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Fußball

Vollath: Fußball ist kein Extremsport

Dem Karlsruher SC droht der Abstieg. Daher muss Torwart René Vollath seine Tätigkeit als Fußballschiedsrichter einschränken.
von Jörn Duddeck

René Vollath kämpft im Tor des Karlsruher SC gegen den Abstieg und um seinen Stammplatz.
René Vollath kämpft im Tor des Karlsruher SC gegen den Abstieg und um seinen Stammplatz. Foto: dpa

Regensburg.Herr Vollath, Sie haben in der Amateurliga eine Schiedsrichterkarriere gestartet. Nun läuft die aktuelle Saison für den Karlsruher SC nicht zufriedenstellend. Können Sie in Anbetracht der sportlichen Situation Ihr Hobby weiter ausführen?

Mein voller Fokus gilt momentan dem Klassenerhalt mit dem KSC. Dafür muss ich private Dinge zurückstellen. Das ist oberste Pflicht. In der Hinrunde habe ich fünf Spiele gepfiffen, bin aber wegen meiner Innenbandverletzung bereits für mehrere Spiele ausgefallen. Derzeit ist es nicht mit meinem Hauptberuf zu vereinbaren.

Haben Sie aufgrund der Verletzung in der Hinrunde überlegt, kürzerzutreten?

Die Saison 2016/17 läuft allgemein nicht so, wie ich mir das gewünscht hatte. Es gibt Rückschläge, aus denen man die richtigen Schlüsse ziehen muss. Natürlich wäre es mein Wunsch, wenn ich optimalerweise samstags spielen und sonntags pfeifen könnte. Wenn ich dann als Schiedsrichter oder im Privatleben zurückstecken muss, ist das in der Situation eben erforderlich.

Der Rückrundenbeginn lief für Sie wunschgemäß. Der neue KSC-Coach Mirko Slomka machte Sie zur Nummer eins. Im letzten Spiel gegen Union Berlin stand jedoch Dirk Orlishausen im Tor.

Als Spieler willst du immer spielen. Aber das Wichtigste ist, alles für den Erfolg der Mannschaft zu tun, in welcher Position auch immer. Wir haben hier einen respektvollen Umgang untereinander und werden weiter alles dafür geben, dass wir Erfolg haben.

Torhüter René Vollath stammt aus der Oberpfalz und war unter Trainer Heiko Herrlich Jugendnationaltorwart.
Torhüter René Vollath stammt aus der Oberpfalz und war unter Trainer Heiko Herrlich Jugendnationaltorwart. Foto: Thomas Thienel/Eibner

Bereits unter Slomkas Vorgängern Tomas Oral und Markus Kauczinski war das Rennen zwischen Ihnen und Dirk Orlishausen eine offene Angelegenheit. Ist es also doch nur Klischeedenken, dass man einen Torwart verunsichert, wenn er nicht die klare Nummer eins ist?

Wir haben aus meiner Sicht beide unter Beweis gestellt, dass das der Leistung nicht abträglich sein muss. Jeder will spielen und gibt im Training 100 Prozent. Und am Ende entscheidet der Trainer.

Sie sind beim Badischen Fußballverband im Kreis Karlsruhe als Schiedsrichter gemeldet. Kann man sich dort nach Belieben an- und abmelden, wenn die Situation im Verein schwierig ist?

In der Regel muss man sich im DFB.net abmelden – für Urlaube zum Beispiel. In meinem speziellen Fall ist es so, dass ich mit dem Badischen Verband im engen Kontakt stehe. Die Mitarbeiter kommen dort alle aus dem Sport und speziell im Kreis Karlsruhe möchte keiner, dass der KSC absteigt.

Bremens Nationalspieler Max Kruse war ganz früher ebenfalls als Schiedsrichter aktiv. Er sagte mal, dass er sich irgendwann zwischen einer Profi-und einer Schiedsrichterkarriere hätte entscheiden müssen. Es scheint wohl doch schwer zu sein, beides unter einen Hut zu bekommen.

Das ist absolut nicht einfach. Die Schiedsrichter pfeifen mindestens ein Spiel in der Woche. Manchmal sind es auch drei oder vier. Man muss sich leider sehr früh entscheiden. Ich sage bewusst „leider“, denn je länger man auf hohem Niveau Fußball spielt und die Zweikämpfe selbst führt, desto leichter kann man gewisse Dinge beurteilen. Wie solle ich eine Situation bewerten, in der ich selbst nie war? Es wäre schön, wenn man in Zukunft eine Art Quereinsteigermodell für ehemalige Profis etablieren könnte.

Als Bundesliga-Schiedsrichter kann man nur bis zur Altersgrenze von 47 Jahren tätig sein. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass die Entscheidung zwischen einer Schiedsrichter-und Fußballer-Laufbahn sehr schnell fallen muss. Wie stehen Sie zu der Grenze, die ja nach Plänen des DFB leicht angehoben werden soll?

Fußball ist kein Extremsport. Läuferisch gibt es gar keine Probleme. Ich habe als Spieler lieber einen Schiedsrichter, der lange Erfahrung hat und eine Situation besser beurteilen kann als jemanden, der gerade erst hochgekommen ist und noch nicht die Ruhe hat.

Sie haben ja schon oft angesprochen, dass mehr Ex-Profis unter den Schiedsrichtern geben sollte. Man kann sich vorstellen, dass Sie damit nicht überall auf Gegenliebe stoßen. Schließlich würde das zu einem noch stärkeren Konkurrenzdruck im Schiedsrichterwesen führen.

