MyMz

Interview

„Vom Kopf völlig leer, da war nichts“

Thomas Helmer weiß, wie sich ein Nationalspieler nach einer WM-Pleite fühlt. Er hat es schließlich selbst erlebt.
Von Jürgen Scharf

Thomas Helmer (links, hier mit dem damaligen Bundestrainer Berti Vogts) hat viele Jahre für die deutsche Nationalmannschaft gespielt. Foto: Oliver Berg/dpa
Thomas Helmer (links, hier mit dem damaligen Bundestrainer Berti Vogts) hat viele Jahre für die deutsche Nationalmannschaft gespielt. Foto: Oliver Berg/dpa

Regensburg.Herr Helmer, nun geht es bei der Fußball-WM in die heiße Phase. Aber ohne die deutsche Mannschaft. Woran lag es?

So richtig fassen kann man es eigentlich immer noch nicht. Es wurden einfach Dinge gemacht, die man von der Mannschaft nicht gewohnt ist. Die Balance zwischen Offensive und Defensive hat nicht gestimmt, es war kein Tempo da, keine Überraschung. Das sind viele Punkte, die dann insgesamt zu diesem Ergebnis geführt haben.

War es auch Überheblichkeit?

Da blicke ich zunächst mal auf die Erwartungshaltung, die wir alle an die Mannschaft gehabt haben. Und die war von uns allen, von Fans und Medien, sehr hoch. Diese Erwartungen konnte das Team nicht erfüllen. Vielleicht war das auch der schwierigste Punkt, dass die Weltmeister noch einmal auf dieses Level kommen, das sie 2014 hatten. Die meisten haben es nicht geschafft und dann kann so eine Mannschaft auch nicht funktionieren.

Soll Jogi Löw weitermachen?

Ich glaube, dass er weitermacht. So wie ich ihn kennengelernt habe, ist er keiner, der jetzt alles hinschmeißt. Es ist natürlich die erste Delle in seiner Zeit bei der Nationalmannschaft. Persönlich finde ich, dass es klappen kann, mit Löw in die Zukunft zu gehen. Es ist nicht wie im Verein. Dort brauchst du sicher irgendwann mal eine Auffrischung, bei der Nationalmannschaft halte ich ein langfristiges Arbeiten dagegen für möglich.

MUNICH, GERMANY - NOVEMBER 05: General impressions during the CHECK24 Doppelpass tv show at Hilton Munich Airport Hotel on November 5, 2017 in Munich, Germany. (Photo by Sebastian Widmann/Getty Images For Sport1)
MUNICH, GERMANY - NOVEMBER 05: General impressions during the CHECK24 Doppelpass tv show at Hilton Munich Airport Hotel on November 5, 2017 in Munich, Germany. (Photo by Sebastian Widmann/Getty Images For Sport1)

Die deutsche Bilanz bei Weltmeisterschaften war bislang überragend. Dass das Team 1994 und 1998 im Viertelfinale scheiterte, war ja bereits eine sportliche Katastrophe – und Sie waren bei beiden Turnieren dabei. Froh, dass die Bürde, Teil des Tiefpunkts gewesen zu sein, jetzt von Ihren Schultern genommen wurde?

Nee, wirklich nicht. Dafür weiß ich noch viel zu gut, wie schlimm das für dich als Spieler ist. Wir hatten zum Beispiel 1994 den besten deutschen Kader aller Zeiten. Wir gingen als amtierender Weltmeister, der noch einmal gut verstärkt worden war, ins Turnier, und haben es dann leider nicht geschafft, eine Mannschaft zu werden. Viele Spieler hatten damals das Gefühl, dass wir den WM-Titel hergeschenkt haben.

Können Sie sich an den Tag nach solchen Niederlagen, etwa an den nach dem Aus im Viertelfinale, noch erinnern? Wie fühlt man sich da?

Das kann man nur mit völlig leer beschreiben. Man läuft praktisch wie eine Hülle durch die Gegend, irgendwie duckt man sich sogar automatisch. Ich hab mich da einfach völlig kaputt gefühlt. Vom Kopf her völlig leer, da war nichts, über was man nachdenken konnte oder wollte.

Zweite Karriere gestartet

  • Ex-Profi:

    Thomas Helmer wurde 1965 in Herford geboren. Als Fußball-Profi spielte er unter anderem für Borussia Dortmund und den FC Bayern. Für die deutsche Nationalmannschaft lief er 68 Mal auf und wurde 1996 Europameister. Nach seiner Fußballer-Karriere ging er zum Fernsehen. Bei Sport1 moderiert er den „Doppelpass“, der an diesem Sonntag um 11 Uhr läuft.

