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MZ-Interview

„Viele Athleten sind zu naiv und gutgläubig“

Ulrike Nasse-Meyfarth verfolgt die Entwicklungen im deutschen Leistungssport kritisch. Mit der Hochsprung-Legende spricht Heinz Gläser.

  • Sternstunde: Nasse-Meyfarth bei ihrem Olympiasieg 1984 Foto: dpa
  • Zu Gast in Regensburg: Ulrike Nasse-Meyfarth vor dem DomFoto: Brüssel

Regensburg. Entspannt schlendern Ulrike Nasse-Meyfarth und ihr Mann durch die Altstadt. Es ist ihr erster Besuch in Regensburg, und er kam auf Einladung des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Prof. Udo Steiner zustande, der mit dem Ehepaar befreundet ist. Nasse-Meyfarths Olympiasiege 1972 und 1984 zählen zu den Sternstunden des deutschen Sports. Zwischen 1981 und 1984 wurde die heute 55-Jährige viermal in Folge zur Sportlerin des Jahres gewählt.

Frau Nasse-Meyfarth, Sie haben das Kunststück geschafft, 1972 in München und zwölf Jahre später in Los Angeles Hochsprung-Olympiasiegerin zu werden. Auf welchen Triumph werden Sie öfter angesprochen?

Ulrike Nasse-Meyfarth: Ganz eindeutig auf den ersten. Natürlich nur von Leuten, die so alt sind wie ich oder eben mit mir älter geworden sind.

Sie waren damals erst 16 Jahre alt und hatten in folgenden Jahren eine tiefe sportliche Krise zu überstehen. Waren Sie schlichtweg zu jung, um so einen Triumph zu verkraften?

Ja, sicherlich spielte das eine Rolle. Ich hatte meine Leistung innerhalb von zwei Jahren um 22 Zentimeter gesteigert, und so konnte es ja nicht weitergehen. Das wäre ja unnormal gewesen. Es war auch so schon unnormal genug (Nasse-Meyfarth lacht). Mit 16 ist man keine gereifte Athletin, das ist man erst Mitte oder Ende 20. Mit 16 fehlt die Beständigkeit. Ich hatte ja bis dahin die Leichtathletik eher hobbymäßig betrieben.

Hätten Sie sportpsychologische Hilfe in Anspruch nehmen können?

So was gab es damals noch nicht. Das brauchte ich auch nicht, sondern nur eine feinfühlige Verarbeitung durch mein von dem Olympiasieg völlig überfordertes Umfeld, das meinte, es ginge so und mit Gold 1976 in Montreal weiter. Ich habe mich selbst wieder hochgearbeitet und gehörte zu den Medaillenanwärterinnen bei den Spielen 1980 in Moskau, die von der Bundesrepublik mit diesem elenden Boykott belegt wurden.

Sie sind vielfältig ehrenamtlich engagiert, unter anderem bei der Deutschen Sporthilfe. Hat das große Auf und Ab in Ihrer eigenen Karriere Sie motiviert, Ihre Erfahrungen an jüngere Athleten weiterzugeben?

Ja, denke ich schon. Aber ehemalige Athleten werden vom DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund/d. Red.) und den Verbänden und Vereinen zu wenig eingebunden. Besser macht das die Sportstiftung Nordrhein-Westfalen in einem Pilotprojekt, das sich um die Karrierebegleitung kümmert. Athleten, die neben ihrem Sport ihren beruflichen Weg ebnen wollen, soll das mit Hilfe von DAX-Unternehmen ermöglicht werden. Bei denen rennen wir offene Türen ein. Erst investieren die Unternehmen in die Athleten, und die Athleten geben es danach zurück.

Was können Sie – mal abgesehen von materiellen Hilfen – jungen Sportlern mit auf den Weg geben?

Für die olympischen Sportarten ist es sehr wichtig, dass die Athleten zweigleisig fahren. Da wird ja nicht das große Geld wie im Profifußball gemacht, da gibt’s nach der Karriere keine Rücklagen. Diese Athleten müssen parallel zum Sport ihr Berufsleben vorbereiten. Dabei zu helfen, nach der aktiven Laufbahn beruflich Fuß zu fassen, haben die Sportorganisationen aus meiner Sicht bislang versäumt. Dabei zählt dieser Punkt zur Verantwortung des Sports. Ich schätze, dass wir in der Sportstiftung NRW die Ersten sind, die mit Athleten in dieser Beziehung ernsthaft individuell arbeiten.

Was unterscheidet den Sport heute grundsätzlich von Ihrer aktiven Zeit?

Natürlich ist die Professionalisierung weit fortgeschritten. Der Athlet muss versuchen, sich zu vermarkten. Dabei wird heutzutage auf Medienberater und Manager zurückgegriffen. Hier muss höchster Wert auf Kompetenz und Seriosität gelegt werden. Ich und andere bekannte Sportler aus meiner Zeit gerieten in die Fänge unseriöser Manager. Hätte ich meinen Mann (der Kölner Anwalt Roland Nasse/d. Red.) nach Abschluss meiner Karriere nicht kennengelernt, der meine Manager „aufgemischt“ hat, wäre mir von meinen Werbeeinkünften nichts geblieben und hätte ich Konkurs anmelden müssen. Der Sportler ist, früher wie heute, kaufmännisch-wirtschaftlich unerfahren, naiv und zu gutgläubig.

