die Damen im Fed Cup antreten, ist die Porsche-Arena in Stuttgart lange vorher ausverkauft.

Zahlt sich der neue Boom auch in Ihren Mitgliederzahlen aus?

Wir sind sehr zufrieden, haben mit rund 650 den höchsten Mitgliederstand seit etwa 20 Jahren. Mehr als 750 Mitglieder wären bei den vorhandenen Kapazitäten auf unserer Anlage ohnehin nicht darstellbar, zumal wir mit 38 Mannschaften, die am aktiven Turnierbetrieb teilnehmen, schon heute manchmal an Grenzen stoßen. Damit zählen wir zu den größten Tennisvereinen in Bayern.

Sie haben bereits die zentrale Rolle von Michael Geserer skizziert. Kam Ihnen auch ein wenig der Zufall zu Hilfe, weil es die deutsche Spitzenspielerin Julia Görges privat nach Regensburg verschlagen hat?

Michael Geserer und Dr. Markus Witt feiern mit Julia Görges ihren Sieg in St. Petersburg. Foto: Brüssel
Michael Geserer und Dr. Markus Witt feiern mit Julia Görges ihren Sieg in St. Petersburg. Foto: Brüssel

Von einem Zufall würde ich nicht sprechen, eher von einer glücklichen Fügung. Ich wage mal zu behaupten, dass das Projekt Eckert-Tennisteam auch funktioniert hätte, wenn Julia nicht ihren Lebensmittelpunkt nach Regensburg verlegt hätte. Sie ist wahnsinnig sympathisch, sehr hübsch, spielt seit Monaten unfassbar gutes Tennis. Wir sind froh, dass wir sie haben. Aber es ist ein Glücksfall für alle Beteiligten, auch für Julia selbst, dass seit drei Jahren in Regensburg lebt. Sie weiß zu schätzen, wie wohl sie sich hier fühlt.

Und wie würden Sie die Michael Geserers Qualitäten beschreiben?

„Wenn uns jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, dass wir deutscher Meister im Damentennis werden, den hätten wir glatt für verrückt erklärt.“

Dr. Markus Witt

Michael hat einen unerschütterlichen Willen und Optimismus und immer ein klares Ziel. Es klingt vielleicht übertrieben, aber er ist wirklich jemand, der Berge versetzen kann. Wenn uns jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, dass wir deutscher Meister im Damentennis werden, den hätten wir glatt für verrückt erklärt. Ebenso wenn jemand gesagt hätte, dass Julia mit ihm als Trainer unter die Top Ten der Welt kommt. Zudem: Er ist Regensburger, lebt hier, seine Kinder gehen hier zur Schule. Er ist kein Legionär.

Hängt das Projekt Eckert-Team also an der Präsenz Geserers?

Ich bin da ganz realistisch. Für alle Sportvereine und Sportarten gilt: Wenn solche Initiatoren gehen, wird’s schwierig für die Zukunft. Das deutsche Vereinswesen hat nicht mehr die Breite und Tragfähigkeit wie vielleicht noch vor 50 Jahren. Daher stehen und fallen solche Projekte immer mit den wenigen Leuten, die sie tragen. Das zum einen. Zum anderen: Alles steht und fällt mit zufriedenen Sponsoren. Wenn diese das Gefühl haben, dass sie für ihr Geld eine gute Gegenleistung bekommen, bleiben sie auch bei der Stange.

Herr Dr. Witt, Sie sind selbst oft auf dem Platz anzutreffen. Welcher Typ Tennisspieler sind Sie?

Ach, wissen Sie, meiner Überzeugung nach hat vieles im Leben mit Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen zu tun. Es gibt Menschen, die geben nie auf, und zu diesen Menschen zähle ich mich – auch auf dem Tennisplatz. Und eine gewisse Härte schadet auch nicht. Das gilt zum Beispiel für die Budgetführung, egal ob im Breitensport oder im Profitennis. Wir haben beim TC Rot-Blau in den letzten 10 Jahren niemals einen Euro mehr ausgegeben, als wir eingenommen haben.

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