  • Tipps:

    Helmer hat vier Kinder. Würde er denen bei der Berufswahl eher Profi-Sport oder Medien empfehlen? „Zumindest in Sachen Profisport stellt sich diese Frage nicht, da scheint keines diesen Weg einzuschlagen“, sagt er: „Wenn es aber so gewesen wäre, dass etwa einer meiner drei Söhne Fußballer werden hätte wollen, hätte ich ihm auch nicht abgeraten.“ (js)

1994 gab es nach dem Turnier auch überraschende Rücktritte von Spielern, Bodo Illgner etwa. Glauben Sie, dass so etwas jetzt auch passieren wird?

Da habe ich nicht so den Eindruck. Ich denke eher, dass die Spieler das in zwei Jahren wiedergutmachen wollen.

Wie fanden Sie das Auftreten der Spieler nach dem Debakel?

Am meisten habe ich mich bereits über die Reaktionen nach der Niederlage gegen Mexiko gewundert. Einige Spieler haben sich da ja über die angeblich zu harte Berichterstattung beschwert. Das finde ich schon ein wenig dünnhäutig. Wenn man bei einer WM schlecht spielt, ist es normal, dass man kritisiert wird.

Europapokal mau. Nationalmannschaft am Boden. Der aktuelle Stand des deutschen Fußballs ist allgemein nicht toll, oder?

Nein, der ist nicht toll. Bislang haben wir ja immer gesagt: Zum Glück haben wir noch die Nationalmannschaft. Manche haben sich vielleicht auch etwas dahinter versteckt. Gut ist, dass man sich jetzt einiges eingestehen muss, etwa auch, dass der deutsche Fußball gewisse Probleme im Nachwuchs hat. Da müssen wir uns sicher wieder etwas mehr anstrengen.

Sie können das alles nun als Beobachter verfolgen – und reden als Moderator des „Doppelpass“ auf Sport1 auch drüber. Was war eigentlich schwieriger: Fußball-Profi zu werden – oder danach als Seiteneinsteiger als Moderator und Journalist beruflich Fuß zu fassen?

Auf jeden Fall das Zweite. Ich werd auch oft gefragt, was anstrengender ist. Da sage ich, dass mich das Moderieren viel mehr fordert als früher das Fußballspielen. Du musst einfach viel länger sehr konzentriert sein.

Auf was sind Sie mehr stolz?

Mit dem Fußball habe ich natürlich großes Glück gehabt. Da konnte ich mein Hobby zum Beruf machen. Das war nie so geplant. Bis einschließlich A-Jugend habe ich Kreisliga gespielt, das gibt es heute ja gar nicht mehr, dass du dann noch den Sprung schaffst. Deswegen war es schon das Höchste, überhaupt Profi zu sein. Nach der Karriere musste ich mir wie alle die Frage stellen: Was machst du jetzt? Trainer wollte ich nicht werden, und so bin ich zum Journalismus gekommen. Das hatte ich aber natürlich nicht gelernt und deswegen war es für mich eine große Hilfe, dass ich einen Chef hatte, der mich auch viele Fehler machen ließ. So bin ich da hineingewachsen – und jetzt rede ich ziemlich gern über Fußball.

Viele Ex-Profis agieren als Experten im TV. Wäre das nicht auch was für Sie gewesen?

Nun, ich habe mal zu meinem Chef scherzhaft gesagt: Ich will die blöden Fragen nicht mehr beantworten, ich will sie stellen. Und ich freue mich, dass das geklappt hat.

Einige Gäste bei Ihren Sendungen sind alte Teamkollegen. Manchmal hat man das Gefühl, dass Sie es mit der Kumpelei mit früheren Mitspielern beim FC Bayern München wie Thomas Strunz oder Mario Basler etwas übertreiben. So nach dem Motto: Weißt du noch, damals bei uns. Sind Sie da selbstkritisch?

Am Anfang hieß es über mich: Der kennt sie ja alle, der kommt leichter an Antworten. Das stimmt so erst mal überhaupt nicht. Im Gegenteil hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Spieler mir gegenüber sogar etwas skeptischer sind. In der Sendung neigen wir vielleicht in der Tat dazu, manchmal ein bisschen zu viel von früher zu erzählen. Da muss man schon aufpassen. Eine Distanz künstlich zu erzwingen bringt meiner Meinung jedoch auch nichts. Am Anfang stand ja auch bei mir die Frage, ob ich meine Gäste grundsätzlich sieze. Wenn ich jetzt aber den Oliver Kahn, mit dem ich jahrelang zusammengespielt habe, plötzlich sieze, dann wirkt das auch seltsam, finde ich.

Infos zur Fußball-WM in Russland:

Weitere Nachrichten aus der Welt des Sports lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht