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Altersarmut

Ein Leben unter der Armutsgrenze

Bei vielen älteren Regensburgern reicht die Rente gerade zum Leben. Eine Betroffene erzählt, was sie glücklich macht.
Von Miriam Pfad-Eder

In einem öffentlichen Mülleimer sucht ein alter Mann nach Verwertbarem. Foto: Rainer Jensen/dpa
In einem öffentlichen Mülleimer sucht ein alter Mann nach Verwertbarem. Foto: Rainer Jensen/dpa

Regensburg.„Und hier finden Sie die Schätze der Bibliothek“, dem stolzen Lächeln folgt ein wacher Blick. Hannah T., 65 Jahre alt, arbeitet hier als Gemeindebibliothekarin. Sie berät, empfiehlt und kümmert sich um Neuanschaffungen. Dreimal wöchentlich arbeitet sie hier und das ehrenamtlich. Und doch gehört sie zu den ca. 17,1 Prozent der Bayern, die, laut Mikrozensus, Amtliche Sozialberichterstattung, bayernweit unterhalb der Armutsgrenze leben. Umgerechnet entspricht das bei der derzeitigen Einwohnerzahl Regensburgs ca. 28 000 Regensburgern mit dem gleichen Schicksal.

Studiert hat Hannah T. Literatur- und Sprachwissenschaften, sie arbeitete in ihrem Heimatland als Lehrerin, Bibliothekarin und Lektorin. Als sie krank wurde und ihr Mann die Arbeit verlor, entschieden sie beide, zu ihrer Familie nach Regensburg zu ziehen.

„Wissen Sie, es ist schlimm, wenn man arbeiten möchte und nicht kann oder darf,“ erklärt sie. Auch nach zehn Jahren besucht Hannah T. regelmäßig den Deutschunterricht. Sie liebt Musik jeglicher Art (von Operette bis Jazz), spricht vier Sprachen, davon Deutsch mit besonderer, grammatikalischer Sorgfalt. „In der Sprache und der Musik bin ich zu Hause,“ lächelt sie.

Zu stolz, sich zu beklagen

Auch wenn die finanziellen Mittel so beschränkt sind, Hannah ist zu stolz, sich zu beklagen. Im Gegenteil: „Ich bin glücklich, hier in Regensburg leben zu dürfen. So Vieles wird mir hier ermöglicht und ich muss doch das Beste daraus machen!“

Mit dieser Lebenssituation ist Hannah T. kein Einzelfall. In Regensburg leben derzeit, laut statistischem Jahrbuch der Stadt Regensburg 2018, über elf Prozent der Menschen älter als 65 Jahre in Armut. Kritisch ist, dass diese ca. 18 000 Einwohner unter der dauerhaften Armutsgrenze leben. Gemäß des WSI Reports (Wissenschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut) vom November 2018 fällt ein Einpersonenhaushalt dann unter die Armutsgrenze, wenn weniger als ca. 1016 Euro monatliches Haushaltsnettoeinkommen nach Abzug von Steuern zur Verfügung stehen.

„Soziale und kulturelle Teilhabe schaffen Integration und Gemeinschaft.“

Britta Kutzner, KulTür e.V.

Dieses Einkommen muss reichen, um die Grundbedürfnisse, Lebensmittel, Kleidung und Lebenskosten zu decken. Soziale und kulturelle Teilhabe, zum Beispiel in Gemeinschaft mit anderen in Konzerte zu gehen, werden zu Luxusgütern. Sie sind zu teuer. Aber gerade diese Dinge sind bedeutend für alleinlebende, ältere Menschen. Sie verhindern die Vereinsamung und Isolation im Alter.

Zunehmend mehr sind Frauen betroffen, die Kinder großgezogen oder in Familienbetrieben als Angehörige mitarbeiteten und auf die Ausübung ihres gelernten Berufes verzichteten. Es ist nicht selten, dass sie von monatlichen Renten von 400 Euro sprechen.

Soziales

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Bemerkenswerter Umgang mit der Situation

So lebt auch Hannah T. Es ist bemerkenswert, wie sie mit ihrer Situation umgeht: „Wissen Sie, was für mich Glück bedeutet? Wenn ich mit anderen Menschen zusammen schöne Dinge wie Konzerte besuchen darf und mit den anderen darüber reden kann. Wenn ich Neues kennenlerne und vor allem wenn ich selbst etwas zurückgeben kann.“

Über KulTür e.V. hat Hannah T. bei Konzerten bereits viele Seelenverwandte gefunden, denn „Musik ist die Sprache, die ohne Worte auskommt. Und wenn man sich regelmäßig sieht, entstehen wertvolle Freundschaften!“ bilanziert Hannah. „Ich bin ein zufriedener Mensch, wenn ich Menschen um mich habe, mit denen ich meine Probleme besprechen, mein Glück teilen kann. Meine Freunde sind mein Zuhause.“

Verschiedene Anlaufstellen

In Regensburg gibt es verschiedene Anlaufstellen für Menschen gehobenen Alters in prekären Situationen: So bietet das „Referat Familie, Senioren und soziale Notlagen“ der Caritas Regensburg Unterstützung hinsichtlich der konkreten Lebenssituation wie auch in der finanziellen Beratung.

Das Seniorenamt der Stadt Regensburg bietet allen Senioren im „Treffpunkt Seniorenbüro“ kostenlose, Beratung und Unterstützung. Ziel ist es, die Menschen aus der Einsamkeit hin zu sozialer Teilhabe zu bringen. Ein neues Angebot ist z. B. der Service von ehrenamtlichen „Kulturbegleitern“.

Britta Kutzner vom Verein KulTür Regensburg Foto: Pfad-Eder
Britta Kutzner vom Verein KulTür Regensburg Foto: Pfad-Eder

KulTür Regensburg e.V. ermöglicht durch die Kooperationen mit über 80 Kulturpartnern Regensburgern unterhalb der Einkommensgrenze von 1200 Euro monatlich die Vermittlung von kostenfreien Kulturangeboten in Form von Eintrittskarten. Sinn und Ziel ist es, den Menschen wieder Mut zu machen, aus der Isolation zu treten, um wieder am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Diese Teilhabe wird zur gesellschaftlichen Herausforderung, denn im Jahr 2036 wird, laut Bayerischem Landesamt für Statistik, Regierungsbezirk Oberpfalz 2018, die Situation der Regensburger im Rentenalter brisant ansteigen: Jeder vierte Stadt- und sogar jeder dritte Landkreis-Einwohner wird älter als 65 Jahre alt sein. Entsprechend mehr Menschen werden in Armut leben.

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