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Geschwister

Das Los der Sandwichkinder

Zwischen Erstgeborenem und Nesthäkchen – das beeinflusst den Charakter und braucht manchmal besondere Aufmerksamkeit.
Christina Bachmann

Nicht das Erste, nicht das Letzte – die Rolle als Sandwichkind kann manchmal schwierig sein. Foto: Rainer Berg/Westend61/dpa
Nicht das Erste, nicht das Letzte – die Rolle als Sandwichkind kann manchmal schwierig sein. Foto: Rainer Berg/Westend61/dpa

Berlin.Sanfte Vermittler oder ständig auf der Suche nach Aufmerksamkeit? Sandwichkinder bekommen sehr unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben. Doch was ist da dran?

Inwiefern die Geschwisterposition Charakter oder Intelligenz tatsächlich beeinflusst, interessiert die Forschung immer wieder. „Die neueren Resultate sprechen eher dafür, dass die Geburtenreihenfolge einen relativ kleinen oder auch überhaupt keinen Effekt auf die Persönlichkeit der Kinder hat“, sagt Prof. Ralph Hertwig, einer der Direktoren am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Eltern investieren weniger Zeit und Geld

Auf der anderen Seite habe eine Studie gezeigt, „dass es Ungleichgewichte gibt, was die Verteilung der elterlichen Ressourcen wie Zeit oder Geld angeht“. Sprich: Unterm Strich investieren die Eltern in der Regel weniger in das Sandwichkind. Das ist keine bewusste Entscheidung der Eltern, sondern ergibt sich ganz automatisch, erklärt Hertwig. „Die Sandwichkinder genießen nie anhaltend die exklusive Aufmerksamkeit der Eltern.“ Das Erstgeborene habe eine solche Phase während der ersten Entwicklungsstufe, das Letztgeborene gegen Ende, wenn die Geschwister schon aus dem Haus sind.

„Sandwichkinder sind die, die zuerst gar nichts sagen und dann mit einer brillanten Bemerkung Aufmerksamkeit erregen.“

Wolfgang Krüger, Psychotherapeut

Wie sich das auswirkt, ist schwer nachzuweisen. „Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Bindung gegenüber der Familie, besonders im Erwachsenenalter, bei Sandwichkindern weniger stark ist“, sagt Hertwig. So würden die mittleren Kinder etwas seltener mit den Eltern telefonieren oder mailen. „Man findet auch Hinweise, dass Sandwichkinder ein geringeres Selbstwertgefühl haben.“

Vermittler im Hintergrund

Wolfgang Krüger, Psychotherapeut in Berlin, ist sich sicher, dass das Dazwischen-Dasein die Persönlichkeit formt. Sandwichkinder sind auf der Bühne des Familienlebens besonders gefordert, ihre Rolle zu finden, glaubt der Buchautor: „Sie lernen häufig, zu beobachten und auf andere einzugehen.“ Das macht sie zu guten Vermittlern.

Stolz statt Eifersucht: Eltern können schon während der Schwangerschaft das große Geschwisterkind auf die neue Situation vorbereiten – und so Konkurrenzverhalten vermeiden. Foto: Christin Klose/dpa
Stolz statt Eifersucht: Eltern können schon während der Schwangerschaft das große Geschwisterkind auf die neue Situation vorbereiten – und so Konkurrenzverhalten vermeiden. Foto: Christin Klose/dpa

Dem steht die Schwäche gegenüber, nicht als „Chef“ bestimmen oder auch mal auf den Putz hauen zu können. Weil sie zu wenig gelernt haben, im Mittelpunkt zu stehen, können sie auf Außenstehende manchmal etwas blass wirken, findet der Psychotherapeut. „Sandwichkinder sind die, die zuerst gar nichts sagen und dann mit einer brillanten Bemerkung Aufmerksamkeit erregen. Sie schaffen es aber nicht, permanent im Vordergrund zu stehen.“ Für sie sei es daher besonders wichtig, von den Eltern wahrgenommen zu werden.

Dabei birgt die Position auch Chancen, betont Ralph Hertwig. „Sie können von den älteren Geschwistern lernen und gleichzeitig den jüngeren ein Vorbild sein.“ Sandwichkinder profitieren somit in beide Richtungen.

Jedes Kind wahrnehmen

Nicola Schmidt, Autorin des Buches „Geschwister als Team“, sieht die Mittelposition im Grunde als eine gesunde an. „Ich habe einen Großen, von dem ich etwas lerne, und einen Kleinen, dem ich etwas beibringe. Potenziell sind diese Kinder unglaublich gute Lerner, weil sie gleichzeitig Lerner und Lehrer sind.“

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Pauschalisieren kann man das alles allerdings nicht, viele weitere Faktoren spielen im Geschwistergefüge eine Rolle. Ist das Mittelkind zum Beispiel das einzige Mädchen zwischen zwei Jungen, ist die Ausgangsposition schon wieder eine ganz andere. „Dann haben Sie ja bereits ein Einzelstellungsmerkmal und keine klassische Sandwichposition mehr,“ sagt Krüger, der selbst als einziger Junge zwischen zwei Mädchen aufgewachsen ist. „Sandwich ist vor allem dann problematisch, wenn ich nicht wahrgenommen werde.“

Besondere Zeiten mit jedem Kind

Eltern sollten daher mit jedem einzelnen Kind besondere Zeiten verbringen, das gilt nicht zuletzt für das Mittelkind, rät Nicola Schmidt. „Gehen Sie auch mit ihnen zum Schwimmkurs und zum Instrumentenkarussell, geben Sie auch den Sandwichkindern einzelne Mama-Papa-Zeit – gerade die brauchen das!“

„Sandwichkinder können von den älteren Geschwistern lernen und gleichzeitig den jüngeren ein Vorbild sein.“

Prof. Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Wichtig sei, die Bedürfnisse der Kinder ernst zu nehmen. „Wir können als Eltern nie alle Bedürfnisse erfüllen, aber wir können sie zumindest sehen“, sagt die Autorin. Bei mittleren Kindern sei es sinnvoll, ihnen eher mehr zu geben, als sie brauchen. Bevor sie anfangen, sich das mit problematischem Verhalten selbst zu holen.

„Jetzt mach du nicht auch noch Ärger“, diesen Satz sollte man Kindern gegenüber generell vermeiden, empfiehlt Schmidt. Beim Sandwichkind gilt das besonders. Es vermittle dem Kind: Für dich ist kein Platz, du darfst nicht auffallen.

Großeltern haben oft ein gutes Gespür

So wenig man ein Sandwichkind in die Rolle des unauffälligen Mitläuferkinds drücken dürfe, so wenig sollte man die Mittelposition als schwierig hervorheben. Begründen oder entschuldigen Eltern anderen gegenüber ein problematisches Verhalten ihres Sandwichkindes mit der Mittelrolle, besteht die Gefahr, genau dieses Verhalten noch zu verstärken.

Mit mehreren Kindern sind Eltern gefordert und können schnell überfordert sein – umso besser, wenn Großeltern da sind, die helfen können. Sie hätten meist ein Gespür dafür, welche Kinder bedürftig sind, so Krüger. Sie nehmen sich der Sandwichkinder an und vermitteln ihnen, dass sie für sie etwas Besonderes sind. „Da sind sie dann nicht in der Mitte, sondern haben eine Einzelstellung.“

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