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Interview

Stahl kennt den Schatten und das Licht

Die Frau mit der „schnellsten Schulter der Welt“ spricht über Rio und wie sie ihren Arzt-Job mit dem Sport in Einklang bringt

Linda Stahl kennt die Schattenseite des Speerwerfens: 2008 durfte sie als Drittbeste der Welt nicht zu Olympia, weil ihre Leistung drei Tage zu spät kam.
Linda Stahl kennt die Schattenseite des Speerwerfens: 2008 durfte sie als Drittbeste der Welt nicht zu Olympia, weil ihre Leistung drei Tage zu spät kam. Foto: dpa

Regensburg.Wir sind in einem Olympiajahr. Die deutschen Speerwerferinnen waren immer gut für Erfolge. Und heuer?

Das macht es nicht leichter. Wir haben nur drei Startplätze und vier Athletinnen, die in den Top ten der Weltmeisterschaft waren. Eine bleibt also zuhause. Das ist eine Ausgangsposition, die sehr schwierig ist und für eine sehr schmerzhaft sein wird. Aber ich werde alles dafür tun, dass ich nicht die bin, die zuhause bleibt. Alle drei, die fahren werden, sind für Rio Medaillenkandidaten.

Die Vierte im Bunde zu sein ist eine besonders schmerzhafte Geschichte, oder?

Mir ist das 2008 passiert. Da war ich das: Ich weiß, wie das ist. Daraus habe ich aber auch viel Motivation gezogen und habe viel gelernt. Damals habe ich drei Tage nach dem Qualifikationszeitraum 66 Meter geworfen und bin als Nummer drei der Welt zuhause geblieben.

Das ist ja die Höchststrafe.

Ich war erst 21 und weiß, woran das lag. Das war die pure Angst, dass ich nicht so weit werfe, wie ich kann. Ich glaube, dass mir das dieses Jahr auch helfen wird, nicht die Vierte zu sein.

Spornt der interne Konkurrenzkampf eher an oder hemmt er?

Das hängt von der Erfahrung ab, von der Person und auch, wie es läuft. Hätte ich im Wintertraining keine guten Leistungen gezeigt, wäre ich vielleicht verunsichert. Aber es ist super gelaufen. Ich habe nochmal einiges an den Rahmenbedingungen geändert. Ich bin in Leverkusen Ärztin in der Urologie, habe in der Saison auch Nachtdienste – also 24-Stunden-Dienste ¨– gemacht und das hat mir die Saison im Nachhinein betrachtet komplett kaputtgemacht. Jetzt möchte ich nochmal alles auf eine Karte setzen. Ich habe zwar meine wöchentliche Stundenzahl nicht reduziert, aber ich mache keine Nachtdienste mehr. Das merke ich natürlich im Training, dass ich viel bessere Regenerationszeiten habe. Nach einem 24-Stunden-Dienst habe ich drei Tage gebraucht, um auf mein Niveau zurückzukommen. Und zwei Tage später folgte der nächste Dienst. Das musste ich ausschalten.

Wie lange arbeiten Sie?

24 Stunden die Woche, also 60 Prozent. Von halb acht bis zwei bin ich in der Klinik – oder ein bisschen länger. Der Klinikbetrieb ist eine hektische Sache: Wenn ich dazu komme, einen Liter zu trinken, ist das schon ganz gut.

Solch strukturierte Leute sind zu bewundern: Als Kritiker des deutschen Sportsystems wundert man sich, wie gute Leistungen in Deutschland überhaupt noch zustande kommen. In anderen Ländern lacht man sich über so etwas kaputt.

Das können die gerne machen. Aber ich bin jetzt 30, irgendwann kommt das Leben danach. Meine Eltern sind Lehrer und haben immer gesagt, dass Ausbildung wichtig ist. Das unterschreibe ich sofort. Ich habe mein halbes Leben lang Leistungssport gemacht, werde nach dieser Saison meine Karriere beenden und der Tagesablauf wird ein ganz anderer werden. Da bin ich froh, dass ich meinen Job in Vollzeit ausüben werde. Sonst läuft man Gefahr, in ein Loch zu fallen, wenn die Sportstruktur im Tagesablauf des Trainings weg fällt. Ich halte es für relativ gefährlich, dass man dann nicht mehr weiß, was man mit sich anfangen soll. Ich für mich bin froh, diesen Weg gegangen zu sein. Auch wenn ich weiß, dass das für den Sport keine hundertprozentige Ausbeute gebracht hat.

Wäre eine Linda Stahl noch erfolgreicher gewesen?

Das kann ich nicht sagen. Ich stand von 2011 auf 2012, also vor den letzten Olympischen Spielen, vor der Wahl, mein praktisches Jahr oder gar nichts zu machen. Zunächst habe ich mich für gar nichts entschieden und relativ schnell gelangweilt. Da habe ich begonnen, meine Doktorarbeit anzufangen – auch wenn die Arbeit immer noch in der Schublade liegt. Ich bin nicht der Typ, der nur Sport macht. Es gibt aber auch Typen, die nichts anderes schaffen würden. Das hat nichts mit Intelligenz oder Motivation zu tun, das ist nur typabhängig.

Linda Stahl Foto: afp
Linda Stahl Foto: afp

Alles eine individuelle Sache?