Es gibt natürlich Leute, die das nicht so gut finden. Das ist auch nachzuvollziehen. Wenn man da zu forsch rangeht, fühlen sich vielleicht manche Personen angegriffen. Es ist aber kein persönlicher Angriff von meiner Seite. Mir geht es auch nicht darum, Gräben aufzubauen. Ich möchte darauf hinweisen, dass man gemeinsam mehr erarbeiten und Dinge verbessern kann.

Derzeit muss Renße Vollath mit dem Schiedsrichter-Hobby etwas kürzertreten.
Derzeit muss Renße Vollath mit dem Schiedsrichter-Hobby etwas kürzertreten. Foto: dpa

Haben Sie denn bereits bestimmte Lösungsansätze parat, wie man die Zusammenarbeit besser gestalten könnte?

Natürlich unterhält man sich auf Schiedsrichtertagungen über die Themen. Es wäre gut, wenn man Profis, die mit einer Verletzung zu tun haben oder plump gesagt auf dem Abstellgleis sind, einen zweiten Lösungsansatz geben würde. In diesem Bereich könnte man rekrutieren, zumal ein Schiedsrichterschwund vorhanden ist.

Würden Ex-Spieler mehr Respekt von den Aktiven erfahren?

Man würde eventuell auf einer anderen Wellenlänge kommunizieren. Das Miteinander unter Sportlern muss wieder mehr hervorgehoben werden. Der eine kann nicht ohne den anderen. Ich merke an mir selber, dass ich einen sehr guten Draht zu den Spielern habe.

Der Schiedsrichterjob gilt als undankbar. Könnten Sie sich vorstellen, dass die Einführung des Videobeweises ihn attraktiver macht?

Eventuell ja. In vielen Situationen ist es extrem von Vorteil, wenn die Schiedsrichter über Headset kommunizieren. Man muss nur zum American Football schauen. Wird dort eine Entscheidung angezweifelt, geht der Schiedsrichter kurz in die Kabine und man fällt eine klare Entscheidung.

Als Videoschiedsrichter ist man nicht unmittelbar dem Publikum ausgesetzt. Kann man mit diesem Argument vielleicht auch Ex-Profis einfacher dazu überreden, in die Schiedsrichterbranche zu wechseln?

Das wäre ein interessanter Ansatz. Denn als Videoschiedsrichter benötigt man keine jahrelange Erfahrung als aktiver Schiedsrichter.

René Vollath ist in der Landesliga als Schiedsrichter im Einsatz.
René Vollath ist in der Landesliga als Schiedsrichter im Einsatz. Foto: dpa

Ihr Hobby haben Sie damals begonnen, nachdem ein Schiedsrichterbeobachter zu Ihnen sagte: „Probier es doch selber, wenn du es besser kannst.“ Hat man Ihnen das damals wirklich ernsthaft nahegelegt?

Nahegelegt hat mir das niemand. Jeder, der mich kennt war der Meinung, dass das nicht funktionieren kann. Bei mir war es einfach ein Stück weit Trotz. Natürlich ist es schon ein Unterschied, ob man in der ersten Emotion sagt, dass man es macht und ob man sich dann auch anmeldet. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir tatsächlich so viel Spaß machen würde.

Sie haben anfangs in den Spielen viel laufengelassen. Haben Sie das beibehalten?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man das Spiel nicht ständig unterbrechen sollte. Wichtig ist aber vor allem eine klare Linie und Berechenbarkeit. Mittlerweile habe ich auch gelernt, dass ich nicht immer das Spiel laufen lassen kann und es stattdessen auch mal unterbinden muss.

Fast jede Woche gibt Diskussionen über Entscheidungen der Schiedsrichter. Haben Sie durch die Tätigkeit mehr Verständnis für die Unparteiischen bekommen?

Manches kann man mit bloßem Auge nicht erkennen. Beispiel: Der Abseitspfiff beim Dortmund – Leipzig. Wenn Tobias Stieler das wirklich so gesehen hat, ist das unmenschlich gut. Wenn er das nicht gesehen hätte, wäre eine Diskussion darüber sinnlos gewesen. Es geht um Sekundenbruchteile, die das menschliche Auge eigentlich nicht erkennen kann. Selbst wenn es mich betreffen würde, würde ich nicht darüber diskutieren, obwohl ich sehr emotional bin. Mich ärgern klare Fehlentscheidungen. Es geht um Szenen, die 70 000 Leute im Stadion sehen – bis auf eine einzige Person.

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Profikicker und Schiedsrichter

  • René Vollath (26)

    kommt aus Schwandorf und ist derzeit in der 2. Fußball-Bundesliga Stammtorwart beim Karlsruher SC. Der gebürtige Amberger wurde in der Jugend des FC Schwarzenfeld und des 1. FC Nürnberg ausgebildet und spielte in der Jugend-Nationalmannschaft. Nach einer Zwischenstation in Hoffenheim absolvierte er für den SV Wacker Burghausen seine ersten Partien in der 3. Liga. Nach insgesamt 111 Drittligapartien schloss er sich dem Karlsruher SC an, für den er bis dato 37 Einsätze in der zweithöchsten deutschen Liga vorweisen kann.

  • Als einziger Fußballprofi

    in Deutschland ist René Vol-lath seit vier Jahren zudem als Schiedsrichter unterwegs. Nach den Anfängen in der Kreisklasse pfeift er mittlerweile in der Landesliga und hat darin seine zweiten fußballerische Leidenschaft gefunden. Dass die Fußballgene in der Familie Vollaths liegen, zeigt Vater Richard, der Torschützenkönig in der Bayernliga war. Auch er war Profi – zunächst beim 1. FC Nürnberg – und schupperte neben 16 Einsätzen in der 2. Liga schon 13 Minuten Erstligaluft für den FC Augsburg.

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