Die Leichtathletik in Europa beklagt einen rasanten Bedeutungsverlust. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Das betrifft ja nicht nur die Leichtathletik, sondern fast alle olympischen Sportarten. Die Medien machen eine Sportart attraktiv. Das Fernsehen zeigt, was sich gut verkaufen lässt. Andererseits frage ich mich, ob man das TV-Publikum nicht auch ein Stück weit dazu erziehen könnte, wieder mehr Interesse an anderen Sportarten als Fußball zu entwickeln.

Fehlt es nicht auch an Typen, zum Beispiel in der Leichtathletik?

Das fällt im Fußball mit der ständigen Medienpräsenz leicht. Aber wenn Sportarten nur punktuell im Fernsehen vorkommen, kann man solche Typen schwer aufbauen. Die deutsche Leichtathletik hat vielleicht nicht mehr die Erfolge wie unmittelbar nach der Wiedervereinigung, aber sie hat schon noch ein paar Gesichter. Aber die baut man nicht auf. Und ob man allein mit Events wie Stabhochspringen vor dem Brandenburger Tor die Kurve kriegen kann, bezweifle ich.

Sehen Sie einen Ausweg?

Der Wintersport macht es doch vor. Die Wettbewerbe laufen in Blöcken in den Öffentlich-Rechtlichen. Warum sollten das die olympischen Sommersportarten nicht nachmachen? Mehrere Verbände könnten sich zusammentun, dann würden an einem Wochenende in einer Konferenzschaltung z. B. Leichtathletik, Schwimmen und Kanu gezeigt. Vielleicht tritt dann ein Gewöhnungseffekt ein – und diese Sportarten würden öffentlich wieder mehr wahrgenommen.

Solche Vorschläge sind ja nicht ganz neu. Warum tut sich trotzdem nichts?

Da schlafen die nationalen Sportverbände, das terminlich so zu organisieren, also z. B. die deutschen Meisterschaften verschiedener Sportarten an einem Wochenende. Ich frage mich auch, ob dieser Veränderungsbedarf den internationalen Fachverbänden, wie beispielsweise dem Leichtathletik-Weltverband IAAF, bewusst ist.

Könnte man nicht aus dem Sendeauftrag von ARD und ZDF – Stichwort Grundversorgung – ableiten, dass sie sich mehr anderen Sportarten zuwenden müssten?

Klar müssten die das. Und die Sender wissen das auch. Der DOSB soll ja in Gesprächen mit den Öffentlich-Rechtlichen sein. Ziel ist es offenbar, einen Spartenkanal für den Sport, also eine Art Sport-„Phoenix“ zu etablieren. Aber wenn dort dann nach der 3. Fußball-Liga – wie jetzt in der Sportschau am Samstag – auch noch die 4. oder gar 5. Liga übertragen werden würden, wäre das endgültig lächerlich. Mir scheint, dass es seitens des DFB generell an einer Solidarisierung mit anderen und insbesondere den olympischen Sportarten fehlt, wenn die Rechtevergabe für die erste Bundesliga an die ARD-Sportschau abhängig gemacht wird davon, dass auch die 2. und obendrein die 3. Liga gezeigt wird.

Olympia steht vor der Tür. Was erwarten Sie vom deutschen Sport in London?

Ich bezweifle, dass wir einen Aufwärtstrend erleben werden. Ich vermute, dass mit Blick auf die Medaillenbilanz ein großes Heulen und Zähneklappern ausbricht. Und wahrscheinlich wird dann wieder grundsätzlich die Frage nach der Zukunft des Leistungssports in Deutschland gestellt – ohne geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Es nützt nichts, wie jüngst von Thomas Bach im Hinblick auf einen nicht so tollen deutschen Medaillenspiegel in London geäußert, mehr Geldmittel vom Bund und der Wirtschaft zu fordern und weiter nach dem Gießkannenprinzip zu fördern.

Ihre Erfolge fielen in eine Zeit, die heute als die Hochphase des Anabolika-Dopings im Spitzensport gilt. War das Thema den Athleten damals ständig bewusst?

Man wusste, dass es das gab. Klar, staatlich-systematisch im Osten und individuell bei uns im Westen. Man sprach darüber. Es wurde damals während des Trainings nicht getestet, nur nach den Wettkämpfen. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen. Heutzutage wird auch in der Vorbereitung gezielt kontrolliert.

Viele Athleten kritisieren das strikte Meldesystem als Eingriff in ihre Privatsphäre.

Da meckern viele. Aber es geht nun mal nicht anders, solange die Wissenschaft den Manipulateuren hinterherhinkt.

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