Absolut – und von Sportart zu Sportart unterschiedlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mehrkämpfer so ein Vollzeitstudium nebenbei absolvieren. Das geht einfach nicht. In Wurfdisziplinen schon: Wir müssen auch viel trainieren, aber zeitlich nicht so lange.

Ist die Unterstützung in Deutschland gut genug?

Ich kann für mich persönlich sagen, dass ich für mich nicht den einfachsten Weg gegangen bin. Ich habe mich als Matrikelnummer an der Uni eingeschrieben und war auch eine Matrikelnummer, unabhängig von meinem Sportstatus. Das hat niemanden interessiert. Hinten raus war es bisschen besser: Da kam die duale Karriere auf und ein Laufbahnberater hat mir sehr geholfen bei Klausuren oder Praktikum.

Sucht man sich sein persönliches Modell?

Du brauchst auch einen verständnisvollen Trainer als Gegenpart. Ich kam manchmal erst um sieben von der Uni und er stand trotzdem da. (Lacht) Und meine Eltern wohnen zwar 200 Kilometer entfernt, aber sie haben schlicht und ergreifend auch mal vor ein paar Wochen den Kühlschrank vollgemacht, weil ich keine Zeit dafür hatte. Man braucht ein funktionierendes Umfeld.

Also fehlt die organisierte Unterstützung doch ein bisschen?

Ich habe das ja selber so gewählt. Ich habe die Unterstützung meines Chefs, werde für Trainingslager freigestellt, muss keine Nachtdienste machen. Andere Chefs vertreten das nicht so gut vor den Mitarbeitern.

Das ist alles selbst organisiert, oder?

Das halte ich auch für die beste Methode. Ich bin mit 30 alt genug, dass ich das selber regeln kann. Aber man braucht natürlich den Gegenpart. Mein Chef ist sportbegeistert und hat die Flüge nach Rio schon gebucht. Und er sagt: „So, Frau Stahl, jetzt sind Sie dran. Machen Sie mal zu, dass ich nicht alleine da rumstehe.“ Das ist die perfekte Kombination.

Gibt es eine Begründung für die deutsche Speerwurf-Stärke? Irgendwie kommt immer etwas nach.

Die alten Damen – da zähle ich Christina Obergföll, Katharina Molitor und mich dazu, wobei ich ja noch die jüngste bin – danach kommt Christin Hussong, der die Zukunft gehört. Aber wenn wir drei weg sind, wird man auch gucken müssen, was nachkommt. Ich glaube, dass der Erfahrungsschatz unserer Trainer so gut ist – die Trainingspläne liegen wahrscheinlich schon seit 30 Jahren in der Schublade, die sie immer wieder anpassen. So einen Erfahrungsschatz gibt es international nicht unbedingt.

Speerwerfen ist eine komplizierte Sache: Kleinigkeiten, die für den Laien nicht sichtbar sind, entscheiden.

Absolut. Abwurf und Abwurfwinkel sind die wichtigsten Dinge. Ich habe einen steilen Abwurfwinkel. Das muss ich in den Griff kriegen. Ansonsten habe ich die schnellste Schulter auf der Welt...

Das klingt aber interessant...

Das bringt mir aber nichts, wenn der Speer in eine andere Richtung geht als meine Kraft. Meine Kraft geht auf 37 Grad, und meine Schulter steht auf 45 Grad. Da verpufft sehr viel Energie. Das macht in Metern fünf bis sieben aus, also eine Welt im Speerwurf.

Gab’s denn den optimalen Wurf schon?

Nein. In der Theorie gibt es ihn. Ich habe nicht mehr allzu lange zeit, den hinzubekommen. Der 18. August 2016 wäre ein ganz gutes Datum, da ist das Finale in Rio. Ich lege das mal in die Hände meines Trainers, der mich körperlich immer hingekriegt hat. Der Kopf muss natürlich mitspielen.

Wieviel macht der Kopf aus?

50 Prozent bestimmt. Das Können haben viele, stimmt. Bei hopp oder top, spielt der Kopf eine ganz große Rolle. Ich kann mich an Zürich (die Europameisterschaft 2014) erinnern, wo ich den allerletzten Wurf des Wettbewerbs hatte. Ich wusste, ich muss noch etwas drauflegen. Natürlich ist man da nicht ganz so locker wie beim Einwerfen. Ob es klappt, ist es Glück oder Pech. Dort hat es nicht geklappt.

Wenn’s am 18. August klappt, reicht das.

Ich freue mich auf Rio. Meine Eltern sind dabei, mein Bruder ist dabei, mein Chef ist dabei. Jetzt muss nur noch meine Fahrkarte her. Aber es ist gut, wenn man ein positives Gefühl hat – und ich war ja schon dort mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband. Das rufe ich mir schon mal ins Gedächtnis, wenn ich im Training sechsmal 200 Meter Tempoläufe vor mir habe. Das motiviert. Was auch motiviert: Ich weiß, dass ich es nächstes Jahr nicht mehr besser machen kann.

Gute Einstellung für den Abschluss...

Ich weiß, dass ich nur noch dieses Jahr die Chance habe, alles zu geben. Wenn ich mich qualifiziere, kann mir nichts mehr passieren. Ich habe schon eine olympische Medaille. Das kann mich für Rio sehr beruhigen.

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