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Nationalmannschaft

Timo di Giorgio: Ein Pionier des Futsals

Der Neu-Nationalspieler spricht mit Claus Wotruba über die neue Art des Hallenkicks: „Der Stein ist ins Rollen gekommen.“
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Noch kombiniert auch der Pforzheimer Timo di Giorgio Futsal (wie hier beim Regionalliga-Spiel in Regensburg) und Fußball: Doch auch er weiß, dass sich das ändern muss.
Noch kombiniert auch der Pforzheimer Timo di Giorgio Futsal (wie hier beim Regionalliga-Spiel in Regensburg) und Fußball: Doch auch er weiß, dass sich das ändern muss. Foto: Brüssel

Regensburg.Fangen wir provokativ an: Wir wollten schon immer mit einem Nationalspieler reden, den keiner kennt.

Das ist die Einstiegsfrage?

Oder wird man als Futsal-Nationalspieler erkannt auf der Straße?

Definitiv nicht. Ich scherze ich darüber gerne selbst. In Hamburg kamen nach dem Länderspiel kleine Mädchen und Jungs und wollten Selfies machen und Autogramme haben. Da habe ich gesagt: „Klar, jetzt wollen alle Fotos und nachher in der U-Bahn kennt mich keiner mehr.“ Wir wissen uns selbst einzustufen. Wir sind zwar Nationalspieler, aber halt im Futsal und nicht im Fußball. Wir sind keine Müllers, Neuers, Özils. Aber bei den ersten Länderspielen in Hamburg war es trotzdem schön, die Publicity und Aufmerksamkeit mitzunehmen, auch wenn die Leute nicht immer wissen, wer vor ihnen steht. Das war ein schönes Gefühl. Und vielleicht entwickelt es sich ja so, dass man auch mal erkannt wird.

Genauso flapsig wie die Startfrage: Welches Engagement ist wichtiger – das beim FC Germania Friedrichstal in der Fußball-Verbandsliga oder das bei Portus Pforzheim in der Futsal-Regionalliga?

Schwer, schwer. Klar durch die Nationalmannschaft rückt Futsal in meiner Laufbahn mehr denn je in den Vordergrund. Ich bin Fußballer, seit ich zweieinhalb bin. Und Futsaler seit fünf, sechs Jahren zusätzlich. Ich habe diese Doppelbelastung, die zieh ich durch. Letztlich bin ich aber Student und mache gerade meinen Master in Sportwissenschaft – und so dumm es sich anhört: Im Fußball verdient man Geld und als Student muss man darauf schauen. Im Futsal geht das nicht. Banal gesagt, spiele ich deswegen auch noch Fußball.

Was ist bei Terminkollisionen?

Die gibt’s nicht. Futsaltraining ist nur einmal die Woche am Mittwoch und da gehe ich auch hin – wenn wir genügend Leute im Training haben. Denn das ist anders als in Regensburg beim SSV Jahn 1889: Auch die anderen spielen Fußball. Nach Friedrichstal bin ich gewechselt, weil da der Ex-Mann meiner Mutter Trainer ist. Da habe ich vereinbart, dass ich nur komme, wenn es mit Futsal vereinbar ist. Auch der Spielplan wurde so hingetrimmt.

Die Doppelbelastung ist trotzdem heftig.

Mein Körper macht’s mit. Die Belastung ist an der Grenze, aber ich kann mich ja auch mal rausnehmen. Zuletzt war es mal so: Da habe ich um halb drei zufällig in der Nähe von Pforzheim gespielt bis viertel nach vier, die Tasche genommen und bin 20 Minuten nach Pforzheim gefahren. Dort war ich um fünf und habe um halb sechs gegen Weilimdorf gespielt. Also 90 Minuten plus 40 Minuten – das spürt man am Sonntag schon. Aber in der Winterpause kann ich mich ja komplett auf Futsal konzentrieren, auch mit der EM-Qualifikation in Lettland Ende Januar.

Hat sich das persönliche Fußballspiel durch Futsal verändert?

Es ist kurios. Ich bin von einem Futsal-Lehrgang aus Hennef nach dem Morgentraining dreieinhalb Stunden zurückgefahren, kam zur Halbzeit an, bin eingewechselt worden und schieße das 3:0. Das hatte ich noch nie: Zuletzt habe ich sechs Spiele hintereinander getroffen und sieben Tore gemacht. Es läuft. Mich beflügelt das.

Gibt es eine persönliche Präferenz: Ist Futsal schöner als Fußball? Oder umgekehrt?

