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Steffi Jones: „Wir sind der Maßstab!“

Im Interview spricht die Bundestrainerin über Vorgängerin Silvia Neid, ihren Führungsstil und ihre Ziele mit der DFB-Elf.
Von Felix Kronawitter, MZ

Mit der Beförderung zur Bundestrainerin ging für Steffi Jones ein Lebenstraum in Erfüllung.
Mit der Beförderung zur Bundestrainerin ging für Steffi Jones ein Lebenstraum in Erfüllung. Fotos: dpa

Frau Jones, Sie haben als Fußballprofi große Erfolge gefeiert, waren DFB-Direktorin und WM-Organsisatorin, jetzt sind Sie Bundestrainerin: Was ist denn die spannendste Aufgabe?

Steffi Jones: Meine größte Leidenschaft war immer der Fußball. Daher ist das jetzt auch die Aufgabe, die ich nach meiner aktiven Zeit immer machen wollte. Ich bin sehr glücklich, dass ich jetzt Bundestrainerin bin.

In Ihrer Karriere ist Ihnen schon immer Gegenwind entgegengeweht. Dieses Mal sogar schon, bevor Sie das Amt überhaupt angetreten hatten. Muss man sich da ein dickes Fell zulegen?

Ich bin ein selbstkritischer Mensch. Schon zu meiner Zeit als Spielerin gab es welche, die sagten, ich gehöre nicht in die Frauen-Nationalmannschaft. Dennoch habe ich 111 Länderspiele gemacht – und die nicht so schlecht. Auch zu meiner Zeit als OK-Präsidentin (Organisationskomitee für die WM 2011; Anm. d. Red) gab es Menschen, die der Meinung waren, dass es eine bessere gibt – die gibt es vielleicht auch. Es geht mir aber immer um die Sache. Ich weiß, wo ich meine Stärken, und wo ich vielleicht auch Defizite habe, sehe mich aber immer als Teamplayer. Als Spielerin habe ich die Kritik noch persönlich genommen. Das war sehr schwer für mich. Da habe ich irgendwann angefangen, nichts mehr zu lesen, weil es teilweise unter die Gürtellinie ging. Ich war so weit und habe gesagt: „Ich höre auf, ich kann nicht mehr.“ Mittlerweile kann ich damit aber sehr gut umgehen. Mein Fell ist dicker geworden.

„Mein Fell ist dicker geworden.“

Was haben Sie aus Ihrer Rolle als OK-Präsidentin, in der Sie ja sehr im Rampenlicht standen, mitgenommen, was Ihnen jetzt am meisten als Bundestrainerin hilft?

Die Zeit als OK-Präsidentin, aber auch als DFB-Direktorin, hat mich geprägt und in meiner Entwicklung weitergebracht. Während mir das Repräsentative schon immer gelegen hat, habe ich vor allem gelernt, wichtige Entscheidungen zu treffen. Ich habe einen ganzheitlichen Einblick in den Frauen- und Mädchenfußball bekommen und als DFB-Direktorin konnte ich die Entwicklung dann selbst lenken. Ich war so immer nah dran am Fußball. Vor allem als Direktorin habe ich viel mitgenommen. In dieser Zeit war ich auch für Personal zuständig und musste auch Mitarbeitern mal mitteilen, dass sie ihre Probezeit nicht bestanden haben. Da lernt man es wirklich, ein Team zu leiten. Das war für mich noch effektiver als die Zeit im OK mit Blick auf meine aktuelle Tätigkeit als Bundestrainerin.

In wie prägt Ihre Kindheit und Jugend die Bundestrainerin Steffi Jones?

Ich bin durch meinen drei Jahre älteren Bruder zum Fußball gekommen. Der Fußball war für mich immer ein Auffangbecken. Wenn man in einem sozialen Brennpunkt (Anm. d. Red.: Frankfurt-Bonames) aufwächst, dann ist man froh, wenn man irgendetwas hat.

Was hat Ihre Mutter, zu der sie ja ein ganz besonderes Verhältnis haben, überhaupt zu Ihrem neuen Rollenwechsel gesagt?

Meine Mutter hat das auch jetzt als Erste erfahren. Und sie weiß, dass mein Lebenstraum damit in Erfüllung geht. Sie hat mir nochmal aufgezeigt, dass ich schon soviel gemeistert habe – und auch das meistern werde. Sie hat aber schon angekündigt, dass sie nicht zu allen Spielen kommen wird, weil sie sich da zu sehr aufregen muss. Am Samstag kann sie leider auch nicht, da muss sie auf unseren Hund, einen acht Monate alten Labrador, aufpassen. Unser Verhältnis ist weiter sehr eng. Meine Mutter lebt jetzt auch bei uns. Sie ist wie ein Kumpel für mich. Wir fahren gemeinsam in Urlaub und gehen sogar miteinander aus.

Während ihrer aktiven Spielerkarriere mussten Sie schauen, wie sie sich durchschlagen, um Fußballprofi zu sein und haben nebenbei im Supermarkt gearbeitet. Das ist heute anders. Wie sehen Sie die aktuelle Spielerinnen-Generation?

Heute gibt es natürlich andere Rahmenbedingungen. Der Frauenfußball ist viel professioneller geworden. Die Trainer sind mittlerweile fast alle Fußballlehrer. Diese Generation ist selbstbewusster. Sie sind vielleicht nicht ganz so laut wie wir früher. Die Mädels sind alle sehr ehrgeizig, die muss man eher immer etwas bremsen. Ich kann Silvia Neid nur recht geben: Das ist eine tolle Generation, die sehr diszipliniert und sehr gut ausgebildet ist.

Ich will und kann mich nicht mit Silvia Neid vergleichen.

Ihre Vorgängerin Silvia Neid war zehn Jahre im Amt. Was ist Ihr Ziel?

Ich will und kann mich nicht mit Silvia Neid vergleichen. Das, was sie als Spielerin und Trainerin erreicht hat, kann man nicht toppen. Man kann nur seine eigene Geschichte schreiben. Es wäre schön, wenn sie auch so weitergeht. OK-Präsidentin, DFB-Direktorin und jetzt Bundestrainerin: Wenn es dann acht oder zehn Jahre werden, würde mich das freuen. Aber alles Schritt für Schritt…

Symbolfigur des DFB

  • Steffi Jones wuchs als Tochter eines afroamerikanischen US-Soldaten und einer deutschen Mutter in Frankfurt-Bonames, einem sozialen Brennpunkt, auf. Ihr Vater verließ die Familie früh und kehrte in die USA zurück.

  • Seit 2012 ist Jones mit der Bankerin Nicole Parma liiert, mit der sie im Juni 2014 eine eingetragene Lebenspartnerschaft einging. Für ihr lesbisches Outing hatte die mittlerweile 43-Jährige viel Lob bekommen.

  • Vom Problemviertel an die Spitze: Die Ex-Nationalspielerin gilt als Symbolfigur des DFB. Jetzt soll die Welt- und Europameisterin die DFB-Elf zu Titeln führen. 2017 soll in den Niederlanden gleich der nächste EM-Titel her.

Die Spielerinnen betonen, dass mit Ihnen jetzt ein ganz anderer Typ als Silvia Neid am Werk ist. Lassen Sie ihr Team bewusst an der langen Leine?

Ich möchte diesen Freiraum jetzt erstmal geben. Mein Führungsstil ist, dass ich sehr viel Eigenverantwortung mitgebe. Auf dem Spielfeld darf man nicht zu viel vorgeben. Die Spielerinnen haben die Erfahrung, um zu wissen, was sie zu tun haben. Was wir ihnen dagegen mitgeben wollen sind Handlungsoptionen.

Am liebsten würden Sie wahrscheinlich noch selbst mitmischen…

Ja natürlich! Ich habe als Co-Trainerin noch teilweise mitgespielt und mir dabei zweimal einen Muskelfaserrisse geholt. Das ging schwer in die Hose. Heute mache ich das nicht mehr, auch wenn es mich natürlich juckt. Die Spielerinnen wissen aber, dass ich noch kicken kann. Die Kritik, dass mir praktische Erfahrung als Trainerin fehlt, sehen meine Spielerinnen so gar nicht.

„Es ist ja schon ein Zeichen des DFB, dass ich, eine Frau mit Migrationshintergrund, die mit einer Frau zusammen lebt, jetzt Bundestrainerin bin.“

Mit Hasret Kayikci hat kürzlich eine türkischstämmige Fußballerin ihr Debüt gegeben. Ein Zeichen an alle muslimischen Mädchen, die in Deutschland Fußball spielen?

Es ist jetzt nicht gerade so, dass wir viele Spielerinnen mit Migrationshintergrund haben. Bei den Männern sieht es da schon anders aus. Es ist ganz wichtig, dass solche Spielerinnen als schönes Beispiel dienen, um Eltern zu zeigen: „Seht her, egal wo ihr herkommt: Ihr könnt Fußball spielen.“ Wir brauchen aber noch mehr Aufklärung, noch mehr Mädchen-Fußball in den Schulen. Es ist ja schon ein Zeichen des DFB, dass ich, eine Frau mit Migrationshintergrund, die mit einer Frau zusammen lebt, jetzt Bundestrainerin bin.

Im Gegensatz zum Männerfußball sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften im Frauenfußball längst kein Tabuthema mehr. Aber totale Offenheit gibt es dennoch nicht. Was würden Sie ihren Spielerinnen da raten?

Egal, ob man jetzt in einer gleichgeschlechtlichen- oder in einer Hetero-Beziehung ist, da muss jeder selbst entscheiden, ob er das öffentlich leben will oder nicht. Mir war immer wichtig, dass die, die es wissen sollten, es auch wussten: meine Familie und der DFB.

Nach dem Olympiasieg erwartet die Öffentlichkeit nun weitere Titel unter ihrer Führung. Keine Furcht vor der großen Erwartungshaltung?

Wir sind der Maßstab! Das sollen die Spielerinnen verinnerlichen. Keine Mannschaft hat solch einen sehr guten, ausgeglichenen Kader. Ich möchte einfach, dass meine Mannschaft endlich mit einer positiven Arroganz rausgeht.

Was sollen die Leute mal über die Bundestrainerin Steffi Jones sagen?


Sie hat es wieder geschafft!

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