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Samstagsinterview

Zwischen Herzogenaurach, Poing und Paris

DFB-Vizepräsident Rainer Koch spricht mit Heinz Gläser über den neuen Ausrüstervertrag, die WM-Affäre und den Amateurfußball.

Der Ausrüster mit den drei Steifen ist nicht nur im Hintergrund ständig präsent: Nationaltorhüter Manuel Neuer beim Training vor dem Adidas-Logo
Der Ausrüster mit den drei Steifen ist nicht nur im Hintergrund ständig präsent: Nationaltorhüter Manuel Neuer beim Training vor dem Adidas-Logo Foto: dpa

Paris.Herr Koch, der DFB hat in Paris am Rande der EM eine Verlängerung seiner Partnerschaft mit dem Ausrüster Adidas um vier Jahre verkündet. Vorausgegangen waren durchaus zähe Verhandlungen, wie es heißt. Wie wichtig ist dieser Vertragsabschluss für den Verband?

Der Abschluss ist in jeder Hinsicht ein sehr positives Signal. Er sichert die wirtschaftliche Stabilität des DFB. Wir sind jetzt für den Zeitraum bis 2022 finanziell gut aufgestellt. Unser Verband bietet den rund 25 000 Vereinen und speziell dem Amateurfußball in Deutschland viele Dienstleistungen an. Jeder kennt zum Beispiel das DFB-Mobil oder unser Service-Portal ‚Mein Fußball‘ mit Trainingsplänen und Praxistipps für unsere Vereinstrainer und unzähligen weiteren Bildungsangeboten für Vereinsfunktionäre, Spieler und Schiedsrichter. All diese Angebote kosten Geld. Zudem gilt es, die Finanzierung eines gigantischen Projekts wie den geplanten Neubau des DFB mit seiner Akademie in Frankfurt am Main zu stemmen.

Weckt ein solcher Kontrakt womöglich Begehrlichkeiten?

Es ist nicht möglich, auf der Basis des Ausrüstervertrags Geld an alle Vereine in Deutschland auszuschütten. Würden wir auch nur 1000 Euro pro Klub ansetzen, wären das 25 Millionen Euro. Die Vereine würden sich sicher kurzfristig darüber freuen, aber nachhaltig für den Amateurfußball wäre eine solche Ausschüttung nicht.

Unsere Grafik bietet Ihnen einen Überblick über die K.o.-Phase der EM:

25 Millionen Euro wären knapp die Hälfte dessen, was sich Adidas die Partnerschaft jährlich kosten lässt. Die Rede ist von einer Verdoppelung des bisherigen Finanzvolumens. Steht der DFB damit im weltweiten Vergleich gut da?

Ich kenne zumindest keinen anderen nationalen Verband weltweit, der eine finanziell noch attraktivere Vereinbarung mit seinem Ausrüster hätte. Wir bieten ja auch einen entsprechenden Gegenwert. Die Nationalmannschaft ist mit ihren Erfolgen sicherlich das Zugpferd, aber Fußball ist in Deutschland bis hinunter in die unteren Spielklassen überall und ständig präsent.

Der US-Sportartikelgigant Nike hat Ambitionen, Adidas als DFB-Ausrüster zu beerben. Waren die Verhandlungen kompliziert?

Wir hatten einen fairen und transparenten Wettbewerb. Ich bin froh und als einer der Beteiligten auch ein bisschen stolz, dass es uns gelungen ist, Nike mit an den Verhandlungstisch zu bringen. Aus der Zentrale in Portland werden Sie jetzt kein negatives Wort über das Verfahren hören. Zum Vergleich: Die vorherige Vergabe endete mit juristischen Querelen, einem Schlichtungsverfahren und nachfolgender Funkstille von Nike.

Mit dem Ausrüster Adidas sind Jahrzehnte deutscher Fußballgeschichte verknüpft, unter anderem das Wunder von Bern 1954. Außerdem handelt es sich um eine Herzogenauracher Firma. Spielt so etwas wie Fußball-Romantik keine Rolle mehr?

Es kann und darf in solch einem Bieterverfahren keine Rolle mehr spielen. Natürlich wollen wir unsere langjährige sehr gute Partnerschaft mit Adidas pflegen und respektieren. Gleichwohl wird es bei der nächsten Erneuerung des Ausrüster-Vertrages in vier Jahren einen fairen und ergebnisoffenen Wettstreit mit anderen Bietern geben, bei dem alle die gleichen Chancen haben.

DFB-Vizepräsident Rainer Koch Foto: Arne Dedert/dpa
DFB-Vizepräsident Rainer Koch Foto: Arne Dedert/dpa

Adidas will nach den Worten des Vorstandsvorsitzenden Herbert Hainer die Trikots der deutschen Nationalmannschaft wieder im eigenen Land produzieren. Ist das ein Aspekt, den der DFB wohlwollend zur Kenntnis nimmt?

Es ist immer schön, wenn Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen werden und wir uns als Verband nicht indirekt mit Diskussionen über schlechte Produktionsbedingungen in anderen Ländern konfrontiert sehen. Grundsätzlich muss man sich als größter nationaler Sportverband der Welt in solchen Fragen, wo notwendig, kritisch äußern und Verbesserungen einfordern, darf sich aber eben auch nicht überheben. Weltweite Arbeitsbedingungen oder Löhne zu regeln, kann für einen Fußballverband nicht die Aufgabe sein.

Der neue Ausrüstervertrag ist für den Verband ein wichtiger Randaspekt der EM in Frankreich. Sie verfolgen als Vizepräsident und Mitglied der DFB-Delegation die EM. Teilen Sie den Eindruck vieler Beobachter, dass dieses Turnier bei den Menschen hier noch nicht so richtig angekommen ist?

