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Hospizarbeit

Der schwierige Umgang mit dem Tod

Die MZ sprach in Neunburg mit Lieselotte Käss über Sterbebegleitung und mit einer Frau, die das für ihre Mutter tat.
Von Roland Thäder

Eine ehrenamtliche Helferin hält in einem Hospiz die Hand einer Frau. Immer mehr Sterbende werden von ehrenamtlichen Helfern der ambulanten Hospizdienste begleitet. Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Eine ehrenamtliche Helferin hält in einem Hospiz die Hand einer Frau. Immer mehr Sterbende werden von ehrenamtlichen Helfern der ambulanten Hospizdienste begleitet. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Neunburg.„Letzte Hilfe“, das klingt irgendwie nach Spontispruch als Umschreibung für die höchst umstrittene „Sterbehilfe“. Weit gefehlt: „Letzte Hilfe“ ist der Titel eines Kurses, den der Hospizverein Schwandorf anbietet. 16 Interessierten vermittelte Lieselotte Käss vom Hospizverein jüngst in der Neunburger Realschule, was es mit Sterbebegleitung auf sich hat. Der Mittelbayerischen erzählt sie, warum die Sterbebegleitung so wichtig ist.

„Der Tod gehört zum Leben“, ist ein zentraler Satz im Konzept von Lieselotte Käss. Diese Aussage sei ihr wichtig, weil der Tod in unserer von Digitalisierung getriebenen Welt tabuisiert ist und kaum mehr einen Platz hat. „In meiner Kinderzeit gehörte der Tod noch zum Leben dazu“, erinnert sich Käss. „Letzte Hilfe“ stehe als Pendant zur „Ersten Hilfe“. Letztere gehöre zur Allgemeinbildung. „Wir wollen bei den Menschen auch ein Basiswissen für das Sterben schaffen, um Leiden zu lindern“, erklärt Käss eine Zielsetzung des Hospizvereins im Landkreis Schwandorf.

Die Leiden lindern helfen

Lieselotte Käss (links) leitete den jüngsten Kurs in der Neunburger Realschule. Foto: ssu/MZ-Archiv
Lieselotte Käss (links) leitete den jüngsten Kurs in der Neunburger Realschule. Foto: ssu/MZ-Archiv

Leiden lindern, das ist ein Stichwort, denn nicht nur die Sterbenden leiden, oftmals auch diejenigen, die einen geliebten Menschen verlieren. Da ist beispielsweise Maria (Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt, wurde aber auf ihren Wunsch hin für die Veröffentlichung geändert). Jahrelang kümmerte sie sich um ihre schwer kranke Mutter. Einmal unterwegs, um sich davon zu erholen, erreichte sie die Nachricht, dass sich der Gesundheitszustand der Mama massiv verschlechtert hatte: Sie lag im Sterben. Sofort kehrte sie zurück.

„Schau’n Sie Schwester, alle meine Kinder sind da“, sagte die Mutter im Krankenhaus voller Stolz. Doch „plötzlich waren alle weg und ich war allein an ihrem Sterbebett. Dabei hatte ich selbst Panik“, erinnert sich Maria an die Situation. Maria ist ja wieder da, die hat sich immer gekümmert. Sie werde es schon richten, lautete wohl die Devise ihrer Angehörigen. Da war sie also wieder, die Angst vor dem Thema Tod. Vor allem die rasselnde Schnappatmung der Sterbenden erlebte Maria als sehr beklemmend.

Sterbebegleitung

  • Kontakt:

    Eine Kursgebühr für „Letzte Hilfe“ fällt nicht an. Allerdings freut sich der Hospizverein Stadt und Landkreis Schwandorf über jede freiwillige Spende. Weitere Informationen gibt es in der Geschäftsstelle des Hospizvereins unter der Telefonnummer (0 94 31) 79 98 76.

  • Informationen:

    Viele Infos und Ansprechpartner rund um das Thema Hospizbegleitung finden Interessierte auf der Homepage des Palliativ-Hospiz-Netzwerks des Landkreises Schwandorf.

Lieselotte Käss versucht in ihren Kursen, darüber aufzuklären, dass Angst, die schwere Atmung oder Verwirrtheit im Sterbeprozess ganz normale Symptome seien. Die Sterbenden würden darunter nicht leiden. Wichtig sei es, in diesem Zusammenhang auf die richtige Mundhygiene zu achten, dass die Mundhöhle nicht austrocknet. Beispielsweise könne man einen Sprüher zum Befeuchten nehmen. Hier würden Kleinigkeiten oft viel bewirken. Hunger oder Durst hingegen hätten die Sterbenden kaum. Zu viel Flüssigkeit oder Essen würde den Körper, dessen Organe langsam versagen, eher zusätzlich belasten und könnten sogar starke Schmerzen verursachen, weiß die ehrenamtliche Sterbegebleiterin. „Man stirbt nicht, weil man aufhört zu essen oder zu trinken“, fügt Käss hinzu.

„Da zerreißt es Dir alles, das Hirn und das Herz, aber ich wollte nur noch, dass es aufhört.“

Maria über die letzten Stunden mit ihrer sterbenden Mutter

Im Krankenhaus selbst erlebte Maria das Personal als sehr respektoll. Eine Schwester habe ihr gesagt, es gebe Menschen, die sterben erst, wenn alle gegangen sind. Erst wollen sie alle noch einmal sehen, um Abschied zu nehmen. „Das war bei der Mama auch so“, erinnert sie sich. Hinüber zu gehen, sei so schwer, habe die Mutter gesagt. Schließlich habe sie, Maria, die Muter gefragt. „Darf ich gehen?“ Die Mutter bejahte dies und ist tatsächlich kurz darauf gestorben. „Da zerreißt es Dir alles, das Hirn und das Herz, aber ich wollte nur noch, dass es aufhört. Am Anfang willst Du noch ein Leben retten, musst aber erkennen, es geht nicht. Da bis du hilflos“, rekapituliert Maria den Prozess.

„Trauern ist ganz normal“

Hier greifen ebenfalls Angebote des Hospizvereins. Geht es vor dem Sterben noch darum, seine Angelegenheiten zu regeln –das beginnt beim Ausfüllen einer Vorsorgevollmacht über die Patientenverfügung bis hin zu Informationen über die Palliativversorgung –, beginnt danach unter Umständen die Trauerarbeit. „Trauern ist ganz normal. Es ist die natürliche Reaktion auf den Tod“, sagt Lieselotte Käss. Es sei ein Prozess zwischen dem Schmerz des Verlusts und der Suche nach einer neuen Rolle, die man im Leben einnehmen möchte. Hierbei helfe Sterbenden wie Hinterbliebenen ein guter Abschied sehr, das nehme einen Teil der Trauerarbeit vorweg.

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Der Tod ist Regina Reiners Freund

Die Bestatterin aus Cham holt Polizeileichen ab, tröstet Angehörige und organisiert Bestattungen. Der Tod ist immer bei ihr.

Maria erlebte einige Monate nach dem Tod ihrer Mutter einen psychischen Zusammenbruch und fiel ein Jahr lang in eine Depression. In deren Verlauf verlor sie auch ihren Job. Heute arbeitet Maria wieder in ihrem Beruf und weiß: „Dass Pflegende danach zusammenbrechen, ist normal. Das ist gesellschaftlich aber immer noch nicht akzeptiert. Früher dauerte die Trauerzeit ein Jahr. Heute musst Du nur mehr immerzu funktionieren“, kritisiert sie.

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