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Interview

„Das Kind sollte sich wohlfühlen“

Fabienne Becker-Stoll forscht seit 20 Jahren zur Qualität von Kitas. Uns hat sie erklärt, worauf Eltern achten sollten.
Von Kathrin Robinson

Fabienne Becker-Stoll leitet das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München und forscht seit 20 Jahren zur Qualität von Kita-Betreuung. Foto: Mairhofer
Fabienne Becker-Stoll leitet das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München und forscht seit 20 Jahren zur Qualität von Kita-Betreuung. Foto: Mairhofer

Nähe und eine sichere Bindung sind in den ersten Lebensjahren für Kinder extrem wichtig. Dennoch stehen viele Eltern schon früh vor der Entscheidung, ihre Kleinen außerfamiliär betreuen zu lassen. Schadet das dem Kind?

Das kommt auf die Qualität der Betreuung an. Vorab sollten Eltern auf alle Fälle etwas Wichtiges wissen: Wenn sie – aus welchen Gründen auch immer – wieder früh in den Beruf zurückkehren müssen und das Baby beispielsweise nach sechs Wochen zu einer Tagesmutter geben und das Kind dort sehr viel Zeit verbringt, kann es sein, dass sich das Kind an die Tagesmutter bindet.

Also, dass die Tagesmutter zur Hauptbindungsperson wird?

Ja. Das ist jetzt nicht gut oder schlecht, aber das sollte Eltern bewusst sein. Das heißt nicht, dass die Eltern nicht auch Bindungspersonen sind, aber die Tagesmutter kann dann eben eine zentrale Rolle im Leben des Kindes spielen. Deshalb sollte man sich, wenn man diesen Weg gehen muss, eine Tagesmutter mit Langzeitperspektive suchen, am besten mit Perspektive bis zum Ende der Grundschulzeit. Für das Kind ist das dann eine Art Familienerweiterung. Wenn Sie mich ganz pragmatisch fragen, würde ich aber dennoch fürs erste Lebensjahr empfehlen: Wenn Tagesmutter, dann nicht jeden Tag zehn Stunden. Der Großteil der Wachzeit sollte noch mit den Eltern stattfinden, damit die Interaktion mit ihnen noch das Dominate ist.

Sollte man sein Kind, umgekehrt gefragt, möglichst lange selber betreuen, damit es sich gut entwickelt?

Nein. Im ersten Jahr ist es gut, wenn das Kind noch bei der Mama ist, da braucht es auch noch sehr viel Körperkontakt zu einer geliebten Person. Ab dem zweiten Lebensjahr, in dem heute die meisten Kinder in die Kita kommen, muss man individuell schauen. Da gibt es Kinder, die so viel Action brauchen, dass ihnen daheim auch bei den liebsten Eltern die Decke auf den Kopf fällt. Für die kann dann eine Eingewöhnung in die Kita schon passen. Es gibt aber auch Kinder im Alter zwischen zwölf und 24 Monaten, denen so ein Kita-Betrieb noch schnell zu viel wird. Das sind oft sensible, übrigens oft auch sehr intelligente Kinder, die schon ganz viel mitbekommen.

Die sollte man dann besser länger daheim betreuen?

Zumindest wäre da dann auch eine Tagesmutter die bessere Wahl. Ab einem Alter zwischen zwei und zweieinhalb Jahren wissen wir aber, dass Kinder durch den regelmäßigen Kontakt und die Beziehung zu anderen Kindern unglaublich profitieren. Sie lernen so Dinge, die sie auch von den engagiertesten Erwachsenen nicht lernen können. Wichtig ist aber eben immer, darauf zu achten, dass sich das Kind in der Betreuungseinrichtung wohlfühlt, dass die Qualität passt.

Woran erkenne ich als Mutter oder Vater eine gute Kita?

Oft haben Eltern schon bei Schnuppertage oder bei der Anmeldung ein Bauchgefühl. Wenn man sich willkommen fühlt, die Stimmung fröhlich ist und man sich in einer Einrichtung wohlfühlt, ist es schon mal ein gutes Zeichen. Mehr Einblick bekommt man dann in der Eingewöhnung. Eine Kita muss ein gutes Eingewöhnungskonzept haben, also einen klaren Plan. Die Eingewöhnung sollte von Anfang bis Ende ein Elternteil übernehmen, die Stundenzahl sollte allmählich gesteigert werden. Und während des ganzen vier- bis sechswöchigen Prozesses sollten die Eltern informiert, begleitet und unterstützt werden. Was ich definitiv nicht sehen möchte, wenn ich in eine Kita komme: ein Kind, das weint, und keiner kümmert sich. Dann würde ich sofort rückwärts wieder rausgehen.

Wann kann man von einer erfolgreichen Eingewöhnung sprechen?

Ein Kind ist dann eingewöhnt, wenn es vertrauensvolle Beziehungen zu einer oder besser zwei Erziehern aufgebaut hat, wenn es aktiv Trost bei diesen sucht und auch findet. Und es sollte für alle sichtbar sein: Das Kind geht da gerne hin, spielt aktiv, isst gut und schläft gut. Da gibt es dann tatsächlich Kinder, die auch am Wochenende in die Kita wollen.

Wie beurteilen Sie denn die Qualität der Kitas in Bayern?

Es gibt viele Einrichtungen, die wirklich gut sind. Dafür spielt aber weniger eine Rolle, wie toll die Räumlichkeiten oder wie schön die Spielsachen sind, sondern wichtig ist, wie feinfühlig die Erzieher in den Interaktionen mit den Kindern sind.

Ist der Erziehermangel in dem Zusammenhang problematisch?

Ob die Beziehungsqualität zwischen Erziehern und Kindern stimmt, ist nicht so sehr eine Frage von Personalmangel, sondern eine Frage der Aufmerksamkeit, die den Kindern entgegengebracht wird. Ich war in Einrichtungen, die doppelt so viel Personal hatten wie andere, alle super ausgebildet – und trotzdem war die Qualität grottenschlecht. Da haben es die Mitarbeiter über Stunden geschafft, kein einziges Mal die Kinder anzulächeln. Und die Kinder haben geweint, weil sie wieder nach Hause wollten. Wenn das Wohlergehen der Kinder in einer Einrichtung über allem anderen steht, dann spüren das die Kinder – und dann macht es ihnen auch nicht so viel aus, wenn mal eine andere Erzieherin aushilft.

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