Wir sind eine der fußballverrücktesten Nationen der Welt. Bei uns in Deutschland wird Fußball permanent und überall gelebt. Wir sollten nicht den Fehler machen, unsere Maßstäbe bei allen anderen anzulegen. Sicherlich gewinnt man nicht an jeder Ecke von Paris sofort den Eindruck, dass gerade eine EM stattfindet. Frankreich steckt aktuell in Turbulenzen, die Streiks und die Bedrohung durch den Terror sind zwei Beispiele dafür. Das belastet fraglos auch das Turnier. Aber in den Stadien nehme ich eine fantastische Stimmung wahr. Diese EURO hat eine ganze Reihe positiver Aspekte. Es gibt viele Länder in Europa, die überglücklich und megastolz sind, bei diesem Turnier sportlich vertreten zu sein.

Trotzdem reißt die Kritik an der Ausdehnung von 16 auf 24 Mannschaften nicht ab...

Natürlich hat die sogenannte Aufblähung den sportlichen Wert der Vorrunde etwas gemindert. Aber wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass die Erhöhung der Teilnehmerzahl im großen Rest Europas als Riesenerfolg gewertet wird, weil sie einigen erst den Zugang zu diesem Großereignis ermöglicht hat. Ich warne generell davor, immer nur die Nachteile zu benennen. Ich sehe es auch nicht als grundsätzliches Problem, wenn die EM sieben Tage länger dauert.

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Herr Koch, als der DFB im Zuge der Sommermärchen-Affäre um die mutmaßlich gekaufte WM 2006 in schweren Turbulenzen steckte, haben Sie ab Oktober den Verband als Interimspräsident fünf Monate lang geführt. Ist es aus Ihrer Sicht gelungen, den DFB wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bringen?

Es ist immer schwer, sein eigenes Handeln zu beurteilen. Das überlasse ich lieber anderen. Ich habe seinerzeit zwei Dinge in den Vordergrund gestellt. Wir mussten bis zur EURO wieder einen operativ funktionierenden DFB haben. Das ist mit der Wahl von Reinhard Grindel zum neuen Präsidenten gelungen. Wir haben zudem einen neuen Generalsekretär und einen neuen Schatzmeister. Und wir haben es geschafft, trotz dieser unheimlich schwierigen Ausgangslage die Einheit des Fußballs zu wahren. Das war mein zentrales Anliegen.

Sie spielen auf die Meinungsunterschiede zwischen dem Amateurlager und den Profiklubs an. Letztere nahmen die Personalie Grindel zunächst nicht gerade begeistert zur Kenntnis.

Es war in dieser Phase wichtig, auch die Bedeutung der Amateure zu betonen. Ein Fußballverband ist ja kein DAX-geführtes und auf Gewinn ausgerichtetes Unternehmen, sondern eine gesellschaftlich wirksame Einheit. Und es waren ja auch nicht die Strukturen des DFB, die die Affäre um die WM-Vergabe begünstigt haben. Vielmehr hat das damalige WM-Organisationskomitee in Teilen wie ein abgeschottetes Unternehmen gehandelt.

Sind die Differenzen mit dem Profilager ausgeräumt?

Die Interessenlagen von Profis und Amateuren sind natürlich nicht immer deckungsgleich. Ich denke, Reinhard Rauball als Vertreter der Profiklubs und ich haben in diesen fünf Monaten gut und respektvoll zusammengearbeitet. Wir sind beide stolz darauf, diese schwierige Zeit ohne persönliche Konflikte bewältigt zu haben. Dass sich Profi- und Amateurfußball gegenseitig brauchen, steht für uns beide gleichermaßen außer Frage.

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Ist die Aufklärung der Sommermärchen-Affäre abgeschlossen?

Ich habe mich von Beginn dafür eingesetzt, die Aufklärung entschlossen voranzutreiben. Wir haben alles für uns Mögliche getan, um die wichtigen Fragen rund um die WM-Vergabe im Jahr 2000 und die Zahlungsflüsse der 6,7 Millionen Euro in den Jahren danach unabhängig und ohne Ansehen von Personen aufzuklären. Der Bericht der Kanzlei Freshfields liegt vor und ist für jeden im Internet vollumfänglich einsehbar. Uns war an maximaler Transparenz gelegen. Meines Erachtens ist es so gelungen, maßgeblich zur Beruhigung der Lage beizutragen. Ich hoffe, dass Bundesanwaltschaft, Staatsanwaltschaft und US-Behörden jetzt noch weitere Erkenntnisse beisteuern können.

Viele haben sich gewundert, dass Sie nicht selbst die DFB-Präsidentschaft angestrebt haben. Sieht Rainer Koch Fußball lieber am Platz in Poing als im Stadion von Paris?

Ich liebe beides. Der Mix macht’s. Ich sehe mich als Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes und 1. DFB-Vizepräsident für den Amateurfußball genau an der richtigen Stelle.

Ihr Platz bleibt als deren Interessenvertreter an der Seite der Amateure?

Ich möchte mich auch zukünftig mit voller Kraft für die Belange des Amateurfußballs einsetzen. Wir müssen vor allem die Kinder und Jugendlichen weiter für Fußball gewinnen. Ich denke oft an die WM 2030, auch wenn noch kein Mensch weiß, wo die stattfinden wird. Aber die Nationalspieler von morgen sind heute schon geboren und spielen irgendwo in einem unserer 25 000 Vereine in Deutschland Fußball.

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