Für mich ist es gleich schön. Ich liebe beide Sportarten: Ich bin Fußballer und Futsaler. Zur Zeit, bei dem Wetter, geht man lieber in die Halle als bei gefrorenem Boden draußen zu spielen. Mittlerweile stehe ich beim Futsal voll dahinter. Ich leiste Pionierarbeit und schreibe ein Forschungsmodul über Futsal an der Uni. Ich nehme auch in der Presse alles mit. Vielleicht kann ich 15, 20 Jahren sagen: Ich war bei denen mit dabei, die das Ganze ins Rollen gebracht haben. Und ich muss für Süddeutschland die Fahne hochhalten. Wir waren nur zu zweit in der Nationalmannschaft (aus Bayern war Danijel Majdancevic aus Rosenheim dabei, d. Red.).

Aber wir sind uns einig, dass möglichst schnell eine möglichst hochwertige Liga kommen sollte, die volle Konzentration auf Futsal erfordert. Parallelspieler wie einen di Giorgio sollte es bald nicht mehr geben.

Das ist Fakt. Deutschland kann erst internationales Topniveau erreichen, wenn sich die Spieler voll auf Futsal konzentrieren. Dann ist auch das Gefälle nicht so hoch. In einer Bundesliga wäre man in jedem Spiel gefordert.

Erlebt ein di Giorgio das als Aktiver?

Ich werde nächstes Jahr 29. Ich weiß es nicht, da muss man den DFB fragen. Ich hoffe es. Die Länderspiele in Hamburg waren eine Spitze im öffentlichen Interesse, das flachte aber auch schnell wieder ab. Das wird während der EM-Quali wieder kommen.

Auch wenn Deutschland nicht Europameister wird...

Das ist klar. Die Bundesliga ist unabdingbar, um Topniveau zu erreichen, Spaniern, Russen und Italienern das Wasser zu erreichen. Die spielen von Kindesbeinen an, wir seit fünf, vielleicht acht Jahren. Das sieht man an den Regensburgern, die sich ihr Leben lang mit nichts anderem beschäftigen. Wir sind Quereinsteiger. Es geht nur über den Weg „100 Prozent Futsal“.

Was sagt ein deutscher Nationalspieler über das Regensburger Projekt mit etlichen Brasilianern?

Natürlich ist das erstmal positiv. Dass Lucas Kruel (der brasilianische Spielertrainer des SSV Jahn 1889, d. Red.) das hier so aufbaut und der Süden Aufmerksamkeit bekommt, ist gut. Die Liga ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich besser geworden. Es profitieren ja auch zwei, drei Deutsche in der Mannschaft.

Was sagen Sie zur These, dass die Brasilianer des SSV Jahn 1889 die deutsche Nationalmannschaft schlagen würden.

Da muss ich widersprechen. Nach hinten wollen die Brasilianer nicht so recht zurücklaufen und wir haben die deutschen Tugenden. Das haben wir auch gegen England gezeigt, dass wir uns reinhauen, kämpfen und ackern. Aber kicken können wir auch. Also nein, wir würden gewinnen!

Der Einstieg gegen England war bemerkenswert, gegen ein Land, das schon 12, 13 Jahre ein Nationalteam hat.

Wir wussten, dass es ein Spiel auf Augenhöhe ist. Das haben wir bestätigt. Das zweite Spiel (5:3 und 3:3, d. Red.) war ein bisschen unglücklich, wir hätten auch mit zwei Siegen rausgehen können. Vielleicht war das Unentschieden auch gut, damit wir auf den Boden der Tatsachen kommen.

Die Erwartungen schießen schnell hoch. Da meinen manche, die EM-Qualifikation kann doch nicht das Thema sein. Aber man muss wohl die Kirche im Dorf lassen und erstmal die erste Runde überstehen.

Die Kirche bleibt auch im Dorf. das sagen alle, Trainerteam und Spieler. Wir sind kein Favorit. Im Fußball würden wir gegen Armenien, Lettland und Estland mit neun Punkten rausgehen.

Aber der Vergleich ist da. Man legt diese Erwartungshaltung um.

Das darf man nicht. Futsal ist nicht Fußball, das ist eine andere Sportart. In anderen Sportarten können andere Länder auch besser sein.

Die ersten deutschen Futsal-Länderspiele in Hamburg haben aber etwas verändert?

Durchaus. Wenn ich es mit dem ersten Spiel gegen Georgien vergleiche (0:5, d. Red.), war das eine Riesenschritt nach vorne.

Es braucht diese Explosion: In langen Zeiträumen zu denken wäre wenig passend.

Nein, der Stein ist ins Rollen gekommen. Jetzt muss er weiterrollen. Da sind alle gefordert. Wir leisten alle Pionierarbeit.

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